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Gründerserie : Für Daniel Goodwin wurde Kunst zum Beruf

  • -Aktualisiert am

Daniel Goodwin Bild: Henning Bode

Galerien gibt es viele. Ihren Inhaber ernähren sie aber nur selten. Das wollte Daniel Goodwin besser machen – mit einer Galerie für moderne Kunst zu erschwinglichen Preisen.

          Die meisten Unternehmensgründer sind jung und technikaffin. Daniel Goodwin hatte bereits seinen 45. Geburtstag hinter sich und statt der Technologiebranche den Kunsthandel im Blick, als er 2015 in Hamburg eine eigene Galerie (www.goodwin-gallery.com) eröffnete. Auf 90 Quadratmetern Fläche im Parterre mit Souterrain eines sanierten, ehrwürdigen Kontorhauses in bester City-Lage verkauft Goodwin seitdem hochwertige Kunst – „einzigartig, individuell, aber erschwinglich“. Sein Angebot umfasst zeitgenössische und moderne Malerei, figurativ wie abstrakt, dazu Grafik, Fotografie, Videokunst und Design-Objekte mit besonderem Augenmerk auf Gegenwartskunst. Die Werke sollen ein breites Publikum ansprechen, auf Anhieb Herz und Geist des Kunden berühren und vor allem bezahlbar sein. Die Preise bewegen sich zwischen tausend und zehntausend Euro – mit wenigen Ausnahmen nach oben und unten. Zum Service gehören bundesweite Lieferung, Hängung frei Haus und eine Tausch-Rückgabe-Garantie.

          In seinem Bemühen um „Affordable Art“ liegt der Galerist offenbar richtig: Aktuelle Marktdaten spiegeln das Interesse an qualitätvoller Kunst zu moderaten Preisen und das rasante Wachstum dieses Kunstsegments. Trotz immer mehr Online-Handel spielen stationäre Galerien dabei eine wichtige Rolle. Denn potentielle Käufer können dort Kunst vor Ort sehen, erleben und sich beraten lassen. Der Trend zu bezahlbarer Kunst machte Goodwin vor nunmehr zwei Jahren Mut, eine eigene Galerie zu starten. Die als Anfangskapital benötigten 80 000 Euro ließen sich zu etwas mehr als der Hälfte aus Eigenmitteln finanzieren, der Rest durch eine private Anleihe ohne fremdes Geld und Gründerkredit. Von der Konzeption des Unternehmens bis zur Realisation eines Einzelunternehmens vergingen zwölf Monate.

          Daniel Goodwin ist Amerikaner und wurde 1968 in der Region Basel in der Schweiz geboren. Dass er Hamburg als Standort für seine Galerie wählte, hat mit seiner beruflichen Biographie, aber auch mit den ökonomischen Chancen dieser Stadt zu tun: „Hamburg hat eine vergleichsweise ,dünne‘ Galerien-Landschaft“, sagt er, „und eine Kaufmannsstadt wie diese möchte Qualität zu erschwinglichen Preisen.“

          Zielgruppe jenseits der Großsammler

          Permanent im Angebot der Goodwin Gallery sind große Namen der Klassischen Moderne wie Picasso, Braque, Chagall, Kandinsky, Miró, Gris, Dalí, Tàpies und viele andere, aber auch Späteres wie Uecker. „Es handelt sich um Original-Grafikwerke in hochwertigen, teilweise antiken Rahmen“, sagt der Galerist. „Sie sind sowohl aus dem Besitz der Galerie als auch Kommissionsstücke.“ Daneben werden jüngere zeitgenössische Künstler offeriert, welche die Galerie teilweise exklusiv in Hamburg, in Norddeutschland oder deutschlandweit vertritt. Auch der prominente Neuzugang ist im Raum Hamburg nur bei Goodwin zu finden – handgedruckte, farbige, nunmehr mit dem eigenen Namen signierte Linolschnitt-Unikate des als genialer Kunstfälscher zu Ruhm gekommenen Malers Wolfgang Beltracchi.

          Zielgruppe der Goodwin Gallery ist jene mittlere Käuferschicht jenseits der Großsammler, die auch für den Umsatz der etablierten Galerien maßgebend ist – also „Ärzte, Politiker, Rechtsanwälte, dazu Werbe- und Geschäftsleute, weiblich wie männlich im Alter von 25 bis 50 Jahre und auch darüber“. Mitbewerber in Hamburg sieht er nicht.

          Das Terrain immerhin scheint fruchtbar: Goodwin betreibt seine Galerie hauptberuflich in Vollzeit. Seine Frau Gabriella Melone arbeitet in Teilzeit mit. Die Entwicklung ist positiv: „Wir haben schon im ersten kompletten Geschäftsjahr 2016 mit einem Jahresumsatz von etwas mehr als 400.000 Euro schwarze Zahlen geschrieben. Es reicht bereits dafür, dass wir knapp davon leben können“, sagt der Galerist. Die Profitabilität lasse zwar noch etwas zu wünschen übrig. „Aber die Erfahrung, vor allem auf Messen, hilft uns enorm.“ Branchenkenner sprechen davon, dass etwa 80 Prozent aller Galerien in Deutschland eine Freizeitbeschäftigung oder ein Abschreibungsmodell seien. Daniel Goodwin ist überzeugt: „Nur eine professionell auf Gelderwerb ausgerichtete Galerie bringt allen etwas – dem Galeristen, den Künstler/innen und dem Kunden.“

          „Wache Augen für das Schöne und das Besondere“

          Kultur und Kunst begeistern den 48-Jährigen seit der Kindheit. Seine Mutter war Ballett-Tänzerin, sein Vater Journalist und Schriftsteller, sein Großvater väterlicherseits Architekt und Maler. „Ein gutes ästhetisches Empfinden und zwei wache Augen für das Schöne und das Besondere wurden mir in die Wiege gelegt. Die Künste waren stets meine Lebensbegleiter.“ Goodwin hat in Zürich BWL studiert und in Washington einen MA in International Affairs mit Schwerpunkt Kommunikation und Marketing gemacht. Nach dem Studium hat er Literatur vermarktet und war danach fast zwanzig Jahre in der Musikbranche tätig, sechs davon Head of Classics & Jazz bei der Universal Music Switzerland AG, anschließend sechs Jahre Direktor für Marketing und Media bei der Deutschen Grammophon GmbH. Nach einem kurzen Intervall im Museumsmanagement und Galerieverkauf kam dann der Wunsch, als Galerist selbständig zu arbeiten.

          Kunstberatung sowie die Beteiligung an Affordable-Art-Messen in Brüssel, Mailand, Stockholm und London runden das Profil der Goodwin Gallery ab. Das stationäre Geschäft überwiegt allerdings den Messeanteil. Für die Zukunft plant Goodwin die Suche nach einem weiteren deutschen oder ausländischen Standort sowie den Aufbau der Galeriepräsenz auf internationalen Kunstportalen. Zunächst aber möchte der Amerikaner seine Hamburger Galerie nachhaltig zur maßgeblichen Destination für hochwertige, erschwingliche Kunst festigen – zu „einem Ort, an dem Kunstkenner wie Einsteiger ohne Schwellenängste mit Freude am Betrachten und Erwerben ,ihr‘ individuelles Werk entdecken.“

          Quelle: F.A.Z.

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