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Veröffentlicht: 18.10.2016, 13:16 Uhr

Brillen-Start-Up Lunettes Vom Flohmarktprodukt zum Mode-Accessoire

Uta Geyer suchte eine Brille – mit der sie besser sehen konnte und die ihren Modewünschen entsprach. Aber kaum jemand verkaufte Vintage-Brillen. Da kam ihr eine Gründungs-Idee.

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© Julia Zimmermann Gründerin von Lunettes: Uta Geyer in ihrem Laden in Berlin Mitte

Eigentlich war Uta Geyer auf der Suche nach einer Brille. Dann kaufte sie eine ganze Optikerausstattung. Das war im Jahr 2005, Uta Geyer hatte gerade ihr Studium in Film- und Fernsehwissenschaften, Kulturwissenschaften, Grafik und Malerei in Frankfurt beendet und war auf Stellen- sowie auf Brillensuche. Während ihres Studiums hatte ihre Sehkraft abgenommen, ihr wurde eine Hornhautverkrümmung an den Augen diagnostiziert.

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Vintage-Kleider und Vintage-Möbel – Stücke von anno dazumal, die im Hier und Jetzt ein zweites Leben bekommen – waren damals schon ein Thema. Geyer suchte nun nach einer Vintage-Brille. „Es gab die Modelle der Optiker“, sagt Geyer. „Wenn sie modisch waren, dann handelte es sich um Lizenzprodukte großer Marken mit prägnantem Logo. Abgesehen davon, dass ich das nicht mochte, waren die mir im Vergleich zur Qualität zu teuer.“

In Deutschland fand sie keine Geschäfte, die Vintage-Brillen anboten, also suchte sie auf Flohmärkten und Ebay. „So stieß ich auf eine alte Optikereinrichtung bei Ebay, eine Theke, dazu Lampen, Brillenregale und Schubladenschränke im Design der fünfziger Jahre.“ Geyer bot mit – und bekam den Zuschlag, für weniger als 300 Euro.

Geschäft am Prenzlauer Berg

Jetzt hatte sie eine ganze Optikereinrichtung. „Ich nahm das als Wink, selbständig wollte ich ohnehin schon immer sein, und ein Geschäft, das Vintage-Brillen verkauft, gab es in Deutschland nicht. So kam ich darauf, es selbst auszuprobieren.“ Aus ihrer Sehschwäche machte sie eine Stärke, eine Geschäftsidee.

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Sie rechnete, welche Kosten auf sie zukämen. „Allein schon bei den Mietpreisen war klar, dass ich das Vorhaben definitiv nicht in Frankfurt in die Tat umsetzen können würde.“ Geyers Schwester wohnte damals in Berlin. „Dort waren die Mieten nicht nur deutlich günstiger, dort gab es auch mehr Menschen, die sich für Vintage-Brillen interessieren. Prenzlauer Berg war der Ort, an dem ich mein Konzept gesehen habe.“

Ein halbes Jahr später, im Februar 2006, eröffnete sie, damals 28, ihren Laden Lunettes. Die Miete: 300 Euro für 16 Quadratmeter an der Marienburger Straße. „Allein für mein WG-Zimmer in Frankfurt habe ich doppelt so viel bezahlt.“

Restbestand von alteingesessenen Optikern

Mit viel Spontanität gründete Geyer ihr Unternehmen – wie so viele andere in Berlin zu dieser Zeit auch. Aber im Gegensatz zu etlichen anderen Spontan-Unternehmen hat Geyer ihr Vorhaben in den vergangenen zehn Jahren mit drei Läden zum Erfolg geführt. Aus Lunettes ist längst eine Marke mit eigenen Brillen geworden.

Geyer zog nach Berlin, schrieb ihren Businessplan, kümmerte sich um staatliche Förderungen und belegte ein Buchhaltungsseminar. „Dazu bekam ich noch einen kleinen Privatkredit bewilligt.“ Sie recherchierte, woher die Brillen kommen würden, was sie im Einkauf kosten und wie viele sie wiederum verkaufen müsste, um die Miete zu bezahlen.

Bei alteingesessenen Optikern fragte sie nach Restbeständen und bekam gut 200 Brillen zusammen – und Antworten, dass bestimmt niemand diese alten Porsche-Brillen haben wolle.

Nerdbrille wieder in Mode

Unter den ersten Kennern kamen solche aber eben doch gerade in Mode. Geyer ließ die Modelle aufarbeiten und verkaufte sie dann weiter. Es war die Anfangszeit der Nerdbrille, ein Trend, aus dem längst ein Klassiker geworden ist, der eine ganze Branche verändert hat. Plötzlich sollte die Brille ebenso sehr medizinische Hilfe wie Accessoire sein.

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