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Kreatives Start-up : Der Blick hinter die Fassade

  • -Aktualisiert am

Stefanie Gerke (linkes), Nele Heinevetter (Mitte) und Katharina Beckmann Bild: Matthias Lüdecke

Kunst- und Architekturführungen sind häufig langweilig. Das Berliner Unternehmen Niche macht es möglich, die Stadt abseits der bekannten Reiseführer-Routen zu entdecken. Und ist ein echtes Frauen-Start-up.

          Vor der Perleberger Straße 60, einem unscheinbaren Altbau, der zurzeit von einem Baugerüst verdeckt wird, findet sich an einem Samstagmittag eine Gruppe von ungefähr fünfzehn Leuten zwischen zwanzig und sechzig Jahren ein. Im Rahmen der Berlin Art Week bietet das Unternehmen Niche unkonventionelle Führungen durch unterschiedliche Berliner Bezirke an. Durch das unaufgeregte Wohn- und Arbeiterviertel Moabit führen die beiden Studentinnen Julia Heldt und Leona Koldehoff. Nachdem sich die Teilnehmer um eine Skulptur im Erdgeschoss des Gebäudes im Art Laboratory Berlin versammelt haben, eröffnet die vierundzwanzigjährige Koldehoff, die an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) Kunst und Bildgeschichte studiert, die Führung: „Wir werden heute fünf spannende Ausstellungsorte in Moabit besuchen, um dort die Künstler, aber auch die Leute hinter den Einrichtungen besser kennenzulernen.“ Auf dem Programm stehen unter anderem der Kunstverein Tiergarten, aber auch kleinere Ausstellungsräume, wie die Galerie Manière Noire.

          Nach Angaben des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. (BVDS) wurden im Jahr 2015 nur 13 Prozent der in Deutschland angemeldeten Start-ups von Frauen gegründet. Die Architektin Katharina Beckmann und die Kunstwissenschaftlerinnen Nele Heinevetter und Stefanie Gerke gründeten ihr Unternehmen Niche bereits 2009. Als die drei Niche-Girls, wie sie in der Berliner Kunstszene auch genannt werden, mit ihrer Idee, personalisierte Kunst- und Architekturführungen durch Berlin anzubieten, beim Businessplan-Wettbewerb der Investitionsbank Berlin-Brandenburg den zweiten Platz machten, waren sie nicht nur das einzige Team weiblicher Gründer, sondern auch die Einzigen mit einer Geschäftsidee aus dem Kreativbereich.

          Obwohl die drei damals noch studierten und nebenher arbeiteten, hielt dies sie nicht davon ab, eigenhändig eine Marktanalyse durchzuführen und ihren Businessplan bis ins Detail selbst auszuarbeiten. Sie konzeptionierten Test-Führungen und sprachen sich danach mit den Teilnehmern ab, was es zu verbessern gab. „Als wir im Rahmen eines Seminars an der Humboldt-Universität die Möglichkeit hatten, anstelle einer Hausarbeit einen Businessplan zu schreiben, hatte ich mir das zunächst gar nicht zugetraut“, sagt die heute zweiunddreißigjährige Niche-Mitbegründerin Stefanie Gerke, die zurzeit an der Humboldt-Universität in Kunst- und Bildgeschichte promoviert.

          Individuelle Touren

          Das Besondere an den Führungen durch Niche ist, dass jede Tour individuell ausgearbeitet wird und Berlin abseits von den Orten, die aus Reiseführern bereits bekannt sind, erkundet werden soll. Die Touren, die in die Townhouses, moderne Wohnanlagen auf dem ehemaligen Berliner Mauerstreifen, bis hinein in versteckte Ausstellungsorte gehen und dort den Teilnehmern das Gespräch mit den Architekten und Künstlern ermöglichen, werden auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch angeboten.

          Für private Kunst- und Architekturinteressierte entwickelt Niche für eine Gruppe von bis zu 6 Personen ab 250 Euro eine maßgeschneiderte Tour. Mit dem Angebot sprechen die Gründerinnen vor allem Architekturbüros oder Kreativunternehmen an. Anhand von Vorabsprachen und Probeführungen versucht das Niche-Team das Interesse des jeweiligen Kunden so präzise wie möglich aufgreifen zu können. Die drei Gründerinnen werden dabei mittlerweile von 10 Mitarbeitern unterstützt. Die meisten davon angehende Kunstwissenschaftler, Historiker oder Architekten.

          „Uns ist es wichtig, nicht vor der Fassade eines Gebäudes stehen zu bleiben, sondern hineinzugehen“, sagt die dreiunddreißig Jahre alte Architektin Katharina Beckmann. „Wir wollen den Teilnehmern keinen vorgefertigten Text vorbeten, sondern neue Blickwinkel und Zugänge aufzeigen“, fügt sie hinzu. Um solche Einblicke zu ermöglichen, sind die drei Gründerinnen in Berlin gut vernetzt: Niche steht in permanentem Kontakt mit den jeweiligen Architekten, Künstlern, Kuratoren oder Direktoren.

          Zusammenarbeit von Freundinnen

          Die drei jungen Frauen stehen mit Energie und Konzentration hinter dem, was sie tun. Während Heinevetter, die zwischen 2012 und 2014 mit Nina Pohl den Schinkel-Pavillon - einen der wichtigsten Ausstellungsorte zeitgenössischer Kunst in Berlin - leitete, sich mittlerweile hauptberuflich auf Niche konzentriert, arbeiten Beckmann und Gerke nebenher als wissenschaftliche Mitarbeiterin beziehungsweise Studienkoordinatorin an der Universität. Wenn das Trio im schattigen Hinterhof ihres Büros in Berlin Mitte sitzt, Himbeeren nascht und mit den Nachbarn scherzt, die witzeln, dass die drei Frauen ihr Büro für das Interview ins Freie verlegt haben, merkt man, dass es Freundinnen sind, die hier zusammen arbeiten. Mit Humor und Charme bestreiten sie die Vor- und Nachteile, die mit der Selbständigkeit einhergehen. Offenbar erfolgreich - im September war Niche bereits das vierte Jahr in Folge Kooperationspartner der Berlin Art Week.

          Beckmann, Gerke und Heinevetter organisieren neben den Touren zusätzlich Veranstaltungen und zeitweise sogar Ausstellungen. „Ich finde, das Beste daran, selbständig zu sein, ist, dass man nie weiß, was als Nächstes kommt“, so die vierunddreißig Jahre alte Nele Heinevetter. „Seitdem wir das Kerngeschäft, die Touren, beherrschen, ist da wieder Raum für neue Ideen und Projekte.“

          Quelle: F.A.Z.

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