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Veröffentlicht: 08.11.2016, 05:39 Uhr

Gründerserie Die andere Art zu fliegen

Alle sprechen von Drohnen. Csaba Singer und Christian Schultze mögen das Wort nicht. Ihr Flieger ist eine Mischung aus Ballon, Flugzeug und Hubschrauber. Und eine ganz besondere Erfindung.

von Oliver Schmale
© Verena Müller Csaba Singer

Das Wort Drohne hört Csaba Singer gar nicht gern. Der Begriff fällt den meisten Menschen zuerst ein, wenn sie den 38 Jahre alten Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik auf sein auf den ersten Blick ungewöhnlich aussehendes Fluggerät ansprechen. Es ist ein heliumgefülltes Mini-Luftschiff, das mit zwei Elektromotoren angetrieben wird, die über Solarzellen gespeist werden. Die Bezeichnung unbenannter Flugkörper sei ihm lieber, sagt Singer, der Entwickler des Hybridflugzeugs H-Aero One. Mit ihm haben er und sein Partner Christian Schultze, beide Gründer der in Baden-Baden ansässigen Hybrid Airplane GmbH, noch einiges vor - von der Beobachtung von Vogelschwärmen, der Erkundung von unwirtlichen Gegenden nach Bodenschätzen bis hin zum Einsatz als Werbeträger.

Bis dahin ist es aber noch ein gewisser Weg. Denn: Das ellipsoidförmige Fluggerät gibt es bislang nur als Prototyp. Er sei aber so weit entwickelt, dass man die Serienproduktion angehen wolle. Der Flugkörper wiegt etwas mehr als vier Kilogramm und schwebt lautlos im hohen, lichtdurchfluteten Innenhof des Bürogebäudes des Technologiezentrums der Universität Stuttgart. Die Hüllenkonstruktion besteht aus zwei Schichten. Die Außenhülle sei sehr strapazierfähig und könne hohe Kräfte aufnehmen, sagt Singer. Die innere sei hingegen sehr leicht und weise eine hohe Heliumdichte auf. Rund zehn Kubikmeter Helium gehen in den Prototyp, der mit seinen beiden Flügeln, an deren Ende die Elektromotoren angebracht sind, auf eine Spannweite von fünf Metern kommt. „Es ist Ballon, Hubschrauber und Flugzeug in einem.“

 
Zwei Gründer haben einen Flieger erfunden, der eine Mischung aus Ballon, Flugzeug und Hubschrauber ist.

Das umweltfreundliche Flugsystem kann vertikal starten und landen und sich von A nach B wie ein Flugzeug bewegen und dabei eine Höhe von vier Kilometern erreichen und dabei Lasten transportieren. Die Propeller an den Tragflächen werden mit Hilfe der Elektromotoren betrieben. Tagsüber werden diese mit Hilfe der Solarzellen mit Energie versorgt. Nachts übernimmt die Aufgabe eine Batterie. Deshalb sei es auch möglich, dass das Fluggerät monatelang in der Luft stehen und bei der Bereitstellung von Kommunikationsnetzen helfen könne. Funkmasten oder Ähnliches sind dann nicht mehr notwendig.

Fördermittel von Bund und Land

Rund 100.000 Euro hat Singer in die Entwicklung des Prototyps gesteckt. Er erhielt unter anderem Fördermittel vom Bund und vom Land. Bei der kürzlich erfolgten Firmengründung wurden er und Schultze von privaten Geldgebern unterstützt. Schultze ist von Haus aus Volkswirt und kümmert sich hauptsächlich um das Thema Finanzen. Anlässlich der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin im vergangenen Sommer sei das Projekt zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt worden, sagt der 32 Jahre alte Jungunternehmer.

Singer promovierte an der Universität Stuttgart. Gerade gebe es Gespräche mit dem TÜV, um zu erreichen, dass das Fluggerät künftig auch in Deutschland über Menschen fliegen darf. Es kann über ein Funkmodem, über Mobilfunk und in geschlossenen Hallen über W-Lan gesteuert werden. Gibt es Schwierigkeiten, schwebt es fallschirmartig zu Boden.

Die Fertigung einer Kleinserie soll noch in diesem Jahr starten. Die meisten Teile des in rund einer Stunde zusammengebauten Fluggeräts würden von Zulieferern produziert, berichtet Singer. Er sieht seine Schwerpunkte bei den Themen Weiterentwicklung und Programmierung. Es gebe schon Gespräche mit Interessenten. Einen konkreten Preis will Singer noch nicht nennen. Aber ein Quadrocopter, der 45 Minuten fliegen und eine Nutzlast von zwei Kilogramm tragen kann, kostet seinen Angaben zufolge zwischen 40.000 und 60.000 Euro. „Wir sind da günstiger“, sagt der 38-Jährige. Er hat seine Idee auch schon einmal bei der Nasa anlässlich eines Kongresses vorgestellt, bei dem es um die Erkundung des Mars ging. Auch das wäre möglicherweise eine Anwendungsmöglichkeit.

Mehrere hundert Stunden Flugerfahrung

Fachleute sagen der Branche, Drohnen mit eingeschlossen, ein exorbitantes Wachstum in den kommenden Jahren voraus. 2020 sollen drohnengestützte Geschäftslösungen - vor allem in den Bereichen wie Infrastruktur, Landwirtschaft und Verkehr - einen Umsatz von 127 Milliarden Dollar erreichen. Bis 2021 wird der globale Drohnenmarkt Prognosen zufolge um 50 Prozent auf 12 Milliarden Dollar wachsen. Dabei geht es vor allem um Militärdrohnen. Fluggeräte für private Zwecke erreichen immerhin noch in etwa einen zweistelligen Prozentanteil. Das Wachstum ist umso beeindruckender, als die Preise weiter sinken dürften und die Stückzahlen überproportional steigen. Singer kann sich keine militärische Nutzung seiner Erfindung, für die er zwei Patente hält, vorstellen. „Wichtig ist die soziale Verträglichkeit der Technologie.“

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Singer hat mehrere hundert Stunden Flugerfahrung mit ferngesteuerten Fluggeräten. Für die immer größere Zahl von Drohnen am Himmel über Deutschland sollen in den nächsten Monaten strengere Regeln kommen. Damit sollen Abstürze, Unfälle und Eingriffe in die Privatsphäre von Bürgern vermieden werden. Singer und sein Partner wollen bei einer nächsten Finanzierungsrunde weiteres Geld einsammeln, um die Technologie so weiterzuentwickeln, dass mit der „neuen Art des Fliegens“ auch Menschen transportiert werden können. In ein bis eineinhalb Jahren soll der erste Passagierflug mit ein oder zwei Personen stattfinden. Der Luft- und Raumfahrtingenieur ist überzeugt, das auch umsetzen zu können. Denn die Entwicklung in der Luftfahrt gehe immer von klein zu groß.

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