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Debatte : Studiengebühren sind gerecht

In Bayern wird wieder gegen Studiengebühren demonstriert. Bild: dpa

Studienbeiträge stehen in Deutschland vor dem Aus. Dabei ist es ungerecht, das Studium kostenlos anzubieten, argumentiert ein Bochumer Wirtschaftsprofessor. Dies benachteilige etwa Handwerksmeister - und bevorzuge Besserverdiener.

          Stefan Winter, Wirtschaftsprofessor aus Bochum, will nicht akzeptieren, dass Studiengebühren in Deutschland schon wieder ein Auslaufmodell sind. Denn es gibt sie nur noch in Bayern und Niedersachsen - und in Bayern plant man schon ihre Abschaffung. Winter hat gerade ein Buch verfasst mit dem Titel „Die Studiengebührenlüge: Wie die Republik Bildung vernichtet und die Armen abzockt“. Es sei „ziemlich beleidigend für einige Leute“, sagt Winter. Doch offenbar müsse man emotionalisieren, um in der Öffentlichkeit durchzudringen. Die gleichen Argumente habe er in einer Expertenanhörung im nordrhein-westfälischen Landtag vorgetragen. „In der klassischen Manier eines Wissenschaftlers: ein bisschen steif.“ Niemand habe ihm zugehört. Deshalb hat er seinen Tonfall deutlich verschärft. Und tatsächlich: Es wird über ihn berichtet, Studenten sprechen ihn an, politische Fraktionen bestellten das Buch.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Winters Argumentationslinie: Studiengebühren sind - bei richtiger Ausgestaltung - gerecht, keine zu erheben ist ungerecht. „Sonst wird Besserverdienenden die Ausbildung finanziert.“ Akademiker zahlten später in der Regel zwar höhere Steuern - aber nur, wenn sie nicht im Ausland arbeiteten. „Doch gerade unter Akademikern nimmt die internationale Mobilität zu.“ Ungerecht sei zudem, dass ein Handwerksmeister, der ähnlich gut verdiene und ähnlich hohe Steuern zahle, für seine Meisterausbildung aufkommen müsse, ein Arzt, Ingenieur oder Jurist für sein Studium aber nicht.

          Misstrauen gegenüber einer reinen Steuerfinanzierung

          Gegenüber einer reinen Steuerfinanzierung des Studiums hegt Winter großes Misstrauen. Dann werde das Geld nach politischen Interessen und internen Koalitionen verteilt und nicht nach den Präferenzen der Studenten.

          Studiengebühren müssen nach Winters Ansicht freilich sozial gerecht erhoben werden. Es müsse möglich sein, sie nach dem Studium zurückzuzahlen und sie müssten sich an der Höhe des später erzielten Einkommens orientierten. „Wer unterhalb einer bestimmten Grenze verdient, zahlt nichts.“

          Der Professor rechnet vor: Wenn ein Chefarzt 250.000 Euro netto im Jahr verdiene und sein Studium 250.000 Euro gekostet habe, dann sei es zumutbar, dass er über zehn Jahre 25.000 Euro im Jahr zurückzahle. Für andere wären die Beiträge wesentlich geringer. Denn ein Ökonomiestudium (Bachelor und Master) kostet rund 25.000 Euro und ein Ingenieurstudium rund 70.000 Euro. Doch warum soll, wer unterdurchschnittlich verdient, nichts zahlen? „Die Vielfalt der Disziplinen dürfen wir nicht mit ökonomischen Mechanismen plattmachen“, erklärt Winter.

          Seine Vorstellung von einer nachgelagerten und einkommensabhängigen Gebührenerhebung wird in Australien schon verwirklicht. Allerdings werden die Beiträge über die Finanzämter erhoben, man kann sich ihnen allzu leicht entziehen. Winter empfiehlt, die Rückzahlung durch einen Vertrag zwischen Hochschule und Student zu regeln.

          Der „umgekehrte Generationenvertrag“

          An der privaten Universität Witten-Herdecke werden die Beiträge genauso erhoben, wie von Winter empfohlen. Wer dort studiert, kann sich entscheiden, während des Studiums oder später zu zahlen. Letztere verpflichten sich, ihre Einkommensteuerbescheide an die Studierendengesellschaft (SG) zu schicken. Die studentische Selbstorganisation hat das Beitragsmodell, das sie „umgekehrten Generationenvertrag“ nennt, entwickelt; sie organisiert den Einzug der Beiträge und bestimmt gemeinsam mit der Universitätsleitung die Höhe. Absolventen, die zwischen 2004 und 2011 Examen gemacht haben, zahlen im Durchschnitt 200 Euro im Monat zurück. Über das Geld der Studenten finanziert die Hochschule rund 20 Prozent ihres Haushalts.

          Liegt das zu versteuernde Einkommen (abzüglich Freibeträgen für Kinder und eines Anteils, der sich an Bafög-Pauschalen orientiert) unter 21.000 Euro, dann zahlt man nichts. „So kann man sich auch problemlos entscheiden, zum Beispiel für ,Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten’“, erklärt der Vorstand der Studierendengesellschaft, Florian Kollewijn. „Der Mehrwert eines Akademiker für die Gesellschaft bemisst sich ja nicht an dem, was er verdient.“

          Sehr hohe Rückzahlungsmoral

          Einen großen Vorteil ihres Modells sehen die Studierenden darin, dass die Aufnahme an der Universität keine Frage des Geldes ist. Denn die Absolventen finanzieren den derzeit Studierenden das Studium. Die Vorstellung, eine Solidargemeinschaft zu sein, ist unter den Studenten anscheinend stark ausgeprägt. Kollewijn berichtet von einer sehr hohen Rückzahlungsmoral. Und im Falle eines Falles könne man gerichtlich vorgehen.

          Das Modell sei grundsätzlich auf andere Hochschulen übertragbar, glaubt der Student. Er versteht aber den Widerstand an staatlichen Hochschulen gegen die Gebühren. Dort seien die Studienbedingungen oft zu schlecht. „Die Bereitschaft zu zahlen wäre vermutlich höher, wenn sich durch die Beiträge die Bedingungen spürbar verbesserten.“

          Quelle: F.A.Z.

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