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Deutschen Literaturinstitut : „Bin ich Heiner Müller, oder was?“

Die hauseigene Jahresschrift „Tippgemeinschaft” des DLL Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig ist ein Nest für den Schriftsteller-Nachwuchs. Hier wird das Schreiben und der Umgang mit dem Kunstbetrieb gelehrt - geschützt und unter sich, aber es kann auch recht ruppig zugehen.

          Mancher Schriftsteller entwickelt Vorbilder weiter, die er selbst gar nicht kennt. Als der Student Christoph Graebel seine ersten Texte im Deutschen Literaturinstitut vortrug, fielen seine Kommilitonen kritisch über ihn her. Was die vier Prosaskizzen zu bedeuten hätten, wollten sie wissen, was er eigentlich erzählen, was er aussagen wolle. „So richtig wußte ich das selbst nicht“, sagt Graebel heute. „Ich glaube, mir ging's um Geschwindigkeit oder so.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Besser als der eigene Autor verstand der Dozent das Werk. Er sagte, Graebel habe „etwas ganz Ausgezeichnetes vorgelegt“, und verglich den jungen Mann mit Walter Benjamin und Heiner Müller. „Von Benjamin kannte ich gar nichts, das hatte ich mir für später aufbewahrt“, sagt Graebel und grinst. „Plötzlich fragte ich mich: Bin ich Heiner Müller, oder was?“ - wenigstens ein tröstlicher Gedanke nach der Demontage durch die anderen Studenten.

          „Die Hosen runterlassen müssen“

          Das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig (DLL) ist ein Nest für den Schriftsteller-Nachwuchs. Man ist geschützt und unter sich, aber es kann unter den flügge werdenden Jungvögeln recht ruppig zugehen. Gefürchtet sind vor allem die ersten Textbesprechungen, wenn die Studienanfänger, wie einer sagt, „vor allen anderen die Hosen runterlassen müssen“. Wie Graebel erging es auch Claudius Nießen und Simone Hirth.

          „Mir haben die anderen Studis meinen Reisetext um die Ohren gehauen“, erinnert sich Nießen. Hirth fragte sich, „ob ich überhaupt noch schreiben soll“. Doch wer im DLL nicht aus dem Nest fällt, hat gute Chancen, ein schillernder Vogel zu werden. Denn neben dem Hildesheimer Studiengang „Kreatives Schreiben“ ist das Institut die einzige deutschsprachige Hochschuleinrichtung zur Autorenausbildung und die erfolgreichste Brutstätte für schreibende Jungstare.

          Hauseigene Jahresschrift „Tippgemeinschaft“

          Julie Zeh gehört dazu, Franziska Gerstenberg, Jo Lendle und Kristof Magnusson, Claudia Klischat und Anke Stelling oder der junge Hallenser Clemens Meyer, der mit „Als wir träumten“ gerade einen vielbeachteten Leipziger Milieuroman veröffentlichte. Selbst wer noch kein eigenes Buch vorweisen kann, hat meist schon kleinere Arbeiten für Anthologien verfaßt, Gedichte, Erzählungen, Aphorismen. Dafür ist auch die hauseigene Jahresschrift „Tippgemeinschaft“ da, die jedem Studenten offensteht und manchen Verlag oder Kritiker erstmals auf ein Talent aufmerksam macht.

          Einige Erfolge kommen eher unverhofft: Eines von Graebels Theaterstücken fiel im Seminar völlig durch, „sogar der Dozent sagte, er hätte keine Lust, das zu lesen“, sagt der Autor. Dann die Überraschung: Er wurde mit der Arbeit zu den Wiener Werkstatt-Tagen eingeladen. „Zwei Wochen auf Staatskosten, und Burg-Schauspieler haben mein Stück vorgelesen!“ Wenn literarische Bewertungen so unterschiedlich ausfallen, dann ist es nicht weit zu der Floskel vom Geschmack, über den sich nicht streiten lasse, und zu der Frage, ob man das Schreiben überhaupt lernen und unterrichten könne. Hans-Ulrich Treichel sagt dazu jein. Der Schriftsteller und Professor für Deutsche Literatur ist einer der beiden festen Dozenten, die sich in der Leitung des DLL abwechseln, der andere ist der Österreicher Josef Haslinger; außerdem lehren vier Autoren als Gastdozenten.

          „Die Mitte ist das Schwierige“

          „Man kann niemanden zum Schriftsteller machen, der kein Talent hat“, sagt Treichel. Aber man könne die Begabung fördern: mit Kritik und Ermutigung, mit Vergleichen und Übungen, nicht zuletzt mit der Vorgabe, bis zu einem festen Zeitpunkt fertige Manuskripte für die Seminarscheine abliefern zu müssen. Hingegen halten die Leipziger nichts von Schablonen, wie sie in angelsächsischen Kursen für „Creative Writing“ oder von privaten Schreibschulen gelehrt werden. „Die Literatur als Handwerk zu betrachten setzt Standardisierungen voraus, die es nicht gibt“, sagt Treichel. „Schreiben kann man aus Handbüchern genausogut lernen wie Schwimmen.“

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