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Veröffentlicht: 24.05.2016, 06:04 Uhr

App für die Essensbestellung Mittagspause ohne Hektik

Jeden Mittag die gleiche Hektik: Wohin gehen wir, wie lange dauert es, bis das Essen kommt? Das fragten sich auch drei Studenten, wenn sie mal nicht in die Mensa wollten. Sie fanden eine Lösung und gündeten kurzerhand ein Unternehmen.

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© Matthias Lüdecke Sebastian Blautzik, Jan Christian Saupe, Deniz Caglayan und Dennis Ortmann im Restaurant Foreign Affairs in Berlin-Mitte.

Die meisten Berufstätigen kennen die Situation. Die Mittagspause ist zeitlich überschaubar und für einen entspannten Restaurantbesuch eigentlich viel zu knapp. Bestellen, aufs Essen warten, schnell runterschlingen, aufs Bezahlen warten, so ist der herkömmliche Ablauf. Für den eigentlichen Genuss der Mahlzeit bleibt dabei meist noch am wenigsten Zeit. Diese Hektik am Mittag hat auch drei Studenten aus Witten-Herdecke gestört, wenn es zwischen Vorlesung und Seminar mal nicht in die Mensa, sondern ins nächste Bistro oder Restaurant gehen sollte.

Brigitte  Koch Folgen:

Es gibt doch inzwischen für so gut wie alles irgendeine App, warum sollte man nicht auch die Mittagspause optimieren können, fragten sich die digitalaffinen Wirtschaftsstudenten Deniz Caglayan, Dennis Ortmann und Jan Christian Saupe. Gemeinsam mit Sebastian Blautzik, der an der nahe gelegenen Bochumer Universität ein Studium der IT-Sicherheit absolviert hat, machten sie sich an die Arbeit und hoben schließlich das Internetportal Lunchio.de aus der Taufe. Die dahintersteckende Idee: Die Mittagspause ist zum Entspannen da. Wer schon im Voraus sein Essen und Getränk über die Plattform für eine bestimmte Uhrzeit online bestellt und bezahlt, minimiert später die Wartezeiten. Er kann in Ruhe essen und ist pünktlich zur Arbeit und zu den nächsten Terminen zurück. Bei ihren Vorbereitungen für die Gründung von Lunchio konnten die vier Studenten dank des guten Alumni-Netzwerkes ihrer Universität zunächst eine Vielzahl ehemaliger Kommilitonen nach ihren Mittagpausenerfahrungen befragen.

 
Jeden Mittag wieder: Wohin gehen wir, wie lange dauert es? Drei Studenten hatten dazu eine Gründungs-Idee

Denn viele von ihnen arbeiten inzwischen in Unternehmensberatungen, Kanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder Werbeagenturen und gelten als potentielle Zielgruppe des Geschäftsmodells. Das Feedback war unerwartet stark, berichtet Caglayan, und das Fazit immer dasselbe: Wenn die Formalitäten vorher geregelt werden könnten, wäre das Lunchen viel entspannter. Also begaben sich die Studenten auf die Suche nach Restaurants, mit denen sie ihre Geschäftsidee umsetzen konnten, zunächst in Witten und Bochum, wo sie einige Gastronomen persönlich kannten. Weitere Lokale in Düsseldorf und Hagen kamen rasch hinzu. Man suchte bewusst nicht die Dönerbude an Ecke. „Bei Fastfood geht es ja schon schnell, da ist nichts zu optimieren“, erklärt Caglayan. Bei der Auswahl der Restaurants geht es eher um frische Bistroküche mit schöner Atmosphäre.

Vernetzung lohnt sich auch für die Wirte

Inzwischen präsentieren schon rund hundert Gastronomiebetriebe in 12 Städten ihre Menü- und Tageskarten auf Lunchio. In der Regel werden die Online-Bestellungen direkt auf den Drucker des jeweiligen Restaurants weitergesendet. Pro Transaktion berechnet Lunchio eine Provision im unteren einstelligen Prozentbereich. „Der Restaurantbetreiber muss also nicht in Vorleistung treten, wenn er mit uns zusammenarbeitet.“

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Nicht nur den hungrigen und eiligen Gästen werden Vorteile versprochen, auch für die Wirte lohnt sich die Vernetzung mit dem Start-up. Caglayan, der sich vor allem um das Marketing kümmert, zählt einige Argumente auf: Lunchio bringe neue Gäste. Das verbessere den Umsatz und die Auslastung der Tischkapazitäten während der Mittagszeit. Dank der kürzeren Wartezeiten werde der Umschlag der Tische erhöht. Und der Koch wisse im Voraus, für wie viele Gäste er zu welchem Zeitpunkt welche Gerichte zubereiten müsse. Das gesamte Mittagsgeschäft werde damit besser planbar. Überdies mache Lunchio Werbung bei den typischen Zielgruppen, in dem das Restaurant auf der Internetseite mit Fotos und Menukarte präsentiert werde, fügt er noch hinzu.

Als neue Serviceleistung will Lunchio künftig Gruppenbestellungen ermöglichen und firmeninterne Lunchnetzwerke fördern. Über die sollen sich Kollegen zum gemeinsamen Mittagessen verabreden können, ohne zig Mails oder Whatsapps hin- und herschicken zu müssen.

Unterstützung vom Handelskonzern

Die vier jungen Männer im Alter zwischen 24 und 31 Jahren hatten zunächst das Glück, von dem Entrepreneurship Zentrum Witten (EZW) an der Universität Witten-Herdecke unterstützt zu werden. Dies stellt unter anderem kostenlose Büroräume auf dem Campus zur Verfügung. Zu einem noch kräftigeren Schub verhalf dann die Aufnahme von Lunchio in das 13-wöchige Förderprogramm, das der Handelskonzern Metro gemeinsam mit dem amerikanischen Start-up-Netzwerk Techstars und der Werbeagentur RG/A aufgelegt hat. Im Rahmen dieses „Techstars Metro Accelerators“ werden solche Gründerteams mit bis zu 120.000 Euro unterstützt, die digitale Lösungen für typische Metro-Zielkunden beispielsweise aus der Gastronomiebranche entwickeln.

Nicht nur die finanzielle Unterstützung hat den Jungunternehmern geholfen. Auch der wertvolle Austausch mit den übrigen internationalen Gründern im Accelerator und vor allem der Beistand der Mentoren bei der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells sei hilfreich gewesen, blickt er zurück. Umgekehrt ist der Metro-Vorstandsvorsitzende Olaf Koch so begeistert von der Geschäftsidee der vier Gründer, dass sie sich anlässlich der diesjährigen Hauptversammlung des Handelskonzerns im Eingangsfoyer mit einem Informationsstand präsentieren durften.

Mit der Aufnahme in das Förderprogramm war allerdings ein Umzug nach Berlin verbunden, wo Lunchio derzeit noch prominent auf der Museumsinsel logiert. Blautzik, Caglayan, Ortmann und Saupe wollen in der Hauptstadt bleiben - wegen der dortigen Gründeratmosphäre. Inzwischen haben sie dort auch einige Mitstreiter rekrutiert, so dass das junge Unternehmen aktuell elf Leute umfasst. Den Abschluss ihres Studiums haben die drei Wittener Studenten zwar immer noch im Blick - allerdings fehlt im Augenblick die Zeit dazu.

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