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Gründerserie : Die Gesundheitsakte für die Hosentasche

  • -Aktualisiert am

Johannes Jacubeit (links) und Matthias Lau Bild: Henning Bode

Halbgötter in weiß? Viele Patienten möchten ihre Gesundheitsdaten lieber selbst verwalten als das Ärzten zu überlassen. Ein Mediziner und ein Programmierer haben aus dieser Idee ein Start-up-Unternehmen gemacht.

          Auf diese Innovation scheinen viele gewartet zu haben. Ihr Sinn leuchtet sofort ein: Das Hamburger Start-up Connected-Health.eu GmbH hat das Life-Time-System entwickelt, mit dem Ärzte Befunde, Röntgenbilder und Dokumente digital auf das Smartphone des Patienten übermitteln können, der dann seine Krankenakte in der kostenfreien Life-Time-App papierlos stets dabeihat. Die Daten werden verschlüsselt übertragen, sind vor externem Zugriff durch Dritte geschützt und nur mit persönlichem Zahlencode oder Fingerabdruck des Smartphone-Besitzers einzusehen.

          Entwickelt wurde Life Time von dem Mediziner Johannes Jacubeit (geboren 1982) und dem Wirtschaftsinformatiker Matthias Lau (geboren 1981). Die beiden IT-Begeisterten lernten sich beim Bouldern an Kletterwänden kennen, als Jacubeit noch als orthopädischer Chirurg arbeitete und Lau Softwareprogramme für Unternehmen schrieb. Johannes Jacubeit erzählte von den Herausforderungen im medizinischen Alltag und der Notwendigkeit zum digitalen Wandel. Mit seiner Idee, auf elektronischem Weg Kommunikation, Datenübertragung und Datenverarbeitung in der Gesundheitsbranche nachhaltig zu verbessern, stieß der Mediziner bei Matthias Lau auf offene Ohren. Ende 2014 gründeten die zwei Sportsfreunde zu diesem Zweck die „connected-health.eu GmbH“, die sie seitdem gemeinsam leiten – Jacubeit als Geschäftsführer, Lau als für die IT-Strukturen verantwortlicher Partner.

          In Jacubeits Dachgeschosswohnung steckte das Gründerduo mit kleinem Team anfangs alle Energie in die Entwicklung einer ersten Version ihres Systems, die sie auf der Computermesse Cebit 2015 vorstellten. Das Interesse daran sorgte für eine Finanzspritze in Höhe eines kleinen sechsstelligen Betrages durch Business Angels und die Stadt Hamburg, die den Produktlaunch beförderte. Im Mai 2016 erreichte Life Time die offizielle Marktreife, nachdem das System in 44 Hamburger Pilotpraxen getestet worden war. „Wir haben bewusst auf einen sehr praxisnahen Businessplan und eine iterative Vorgehensweise gesetzt, da bei einem so neuartigen Produkt schnelle Erkenntnisse aus dem Praxiseinsatz sehr wichtig sind“, sagt Jacubeit.

          Mittel aus dem High-Tech-Gründerfonds

          Wichtig sei vor allem der Aufbau eines interdisziplinären Teams gewesen, betonen die Gründer. Zunächst hätten sie Experten für IT und Entwicklung gesucht, nach der Marktreife des Produktes Mitarbeiter für Vertrieb und Kommunikation. Beim Markteintritt im Mai 2016 bestand das Team aus elf Leuten. Mitte dieses Jahres waren es bereits 30.

          Kapitalisiert ist das Unternehmen heute mit mehr als 3 Millionen Euro. In der Start-Finanzierung Anfang 2016 gab es Mittel aus dem High-Tech-Gründerfonds (HTGF), dem Innovationsstarter Fonds Hamburg (IFH) und von einer Reihe von Privatinvestoren. In einer Zwischenfinanzierung Ende 2016 investierte unter anderen der Medizinfachverlag Thieme Gruppe. Weiteres Geld stammt von der Innovations- und Förderbank Hamburg (IFB) und erstmals für ein E-Health-Unternehmen aus dem Innovationsfonds der Bundesregierung.

          Ausreichend Liquidität also, um in der Frühphase des Unternehmens das Wirtschaften zu ermöglichen. Hinzu kommt Eigenumsatz. Das Geschäftsmodell basiert auf einer monatlichen Gebühr, die Ärzte und Praxen für Life Time zahlen. Je nach Art und Umfang der Nutzung gibt es dabei verschiedene Modelle. Für eine Arztpraxis ist Life Time von 9,90 Euro (plus Mehrwertsteuer) im Monat erhältlich.

          Hohe Datenschutzhürden

          Gewinn macht das Start-up noch nicht. Die Gründer sagen, in der Frühphase und ihrem speziellen Marktumfeld sei ein positives Unternehmensergebnis weder möglich noch geplant: „In unserem IT-orientierten Geschäftsmodell muss zu Beginn vor allem in die Entwicklung und Verfeinerung der Technik investiert werden. Denn sie ist die Geschäftsgrundlage und langfristig der Werttreiber unserer Unternehmung.“ Aber natürlich seien schwarze Zahlen für die Zukunft angestrebt, und schon jetzt bemühe man sich, die Verkaufszahlen und damit den Cashflow zu optimieren.

          Die Nachfrage nach ihrem Produkt stimmt Jacubeit und Lau optimistisch: „Life Time ist schon heute in etwa 270 Arztpraxen in Hamburg und dem Bundesgebiet vertreten“, berichten sie. „Die App verzeichnet bereits rund 15.000 Downloads. Nutzer unserer App sind dabei Patienten aller Altersklassen, die sich Aufwand und Nachfragen beim Arzt ersparen möchten, indem sie ihre Dokumente auf dem Smartphone immer dabeihaben.“ Eine Herausforderung sind die in Deutschland hohen Hürden des Datenschutzes. „Bei den sensiblen Daten im Gesundheitsbereich war uns klar, dass ein Produkt wie das unsere nur funktioniert, wenn es wirklich sicher ist. Obwohl Life Time höchsten Sicherheitsstandards sowie den Datenschutzempfehlungen der Bundesärztekammer entspricht und ePrivacy-zertifiziert ist, waren viele Mediziner anfangs skeptisch.“ Sie lassen sich mehr und mehr überzeugen, zumal eine bequeme Handhabung hinzukommt. „Mit Life Time können Ärzte bisher gelernte Prozesse beibehalten und zugleich optimieren. Statt ein Dokument auf Papier auszudrucken, schickt der Mediziner es direkt auf das Smartphone des Patienten. Dies funktioniert IT-System-unabhängig und fördert damit die Interoperabilität, also die Möglichkeit, innerhalb vieler verschiedener Praxis- oder IT-Systeme zu interagieren.“

          Um den digitalen Wandel in der Gesundheitsbranche voranzutreiben, suchen Jacubeit und Lau nach Ansätzen zur Erweiterung ihres Produktes. Die Wünsche von Medizinern waren Anlass für die Ende Juni vorgestellte neue Komponente „Life Time Desktop“, welche die Reichweite des Systems erhöht. Denn sie erlaubt erstmals den digitalen Dokumenten-Versand von Arztbriefen auf die Smartphones von Patienten zeit- und ortsunabhängig.

          Quelle: F.A.Z.

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