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Gründen für vegane Hipster : Für gute Pizza verzichten sie auf 150.000 Euro im Jahr

Matthias Kramer (rechts) und Marc Schlegel Bild: Esra Klein

Matthias Kramer und Marc Schlegel wollten eigentlich eine Dating-App herausbringen. Warum sie statt dessen ein Unternehmen für veganen, glutenfreien und kalorienarmen Pizzateig gegründet haben.

          Sieben Kilogramm Leinsamenmehl im Handgepäck mitzunehmen ist keine gute Idee. Marc Schlegel, 29 Jahre, und Matthias Kramer, 30 Jahre, waren auf dem Weg nach Parma, zu einem italienischen Rohstoffproduzenten, der ihnen angeboten hatte, in seinem Labor an dem perfekten Pizzateig zu arbeiten. Wer dort experimentieren will, muss allerdings seine eigenen Rohstoffe mitbringen. Doch beim Check-in am Frankfurter Flughafen fragte der Sicherheitsmann nur „Ernsthaft?“, als der weiße Sack im Röntgengerät auftauchte. Auf die Frage, was das sei, mit „Mehl“ zu antworten, machte die Sache auch nicht unbedingt besser. Was aussieht wie ein Sack voll Drogen, kommt am Flughafen eben nicht gut an.

          Als Start-up-Unternehmer muss man viel auf die harte Tour lernen, Kramer und Schlegel mussten aber vielleicht noch etwas mehr lernen als andere. Denn die beiden produzieren mit ihrer Firma „Lizza“ einen Pizzateig, obwohl sie keine Pizzabäcker sind. Genauer gesagt haben sie nicht einmal eine Lehre im Backhandwerk gemacht. Und trotzdem setzen sie gerade ihre gesamte Zeit und ihr eigenes Geld dafür ein, einen veganen, glutenfreien und dazu kalorienarmen Fertigteig über das Internet zu verkaufen. Das klingt erst einmal verrückt, folgt aber einem richtigen Plan - und der wird von den beiden professionell und organisiert verfolgt: Jede Information über Maschinen, Lebensmittelverordnungen, Teigzutaten und wie sie zu einem Produkt gemischt werden, mussten die beiden Gründer in den vergangenen Monaten langsam lernen. Ein Viertel ihrer Zeit investieren sie deshalb noch heute in Gespräche mit Maschinenherstellern, Zulieferern, Großbäckereien und Teigexperten. Wie dem Italiener in Parma.

          In dem gut einen Jahr seit der Gründung ihres Unternehmens hat es sich schon mehrfach verändert: Eigentlich hatten Schlegel und Kramer vor, eine Dating-App zu gründen, deren Konzept sie eines Abends ihren Freunden vorstellen wollten. Besser als der Vorschlag kam allerdings die Pizza zum Abendessen an, für die Kramer mit einem Teig aus Leinsamen experimentierte. Die Begeisterung ihrer Freunde steckte die Gründer an, die sich drei Wochen zum Ausprobieren in die Küche einschlossen und am Ende einen Pizzateig und den Namen „Lizza“ entwickelt hatten.

          Küche im Feuerwehrwagen

          Der Name kommt daher, dass der Teig eben aus Lein- und Chiasamen besteht. Um zu testen, ob ihr neues Produkt nur bei ihren wohlgesinnten Freunden oder auch bei noch viel mehr Kunden ankommt, kauften sich die beiden einen alten Feuerwehrwagen, bauten ihn zur mobilen Küche um und verbrachten die nächsten Monate jeden Tag auf einem anderen Lebensmittelmarkt in der Region um Frankfurt.

          Auch wenn die Gründer sich das Backwissen mühsam erarbeiten mussten, haben sie einen anderen Vorteil: Sie kennen sich mit Geschäften aus. Schlegel hat bereits zwei Start-ups in der Schweiz gegründet, wo er auch zwei Masterstudiengänge an der Universität St. Gallen abgeschlossen hat. Der Informatiker Kramer hat zuletzt drei Jahre bei der Deutschen Bank gearbeitet. Über Marketing, IT und Betriebswirtschaft wissen sie also Bescheid. Kramer hat ein Warenwirtschaftssystem in Excel aufgesetzt, das automatisch alle Kosten kalkuliert, Rezepturveränderungen anpasst und die Nährwerte genauso speichert wie Preise für die Rohstoffe. Im Grunde ein selbstgebautes Big-Data-System in klein. „Die Struktur steht, jetzt brauchen wir noch die Umsätze“, sagt Kramer.

          Bei ihren Wochenendausflügen auf die Märkte bemerkten die Gründer nämlich, dass das Konzept „Foodtruck“ schlecht skalierbar ist. Viel Arbeit, große Abhängigkeit vom Wetter und keine Möglichkeit, das Produkt gleichzeitig für mehrere Kunden an verschiedenen Orten anzubieten. Deshalb ist aus dem Pizza-Start-up inzwischen ein Teig-Start-up geworden, statt fertigen Pizzen verkaufen die Gründer nun nur den Teig über das Internet. „Wenn der Markt irgendwann sagt: Gib mir mehr Bequemlichkeit, dann könnte auch wieder eine komplette Pizza dazukommen“, sagt Kramer. Weil das aber mit höheren Kosten verbunden ist, konzentrieren sich die Gründer derzeit nur auf ein Produkt.

          Bio-Versprechen und Hipster-Traum

          Dafür haben sie einen Großbäcker als Investor gewinnen können, der eine fünfstellige Summe investiert hat. Die Mischung aus Krediten und privatem Geld ergab noch einmal eine Summe, die höher ist als jene 100.000 Euro Kapital, welche die Gründer in ihr Start-up gesteckt haben. „Da liegt viel Geld von uns drin, aber das stresst mich überhaupt nicht, denn ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass es funktioniert“, sagt Schlegel. Am Stadtrand von Frankfurt haben die beiden außerdem eine alte Bäckerei übernehmen können. Beste Voraussetzung also für eine industrielle Teigproduktion. Einzig eine Trennwand mussten sie einziehen, denn um die strengen Vorgaben an die glutenfreien Inhaltsstoffe einzuhalten, muss die Backstube hermetisch abgeriegelt sein, damit der Teig nicht verunreinigt wird.

          Seit Februar verkaufen die Gründer ihre Pizza über das Internet, und der Online-Handel kommt gut an: Aus ganz Deutschland bestellen Allergiker und junge, ernährungsbewusste Kunden die Lizza-Pakete, die mit ihrem Bio-Versprechen ein Hipster-Traum sind, der genau in den Zeitgeist passt. Genau wie die persönliche Geschichte der Gründer: Statt bei großen Unternehmen zu arbeiten, wagen sie ein Risiko. „Wir könnten vermutlich 150.000 Euro im Jahr verdienen und kratzen stattdessen Tupperware aus, das ist schon verrückt“, sagt Schlegel. Doch was für die beiden gerade mehr zählt als Gehalt, ist die Vision und Freude an ihrem Produkt. Und wenn es so funktioniert, wie sie es planen, kommt das Geld schon irgendwann.
           

          Die Gründer

          Quelle: F.A.Z.

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