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Veröffentlicht: 08.03.2016, 09:12 Uhr

Logistik leicht gemacht Mit der Datenbrille durch das Lager

Früher hatte der Lagerist bei seiner Artikelsuche einen Zettel in der Hand. Heute braucht er nur noch eine Datenbrille - und hat die Hände frei. Die Software hat sich ein Wirtschaftsinformatiker ausgedacht und daraus ein spannendes Unternehmen gemacht.

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© Edgar Schoepal Sorgt im Lager für den vollen Durchblick: Dirk Franke

Einmal kurz auf den rechten Brillenbügel getippt - und der nächste Auftrag für Gabor Franyo erscheint im Display. Auf dem kleinen Bildschirm seiner W-Lan-Datenbrille bekommt er angezeigt, welchen Stellplatz im 12.000 Quadratmeter großen Hochregallager des Aachener Kosmetikherstellers Babor er ansteuern soll. Mit seinem Schmalspurstapler saust Franyo auf die dritte Etage hoch und setzt mit einem weiteren Tippen auf die Brille den eingebauten Scanner in Gang, um die Barcodes des Stellplatzes und des Artikels zu erfassen.

Christine Scharrenbroch Folgen:

Per Stapler holt der Lagerist die angeforderte Palette mit den Glasampullen aus dem Regal. Wo er sie hinbringen soll, wird ihm ebenfalls auf dem kleinen Display eingeblendet. Früher hat Franyo seine Aufträge per Handscanner abgewickelt. Als Vorteil der Brille empfindet er, jetzt immer beide Hände frei zu haben. An das Tragen des 43 Gramm schweren Hightech-Gestells, das über am Gürtel befestigte Akkus mit Strom versorgt wird, habe er sich rasch gewöhnt, versichert Franyo glaubhaft.

Mit dem neuen Kommissioniersystem Picavi, das die Logcom GmbH aus dem benachbarten Herzogenrath entwickelt hat, wird bei Babor seit knapp einem Jahr gearbeitet. Der Einsatz der Datenbrillen - der Kosmetikproduzent war das erste Projekt für Logcom - hat viel Interesse geweckt. Ob Autobauer, Internethändler, Heiztechnikhersteller, Tierfutteranbieter oder Logistikspezialisten - schon eine ganze Reihe von Unternehmen haben sich hier einen Eindruck von dem neuen System verschafft.

„Die Kunden sehen, dass die Datenbrillen in der Praxis funktionieren“

Die Einführung der Datenbrille samt einer Optimierung der Laufwege habe eine Zeitersparnis von 15 bis 20 Prozent gebracht, berichtet Babor-Geschäftsführer Horst Robertz. Dass er Picavi „live“ präsentieren kann, ist für Logcom-Gründer und Geschäftsführer Dirk Franke äußerst wichtig. „Die Kunden sehen, dass die Datenbrillen in der Praxis funktionieren und es sich nicht mehr um Zukunftsmusik handelt.“ Aber noch hält er weitere Aufklärungsarbeit für nötig, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Technik inzwischen praktisch nutzbar sei. Auch deshalb ist Picavi in diesem Jahr erstmals vom 14. bis 18. März auf der Cebit in Hannover vertreten, in der Start-up-Halle Scale11.

 
Ein Wirtschaftsinformatiker macht mit Datenbrillen Lagerarbeitern das Leben leichter. Serie „Die Gründer“

Der 48 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker Franke kommt aus der Lagerlogistik. Nach einer Station in der IT des Schmierstoffherstellers Fuchs Petrolub hat er sich 1996 schon einmal selbständig gemacht: Mit einem Partner baute er die Toolbox Software GmbH auf, die auf Kommissioniersysteme für Großbackbetriebe spezialisiert ist. Nach dem Verkauf seiner Anteile im Jahr 2012 war Franke eine Zeit lang als Interimsmanager tätig, verspürte dann aber wieder den Drang, sich unternehmerisch zu betätigen.

Gemeinsam mit Alexander Voß, Professor für Angewandte Informatik an der Fachhochschule Aachen, trieb er die Idee voran, Datenbrillen in der Lagerlogistik nutzbar zu machen. Im Dezember 2013 gründeten sie schließlich die Logcom GmbH. Als Investoren beteiligten sich die DSA Invest GmbH aus Aachen und der „Seed Fonds II Aachen“, eine Wagniskapital-Initiative unter anderem der NRW-Bank und der Sparkasse Aachen, die von der Beteiligungsgesellschaft S-UBG gemanagt wird.

„Wir brauchen das tragbarste Modell“

Sämtliche Datenbrillenhersteller in den Vereinigten Staaten und Japan hat Franke damals besucht, mit fast allen Produzenten ist Logcom heute über Liefervereinbarungen und Partnerschaftsprogramme verbunden. Zum Einsatz kam bisher aber vornehmlich Google Glass, die Datenbrille aus dem Haus des amerikanischen Suchmaschinenkonzerns. „Wir brauchen nicht die Brille mit den schnellsten technischen Eigenschaften, sondern das tragbarste Modell“, sagt Franke.

Für den Einsatz im Lager haben die beiden Gründer die passende Software entwickelt, die an die jeweiligen Abläufe angepasst und an das bestehende Warenwirtschaftssystem angebunden wird. Auf den Brillen werden nur die notwendigsten Daten gespeichert (und per W-Lan aktualisiert), die Hauptrechenleistung läuft im Hintergrund.

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„Das Knowhow steckt unter anderem in der Benutzerführung - da ist weniger mehr.“ Mittlerweile haben neun Unternehmen, darunter ein Stahlhändler, eine Großbäckerei und ein Händler für Arbeitsbekleidung das System im Einsatz. Bis Ende 2016 rechnet Franke mit insgesamt rund 40 Installationen, die Umsatzschwelle von einer Million Euro will er im Laufe dieses Jahres deutlich überschreiten. Gearbeitet wird mit den inzwischen 14 Festangestellten - darunter neun Softwareentwickler - derzeit unter anderem an der Systemeinführung bei einem Lebensmittelhändler.

Nur wenige Wettbewerber

Noch sieht Franke die Zahl der Wettbewerber - etwa Ubimax aus Bremen und Itizzimo aus Würzburg - als überschaubar an. „Aber das wird sich rasch ändern, denn es gibt eine große Nachfrage.“ Der Logcom-Geschäftsführer rechnet damit, dass sich auch die großen Hersteller von Lager- und Logistiksystemen des Themas Datenbrillen annehmen werden. Neben dem eigenen Projektgeschäft sieht er auch Wachstumschancen darin, für solche Anbieter ganzer Logistiksysteme als Zulieferer zu agieren.

Auch über die Lagerlogistik hinaus kann sich Franke den Einsatz der Brillen vorstellen, setzt hier aber stark auf Kooperationspartner. Beim Lager allein will es auch Babor-Geschäftsführer Robertz wohl nicht belassen. Noch für dieses Jahr plant er ein Pilotprojekt im Entwicklungslabor. Die Datenbrillen könnten dort etwa Anleitung beim Abwiegen von Rohstoffen geben.

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