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Gründerserie : Vom Fahrtenschreiber zum Fuhrparkmanagement

Am Anfang war ein weißes Blatt Papier: Vimcar-Gründer Andreas Schneider Bild: Matthias Lüdecke

Das Berliner Start-up Vimcar digitalisiert für seine mehr als 25.000 Kunden die Fahrtenbuch-Verwaltung. Die Gründer wollen nun mit weiteren digitalisierten Fuhrparkdiensten wachsen.

          Es herrschte so etwas wie Goldgräberstimmung, als sich Andreas Schneider vor vier Jahren entschied, ein eigenes Unternehmen auf dem Geschäftsfeld vernetztes Auto zu gründen. So gut wie jeder Autohersteller arbeitete damals schon daran, seine neuen Fahrzeuge mit dem Internet zu verbinden, um den Fahrern digitale Dienstleistungen anbieten zu können. Auch die großen amerikanischen Technikkonzerne Google und Apple hatten eigene Betriebssysteme fürs Auto auf den Markt gebracht, um in dem Spiel mitzumischen.

          Doch während damals viele neue Dienstleistungen teils werbefinanziert mit Navigation, Information oder Unterhaltung auf den Endkunden zielten, konzentrierten sich Schneider und seine Mitgründer Christian Siewek und Lukas Weber auf eine trocken anmutende Materie: das Fahrtenbuch aus Papier zu digitalisieren. „Das war zwar nicht besonders sexy“, sagt Schneider heute. „Aber jeder, der ein Fahrtenbuch führen muss, kann nachvollziehen, was wir anbieten.“ Jeder sind in diesem Falle zum Beispiel Selbständige, die ihr Auto sowohl privat als auch beruflich nutzen, oder auch Dienstwagenbesitzer, die ein Fahrzeug für beide Zwecke einsetzen. Damit sie die Nutzung in der Steuererklärung geltend machen können, müssen sie penibel nachhalten, wann sie in welcher Funktion unterwegs waren. Auch für die Gründer selbst hatte die Konzentration auf das Fahrtenbuch einen Vorteil: Sie fokussierten ein relativ überschaubares Thema. „Wir wollten uns am Anfang nicht verzetteln“, sagt Schneider.

          Der Anfang von Schneiders Unternehmen, der Berliner Vimcar GmbH, war ein weißes Blatt Papier. Ende des Jahres 2013 skizzierten die Gründer darauf, wie sie vorgehen wollten, schildert der 31 Jahre alte Betriebswirt. Ein Jahr später begannen sie dann, ihr Angebot zu vermarkten und zunächst Selbständige und Einzelunternehmer als erste Kunden zu gewinnen. Das digitale Fahrtenbuch boten sie als Software und Dienstleistung an, heute kostet die Nutzung je Fahrzeug 15,90 Euro im Monat. Die Kunden können das Fahrtenbuch über Smartphones, Tabletcomputer oder den heimischen Computer einsehen und verwalten. Um die einzelnen Fahrten aufzuzeichnen und genau zu registrieren, nutzt Vimcar indes einen Zugang zum Auto, der seit rund 15 Jahren in jedem Neuwagen verbaut sein muss: die OBD-Schnittstelle. OBD steht für On-Board Diagnostics.

          Die meisten Kunden sind Selbständige

          Normalerweise nutzen Werkstätten die Steckerbuchse, um auf die internen Computer- und Diagnosesysteme eines Autos zuzugreifen. Die Kunden von Vimcar schließen dort einen kleinen Adapter des Unternehmens an, der über eine eigene Sim-Karte und ein GPS-Modul verfügt. Wie ein Handy sendet der Stecker den genauen Standort und somit auch die Fahrstrecken eines Fahrzeugs an die Server des Unternehmens.

          Inzwischen hat Vimcar mehr als 25.000 Fahrzeuge mit seinen Steckern ausgerüstet. Schneider will sich zwar zum Umsatz seines Unternehmens nicht im Detail äußern. Hochgerechnet mit der monatlichen Nutzungsgebühr von rund 16 Euro dürften die Erlöse aber folglich etwa 400.000 Euro im Monat betragen – macht einen Jahresumsatz von rund 5 Millionen Euro. Den Schwerpunkt der Kunden bilden immer noch Selbständige, sagt Schneider. Doch kommen ihm zufolge inzwischen immer mehr kleine und mittlere Unternehmen hinzu. Mitunter finden sich dort aber auch große Namen, wie Schneider sagt – der Online-Händler Zalando etwa oder der Versicherer Allianz.

          Das Kundensegment Unternehmen will sich Vimcar nun mit weiteren Angeboten erschließen. Schneider schwebt vor, der digitale Fuhrparkleiter für Unternehmen mit einem Fahrzeugbestand von fünf bis fünfzig Autos zu werden, wie er umschreibt. „Diese Unternehmen beschäftigen sich mit den lästigen Fuhrparkthemen nicht“, sagt er. Die Aufgaben würden oft zusätzlich einem Mitarbeiter übertragen, der eigentlich anderes zu tun habe, als sich um Dienstwagen, Tankkarten oder auslaufende Leasingverträge zu kümmern. Ein weiteres Zukunftsfeld für Vimcar sei es, gemeinschaftlich genutzte Fahrzeuge in einem Unternehmen zu verwalten.

          Externe Investoren gleichen Verluste aus

          Über eine Buchungssoftware können Mitarbeiter überblicken, welche Autos gerade frei sind. Das Unternehmen wiederum weiß, wo welcher Mitarbeiter mit welchem Fahrzeug gerade unterwegs ist. So lasse sich zum Beispiel auch der Einsatz von Wartungstechnikern effizienter planen, sagt Schneider.

          Gewinn erwirtschafte Vimcar noch nicht, sagt Schneider. Die im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsberichte für die Jahre 2015 und 2016 weisen Jahresfehlbeträge von 738.000 Euro beziehungsweise 654.000 Euro aus. Die Verluste des inzwischen rund 50 Mitarbeiter großen Unternehmens gleichen externe Investoren aus. Vor rund einem Jahr hat das Unternehmen weitere Finanzmittel aufgenommen und zwei neue Finanziers gewonnen, einer davon der Wagniskapitalarm des an der Technischen Universität angesiedelten Gründungszentrum Unternehmer TUM. „Weil unsere Kunden eine gewisse Zahlungsbereitschaft mitbringen, wäre es schon möglich, profitabel zu sein“, sagt Schneider. Doch gehe es ihm jetzt erst einmal darum, weitere Funktionen zu entwickeln und vor allem weiter zu wachsen.

          Die nächsten Wachstumsschritte wollen Schneider und seine Mitstreiter aus eigener Kraft erreichen. „Es ist nicht unser Ziel, kurzfristig übernommen zu werden“, sagt er. Anders sieht es mit dem Thema Internationalisierung aus. Vimcar schiele auf andere Märkte, sagt Schneider. Welche das sind, lässt er offen. Doch rechnet er sich auch in anderen Ländern gute Chancen aus. „Selbst wenn wir ausschließlich beim Fahrtenbuch geblieben wären, wäre es möglich gewesen, ins Ausland zu expandieren.“ Das Flottenmanagement sei jedoch noch universaler. „Leasingvertragsmanagement, Fahrzeugbuchung oder die Tankkartenverwaltung funktionieren schließlich anderswo auch nicht komplett anders.“

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