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Gründerserie : Kühe haben es faustdick hinter den Ohren

Schlaue Sensoren: Smartbow-Chef Wolfgang Auer (links) und Gerald Schatz vom Linzer Gründungszentrum LCM Bild: Smartbow

An den Bewegungen der Ohren kann man erkennen, ob eine Kuh hungrig, krank oder brünstig ist. Da lag diese Geschäftsidee eigentlich nahe: Wolfgang Auer hat Ohrmarken elektronisch aufgerüstet. Nun senden sie dem Bauern Signale aufs Handy.

          Erfahrene Landwirte erkennen, wie es ihren Tieren geht. Aber dafür müssen sie viel Zeit mit ihnen verbringen. „Seit wir die neuen Ohrmarkerl haben, gehe ich viel seltener in den Stall“, sagt Eva Roitinger. „Wenn mit einem der Tiere etwas ist, bekomme ich eine SMS und schaue nach.“ Die fröhliche Bäuerin kennt sich mit technischen Dingen nicht sehr gut aus, wie sie sagt, „aber das mit der neuen Anlage bekomme ich hin.“ Wenn eine der 63 Kühe Schwierigkeiten beim Wiederkäuen hat, warnt das Telefon mit dem Symbol eines Grasbüschels. Wenn sie brünstig ist, erscheint ein Herzchen, wenn die Geburt eines Kalbes bevorsteht, ein Kinderwagen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auf Roitingers Hof im oberösterreichischen Weibern westlich von Wels testet das Unternehmen Smartbow seine Entwicklungen. Der Betrieb hat sich auf Ohrmarken spezialisiert, die das Verhalten und Wohlbefinden von Rindern messen und diese Informationen weitersenden. Am Bildschirm erkennt der Landwirt nicht nur, wo sich welches Tier gerade befindet, sondern auch, was es tut: ob es liegt, frisst, säuft oder ob sich eine Krankheit ankündigt.

          „Die Bewegung der Ohren verrät uns fast so viel, als wenn die Kuh sprechen könnte“, sagt Wolfgang Auer, der Gründer und Geschäftsführer der Smartbow GmbH in Weibern. Er und seine Entwickler haben herausgefunden, dass die Art und Weise der Bewegung, die Mikrobeschleunigung und die Frequenz Aufschluss darüber geben, was die Kuh gerade tut und wie es ihr geht. „Man kann das neuronale Netze nennen, künstliche Intelligenz, Big Data oder Farming 4.0“, sagt Auer. „Entscheidend ist, dass sich das System ständig von selbst verbessert. Das hilft dem Vieh, den Landwirten und auch dem Verbraucher.“ Im kanadischen Calgary etwa, wo Smartbow einen Mastbetrieb mit 50.000 Rindern ausrüsten konnte, haben die Ohrmarken bei einigen Tieren das Frühstadium eines Lungenleidens festgestellt – 72 Stunden, bevor die Krankheit ausgebrochen wäre. „Unser Verfahren spart Medikamente und Hormone, die kein Kunde in Fleisch oder Milch haben will“, sagt Auer. Die Pharmaindustrie unterstütze den Ansatz, seit sie sich vom reinen Arzneimittellieferanten zum Dienstleister für Tiergesundheit entwickele. Ein guter Beleg dafür ist, dass Smartbow soeben eine Kooperation mit Zoetis eingegangen ist, dem Weltmarktführer für Tierarzneimittel.

          „Die Bestellungen sind der Wahnsinn“

          2009 gegründet, hat Smartbow im zurückliegenden Jahr zwei Millionen Euro umgesetzt. 2017 will das Unternehmen operativ kostendeckend sein. Die Gesellschafteranteile liegen bei Auer und bei seiner Schwiegerfamilie, die gemeinsam mit der öffentlichen Forschungsförderung auch den Großteil der Investitionen gestemmt hat. Auers Schwager leitet in Weibern das Familienunternehmen MKW, das Toilettensitze, Autoteile und Drahtkörbe für Kühltruhen herstellt. Die MKW-Maschinen produzieren die Gehäuse für die Ohrmarken.

          Auer hat große Pläne: 35.000 Marken hat er bisher verkauft, die Gerätenummern lassen sich bis 100 Millionen erweitern. Derzeit liefert Smartbow, das 36 Mitarbeiter beschäftigt, jeden Monat 2500 bis 3000 Sensoren aus. „Die Bestellungen sind der Wahnsinn“, freut sich der Gründer. Den Markt beschreibt er als riesenhaft, denn von den mehr als 280 Millionen Rindern auf der Welt trügen weniger als ein Prozent irgendeine Art von Sensor. Smartbow liebäugelt vor allem mit den großen Höfen in Nord- und Südamerika, in der Türkei und auch in Russland, wo die Produktion aufgrund des Embargos dringend effizienter werden müsse. In Europa litten die Bauern unter niedrigen Milchpreisen, langsam aber erhole sich auch hier der Markt.

          Die intelligenten Ohrmarken kosten 85 Euro je Tier sowie jährlich 4 Euro für Wartung und Updates. Die Installation der Funkanlagen, welche die Signale an den Rechner weiterschicken, wird extra verrechnet. Wie sich die Investition auszahlen kann, zeigt das Beispiel von Auers erstem Kunden. Das war ein schwedischer Landwirt, der Melkroboter für 400 Kühe nutzte. Tiere, welche die Maschine zu kurz oder gar nicht ansteuerten, mussten früher mühevoll gesucht und zur Melkstation zurückgeführt werden. Das erforderte vier Stunden Arbeit am Tag. Dank der gezielten Lokalisierung über den Ohrsender ließ sich der Aufwand erheblich verringern. Das Aufspüren individueller Tiere war es auch, das Auer auf seine Geschäftsidee brachte. Nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik arbeitete er zunächst für den oberösterreichischen Agrartechnikkonzern Schauer. Bei der Erprobung einer Fütterungsanlage musste der junge Mann damals unter 1000 Schweinen fünf Tiere wiederfinden, was misslang. Daraufhin entwickelte er die Marken und beobachtete, dass sich in der Bewegung der Ohren wiederkehrende Muster zeigten – je nachdem, was das Tier tat und wie gesund es war.

          Für die Kühe bleibt immer weniger Zeit

          Da der Schweinepreis verfiel und die Bauern kein Geld für neue Techniken hatten, stieg Auer auf Rinder um. Einen verlässlichen Partner fand er in Gerald Schatz, dem Leiter des Linz Centers of Mechatronics (LCM). Die halbstaatliche Einrichtung begleitet Start-up-Unternehmen bei der Entwicklung und Inbetriebnahme neuer Produkte. Derzeit arbeiten fünf LCM-Experten ausschließlich für Smartbow.

          Auer kennt Forschungslabore so gut wie Ställe. Er ist selbst auf einem Bauernhof groß geworden, bis heute kümmert er sich als Nebenerwerbslandwirt um die 30 Kühe der Familie. Allerdings bleibt dazu immer weniger Zeit, je mehr der Unternehmer zwischen Kunden in Japan und Amerika hin und her fliegt: „Derzeit bin ich mehr in fremden Ställen als in meinem eigenen“.

          Quelle: F.A.Z.

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