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Verlag für türkische Literatur : Zwischen künstlerischer Freiheit und Zensur

  • -Aktualisiert am

Lesestunde mit Selma Wels und Inci Bürhaniye in den Räumen des Binooki Verlags in Berlin. Bild: Julia Zimmermann

Viele können sich kaum vorstellen, dass türkische Literatur Geschichten liefert, die über Grenzen hinweg funktionieren. Zwei Schwestern wussten es, weil sie selbst türkische Wurzeln haben. Hier verraten sie das Erfolgsgeheimnis ihres kleinen Verlags.

          Wegen eines Theaterprojektes reiste Selma Wels im November 2010 zur Istanbuler Buchmesse. Ihre Schwester Inci Bürhaniye begleitete sie vor allem aus Liebe zur Literatur. Als die in Pforzheim geborenen Schwestern, deren Eltern Mitte der sechziger Jahre aus der Türkei nach Deutschland kamen, vor Ort feststellten, wie digitalisiert und modern der türkische Buchmarkt vertreten war, beschlossen sie, endlich eine Plattform für türkische Literatur in Deutschland zu schaffen. Sie entschieden sich, den Binooki Verlag zu gründen, um türkische Literatur in deutscher Übersetzung verlegen zu können. Der Name kommt vom türkischen Wort „Binokel“, der altmodischen Lesehilfe, auch als Zwicker bekannt.

          Der 2011 gegründete Binooki Verlag sitzt heute in der Motzstraße im Berliner Bezirk Schöneberg. Neben den Schwestern Wels und Bürhaniye hilft eine Studentin im Verlag aus. Die Juristin und Mitbegründerin Inci Bürhaniye steht dem Verlag heute hauptsächlich beratend zur Seite. Übrig bleiben also eineinhalb Mitarbeiter, die sich um das Marketing, den Druck, die Übersetzungen und um die Suche nach geeignetem Stoff kümmern: „Eine normale 40-Stunden-Woche ist das nicht“, gibt die Verlegerin Selma Wels zu. Auf die Frage, ob es ihr schwerfiel, vom Angestelltenverhältnis in die Selbständigkeit zu wechseln, antwortet sie trotzdem, ohne zu zögern, mit einem klaren Nein. Den hohen Arbeitsaufwand nimmt sie in Kauf. Dank des Internets, meint sie, sei das heute überhaupt erst machbar.

          Die studierte Betriebswirtin Wels und ihre Schwester Bürhaniye schrieben 2010 einen Business-Plan, den sie dem Berliner Gründer-Center vorlegten, um einen Kredit zu beantragen. Vor allem Kleinverlage wie Binooki müssen ein starkes Profil vorweisen, um zwischen alteingesessenen Verlagen und dem Online-Versandhandel aufzufallen. Zeitgleich stellten die Schwestern ihr erstes Verlagsprogramm auf. Als das Gründer-Center das Startkapital genehmigt hatte, begannen sie, Lizenzen von türkischen Autoren und Verlegern einzuholen und Übersetzer zu finden. All das funktionierte besser, als die beiden es erwartet hatten. In der Türkei hatte man sich schon gewundert, warum das Interesse aus Deutschland bis dahin so gering war.

          „Achtung Klischeefreie Zone“

          „Es geht darum, Mauern in den Köpfen der Menschen abzubauen“, sagt Selma Wels sechs Jahre später. Den Vorurteilen gegenüber türkischer Literatur entgegenzutreten, empfindet sie seit der Verlagsgründung als die größte Herausforderung. Deshalb hat sich das Verlagsmotto „Achtung Klischeefreie Zone“ auch seit ihrer ersten Buchmesse 2012 nicht mehr verändert. In Deutschland wird häufig davon ausgegangen, dass es in türkischer Literatur ausschließlich um Themen wie das Kopftuch oder den Islam gehe, erzählt Selma. Viele können sich kaum vorstellen, dass türkische Literatur genau wie deutsche Literatur Geschichten erzählt, die über die Landesgrenzen hinweg funktionieren. Vor allem gab es bis zur Gründung des Binooki Verlages die meisten Werke türkischer Autoren überhaupt nicht in deutscher Übersetzung zu kaufen.

          Eine Marketing-Abteilung hat der kleine Verlag auch heute noch nicht. Um trotzdem medienwirksam aufzutreten, bewarb Wels den Binooki-Verlag seit seiner Gründung in den sozialen Netzwerken. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bekamen sie den Virenschleuderpreis 2012 für ihre innovativen Marketing-Maßnahmen im Social Web verliehen. Aber nicht nur virtuell ging Binooki kreativ vor: Für das Verlagsprogramm warben sie auch vor den Türen des Berliner Buchkaufhauses Dussmann, bis man dort auf den Verlag aufmerksam wurde und ihn in das Sortiment aufnahm.

          Selma Wels geht es um „die inneren Werte der Bücher“. Um gehaltvolle Literatur aus der Türkei, die auch jenseits der türkischen Grenze etwas zu sagen hat. Deshalb freut sie sich besonders, dass Binooki mit Ehrungen - wie 2013 mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis - ausgezeichnet wurde. „Das ist sehr wichtig, um sowohl bei den Buchhändlern als auch bei den Kunden auf sich aufmerksam zu machen.“

          Zwischen Klassikern und zeitgenössischen Autoren

          Fünf Jahre nach der Gründung hat der Binooki Verlag heute 27 Titel im Programm. In der Regel gehen sie mit einer Startauflage von maximal 2000 Büchern in den Druck. Autoren, die bei Binooki bereits eine Stammleserschaft haben, werden teilweise auch 3000 Mal gedruckt. Das Programm des Verlages bewegt sich zwischen türkischen Klassikern wie Oguz Atay und zeitgenössischen Autoren. Die Leser seien fast ausschließlich Deutsche, entnimmt Selma Wels der Kundenkartei der Online-Bestellungen. Und Stammkunden. Wer einmal bestellt hat, mache das in der Regel immer wieder.

          Der Beruf des Verlegers ist seit jeher auch ein politischer Beruf - zwischen künstlerischer Freiheit und Zensur. Das bekommt auch Binooki zu spüren, seit der Verlag im Mai 2014 die „Gezi-Anthologie“ veröffentlichte. In dem Buch nehmen junge Autoren Stellung zu den Protesten, die 2013 in Istanbul stattfanden. Seit Erscheinen des Buches bekommt der Verlag keine Übersetzungsförderung mehr aus der Türkei. Die Anträge auf Förderung werden so lange verzögert, bis sie als „nicht mehr förderfähig“ eingestuft werden. Vor allem kleine Verlage, die wie Binooki ohne Rücklagen publizieren, profitieren jedoch enorm von solchen Förderungen. Aber der kleine Berliner Verlag hat sich inzwischen freigeschwommen. „Es gehe auch so, aber schwieriger“, sagt Wels.

          Die Gründer

          Quelle: F.A.Z.

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