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Veröffentlicht: 18.04.2017, 08:51 Uhr

Gründerserie Kochen für Eilige

Alle Zutaten an einem Ort, dazu noch der passende Wein: Mit diesem Rezept lockt Kochhaus-Gründer Ramin Goo auch weniger Begabte an den Herd.

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© Andreas Pein Ramin Goo

Es ist eine bessere Studentenküche, in der die Produkte der Berliner Kochhaus GmbH entstehen. Ein kleiner Kühlschrank, ein schon etwas älterer Herd, dazu eine Spüle mit dem obligatorischen Abtropfbehälter von Ikea: Das muss reichen, um ein neues Rezept dem Praxistest zu unterziehen. Die Flaschen mit Essig und Öl stehen auf der Fensterbank, die Tütchen mit den Gewürzen in einer schlichten Plastikkiste. „Wie bei unseren Kunden zu Hause“, sagt Ramin Goo, der 36 Jahre alte Gründer des Unternehmens. Etwas Besonderes zu kochen, das soll auch ohne eine Luxusküche gelingen.

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Im Jahr 2010 sind Goo und seine zwei Partner mit dem Versprechen angetreten, das Kochen radikal zu vereinfachen. Die inzwischen 13 Kochhäuser in Deutschland richten sich an Menschen, die nicht ständig Spaghetti Bolognese machen wollen, die aber auch keine Zeit haben, für ausgefallenere Gerichte etliche Läden abzuklappern. Deshalb gibt es im Kochhaus für jedes Gericht einen Tisch, auf dem alle Zutaten in exakt der benötigten Menge bereitliegen – und auch das bebilderte Rezept, das Schritt für Schritt durch die Zubereitung führt. Aktuell gibt es unter anderem Schmetterlingsnudeln (Farfalle) mit Basilikum-Cashew-Pistou und Lamm in Kräuterkruste. Wer will, kann gleich noch den passenden Wein mitnehmen. Den Kunden scheint es zu schmecken: Im vergangenen Jahr summierte sich der Umsatz auf 11,5 Millionen Euro.

 
Er kocht gern, aber kauft ungern ein: Das inspirierte diesen Unternehmensgründer zu einer Geschäftsidee.

Die Idee kam Goo, der seinen exotischen Namen von seinem chinesischstämmigen Vater hat, schon während seines Studiums an der privaten Wirtschaftshochschule in Vallendar. Immer wieder hetzte er abends kurz vor acht in den Supermarkt, um seine Kochpläne dann doch wieder zu verwerfen. Der Ingwer ausverkauft, der Koriander verwelkt, von Kurkumapulver keine Spur. Und selbst wenn alles vorhanden war, vergaß Goo garantiert eine Zutat. „Ich habe immer gerne gekocht, aber nie gerne eingekauft.“

Bei McKinsey spürte er zu wenig Raum für Kreativität

Vom ersten Gedanken bis zum fertigen Unternehmen war es dennoch ein weiter Weg. Nach seinem Abschluss machte Goo zunächst einmal das, was so viele Absolventen von Wirtschaftshochschulen machen: ein Praktikum bei McKinsey, aus dem schnell eine Anstellung wurde. Doch der Berateralltag erfüllte ihn nicht: zu viele Powerpoint-Präsentationen, zu wenig Raum für Kreativität. Nach zwei Jahren legte er ein Sabbatical ein. Eigentlich, um seine Promotion zum Thema „Entrepreneurship“ zu schreiben. Daraus wurde dann ein Versuch in eigener Sache.

Viele potentielle Geldgeber waren zunächst skeptisch. Ausgerechnet Lebensmitteleinzelhandel? Eine Branche, in der man es mit Kühlketten, niedrigen Margen und Kunden zu tun hat, die „Geiz ist geil“ zu ihrer Lebensphilosophie erkoren haben. „Damit hast du nur Ärger“, warnten Freunde und Kollegen. Doch Goo ließ sich nicht beirren: „Ich habe total an die Idee geglaubt.“ 800 000 Euro Startkapital waren nötig. Viel Geld, aber den Gründern war klar: „Die Läden müssen gut aussehen.“ Das Geld stammt großteils von Business Angels, die bis heute am Unternehmen beteiligt sind. Die Gründer selbst steuerten insgesamt 25 000 Euro bei. Als das erste Kochhaus im gutsituierten Berliner Stadtteil Schöneberg im September 2010 schließlich seine Türen öffnete, wurden sie nicht enttäuscht: Um 13 Uhr war alles ausverkauft.

Seit 2015 ist das Kochhaus laut Goo operativ profitabel. Allerdings fließt derzeit viel Geld in die Expansion. Auch im europäischen Ausland soll es bald Kochhäuser geben, etwa in Wien und in Zürich. In Deutschland soll der Lieferservice, mit dem schon jetzt mehr als jedes fünfte Gericht zum Kunden kommt, ausgebaut werden. Zwei Stunden von der Bestellung bis zur Lieferung sind das Ziel. In Berlin kooperiert das Unternehmen neuerdings mit Amazon und dessen schnellem Lieferdienst „Prime Now“. Dort liefern Kuriere die Kochsets sogar binnen einer Stunde aus.

Und dann gibt es da noch die handlichen Kochhaus-Boxen, die es seit kurzem in ausgewählten Rewe- und Edeka-Supermärkten gibt: Sie enthalten alle für ein Gericht erforderlichen Grundzutaten, etwa Pasta und Gewürze. Frische Produkte, etwa Fleisch, Gemüse und Sahne, müssen die Kunden dann noch selbst im Supermarkt mitnehmen.

Den Start-up-Charakter nicht verlieren

Die Kochhäuser vor Ort sollen gleichwohl das Herzstück des Unternehmens bleiben. Jedes Jahr will Goo drei bis fünf neue eröffnen, das langfristige Umsatzziel bewegt sich zwischen 30 und 50 Millionen Euro. Zugleich legt Goo Wert darauf, dass das Unternehmen trotz seiner inzwischen 170 Mitarbeiter seinen Start-up-Charakter nicht verliert: Geführt wird es aus einer verwinkelten Altbauetage unweit des Kochhauses in Schöneberg, samt besagter Versuchsküche und improvisiertem Fotostudio im Gang.

Die Rezepte für die Gerichte stammen von einem halben Dutzend Köche, die aber nicht namentlich in Erscheinung treten. Der italienische Einschlag kommt nicht von ungefähr: Goo hat nach dem Abitur ein soziales Jahr in Palermo absolviert und dort seine Liebe zum Kochen entdeckt. Er sagt aber auch: „Der Pasta-Anteil ist größer als gedacht.“ Ganze Dorade, Muscheln, aber auch Desserts mit Seidentofu erwiesen sich als nicht massentauglich: „Da haben die Leute Angst“, sagt Goo.

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Bei der Preisfindung verlässt er sich, eher untypisch für einen ehemaligen Unternehmensberater, auf seine Intuition. Am Anfang steht stets die Frage, was ein Kunde wohl im Restaurant für ein bestimmtes Gericht zahlen würde. Etwa die Hälfte dessen wird später an der Tafel im Kochhaus stehen. Die meisten Gerichte bewegen sich bei vier bis sechs Euro je Person. Im Schnitt kostet eine Kochhaus-Tüte etwa ein Drittel mehr, als wenn sich die Kunden alle Zutaten einzeln besorgen würden. Es ist ein Aufpreis, den sie für diesen Service offenbar gerne zu zahlen bereit sind.

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