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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Cornelia Funke Prophetin im eigenen Land

 ·  In ihrer Heimat wurde die Schriftstellerin Cornelia Funke erst berühmt, als sie in Amerika schon ein Star war. Ihre Fantasy-Romane faszinieren Millionen Leser.

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Schöpferische Abgeschiedenheit sieht anders aus. Als die Tür des Landhauses in Beverly Hills auffliegt, schießen zwei Hunde heraus: Collie Luna und eine zerzauste Mischlingsdame namens Prinzessin Leia. Cornelia Funke empfängt barfuß mit rotlackierten Nägeln in der Eingangshalle. „Zeig ich alles nachher“, verspricht sie nach einem herzlichen Händeschütteln beim Austausch über die Farbexplosion im Eingang (türkis) und im Esszimmer (korallenrot). Ein paar Augenblicke später, im Garten, ist die Schriftstellerin zwischen Bananenstauden und Zitronenbäumen schon beim Du angekommen. „Ich gehe gern auf Menschen zu. An einsame Helden glaube ich nicht.“

Die Gabe, spontan Kontakt zu knüpfen, brachte sie vor sieben Jahren auch nach Los Angeles. Aus dem ländlichen Ohlstedt im Norden Hamburgs hatte sie dem Schauspieler Brendan Fraser ein Exemplar ihres Romans „Tintenherz“ nach Hollywood geschickt. „In der Widmung schrieb ich, dass Brendan während des Schreibens in meiner Phantasie den Mo spielte. Ein Typ zwischen Held und Handwerker, der poetisch mit Sprache umgeht.“ Die Antwort ließ auf sich warten. Wie die Dreiundfünfzigjährige später erfuhr, hatte Frasers Agentur ihm das Buch monatelang vorenthalten. „Das war meine erste Begegnung mit den Moralvorstellungen der Filmbranche. Da es um viel Geld geht, scheinen Winkelzüge völlig okay.“

Realität und Scheinwelt

Es kam dann doch noch zu einem Treffen, als Fraser während einer Promotiontour Hamburg besuchte. „Auf einmal saß er mit meiner Familie und mir in Ohlstedt und schwang sich wie George an einem Tau vom Hochbett meines Sohnes.“ Wie stark sich Realität und Hollywoods Scheinwelt überlappten, registrierte vor allem Funkes damals achtjähriger Sohn Ben. Während eines Mittagessens an der Alster brach er von der Tischdekoration das Blatt einer Agave ab, um Fraser damit unsanft in den Arm zu stechen. „Lass ihn, Cornelia“, beruhigte der Schauspieler die erschrockene Funke. „Er musste sehen, ob ich echt bin.“

Funke durchwandert die verschiedenen Welten ohne Berührungsangst. Während sie den Kamin befeuert, um die Morgenfeuchte aus ihrem Schreibhaus im Garten zu vertreiben, erzählt sie von ihrem Faible für „alternative Realitäten“. In der Kleinstadtlangeweile Dorstens habe sie als Kind die phantastischen Welten der Bücher durchstöbert. Tolkiens „Herr der Ringe“, „Tom Sawyer“ und Stevensons „Schatzinsel“ öffneten keine Fenster nach draußen, sie stießen ganze Scheunentore auf. Zum Schreiben verführten sie die gelesenen Abenteuer aber zunächst nicht. „Ich habe weder Tagebuch geführt noch irgendetwas verfasst. Dafür erzählte ich pausenlos Geschichten.“

Für die Ausbildung zur Sozialpädagogin zog Funke nach Hamburg. Später kümmerte sie sich im Problemviertel Tegelsbarg auf einem Bauspielplatz um vernachlässigte Kinder. Allerdings nur nachmittags, denn vormittags studierte Funke Buchillustration an der Fachhochschule für Gestaltung, ihrer Leidenschaft für Bücher wegen. Diese Zweiteilung empfand sie fast als Verrat an den Kindern. „Ich konnte auf Dauer nicht gegen mein Talent leben. Aber ohne diese Kinder hätte ich ,Herr der Diebe’ nie geschrieben.“

1986 begann Funke schließlich selbst mit dem Schreiben. Sie beschreibt es, ähnlich wie das Illustrieren, als eine weitere Variante des Geschichtenerzählens. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie allerdings erst im Jahr 2002 mit „Herr der Diebe“, einem Jugendroman um die verwaisten Geschwister Bonifazius und Prosper.

Übersetzung durch den Cousin

Da die wenigsten englischsprachigen Verlage ausländische Autoren übersetzen, hatte Funke kurzerhand ihren bilingualen Cousin um eine englischsprachige Rohfassung gebeten. Und prompt einen Verlag dafür begeistert. Ein Reporter des „Wall Street Journal“ verglich die Dorstenerin anschließend mit Harry Potters englischer Erfinderin J.K. Rowling. Dann riefen auch deutsche Medien an. Obwohl Funke zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 40 Bücher veröffentlicht hatte und etwa eine Million Titel mit ihrem Namen verkauft worden waren, hatte die Bestsellerliste des „Spiegels“ sie bis dahin ignoriert. „Vielleicht traf das Klischee vom Propheten im eigenen Land zu. Vielleicht lag es daran, dass ich eine Frau bin. Auch J.K. Rowling wurde geraten, unter Kürzel zu schreiben“, sagt Funke. Wie zur Wiedergutmachung erschien der Roman „Tintenherz“, ihre Fantasy-Ode an Brendan „Mo“ Fraser, im September 2003 nicht nur in Deutschland, sondern unter dem Titel „Inkheart“ gleichzeitig in Amerika, England und Australien.

Als Hollywood Interesse an der Verfilmung zeigte, siedelte Funke mit ihrem Mann Rolf Frahm, Sohn Ben und Tochter Anna nach Los Angeles über, für Funke das Zentrum von Phantasie und Kreativität. Im selben Monat kürte das amerikanische Magazin „Time“ die Geschichtenerzählerin neben Präsident George W. Bush, Apple-Gründer Steve Jobs und dem Dalai Lama zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.

Nach einigen Monaten im Küstenort Malibu zeigte ein Makler der Familie das Haus der Oscar-Preisträgerin Faye Dunaway, das in Beverly Hills zum Verkauf stand. Das Anwesen im Tudor-Stil bot neben Charme, Pool und schützenden Hecken auch ein weißes Gartenhaus. Wo Dunaway früher Trophäen ausstellte und Gäste unterbrachte, schreibt heute Funke. Täglich drei bis vier Seiten, manchmal aber auch nur eine, manchmal auch gleich zehn. Diese Schreibdisziplin hat ihr vor sechs Jahre den Übergang in das zweite Leben erleichtert, wie Funke die Zeit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nennt. Frahm, den sie mit Anfang zwanzig in London kennengelernt hatte, starb im März 2006 an Krebs. „Damals habe ich mich gefragt, wie ich meinen Kindern in einem leeren Haus das Gefühl von Ganzheit geben kann. Heute denke ich, wie schade es ist, dass er das Schöne hier nicht erlebt.“

Politik in Hollywood

In der Trauer entdeckte Funke Facetten ihrer Persönlichkeit, die im ersten Leben verborgen geblieben waren. Als Ko-Produzentin der „Inkheart“-Verfilmung, bei der ihr Traumkandidat Fraser neben Eliza Bennett und Helen Mirren vor der Kamera stand, handelte sie mit dem Studio Warner Bros. ein Mitspracherecht aus. „Ich war aber ziemlich naiv. Die Dailys, die Szenen eines Drehtages, mussten sie mir zwar jeden Abend zeigen, aber ich habe den Schnitt am Ende völlig unterschätzt“, gesteht Funke. Der Einfluss der Geschichtenerzählerin auf die 60 Millionen Dollar teure Produktion fiel daher ungeahnt klein aus.

Anders als erwartet verlief auch das Telefonat mit einem Produzenten, der aus einem simplen Gespräch die vermeintliche Abtretung von Filmrechten herzuleiten versuchte. Der Streit eskalierte zu einer Klage. „Hollywood ist eine extrem politische Branche“, sagt die Westfälin dennoch gelassen. Meldungen, wonach nun an einer Verfilmung von „Tintenblut“ gearbeitet werde, will sie nicht bestätigen. Auch die Kinoversion von „Steinernes Fleisch“, der erste Band aus der „Reckless“-Serie, in dem Funke Grimmsche Märchen verarbeitete, sei vorerst gescheitert. Sie habe abgelehnt, weil sie sich mit Warner Bros. nicht auf eine Beteiligung habe einigen können, sagt sie. Der Film zu „Tintenherz“, der vielen Kritikern zu überladen schien, war ihr eine Warnung. „An Leidenschaft hat es damals bestimmt nicht gefehlt. Die Charaktere waren aber zu komplex“, sagt Funke im Rückblick.

20 Millionen Bücher

Was sie nach einer Gesamtauflage von 20 Millionen Büchern und Übersetzungen in 37 Sprachen weiter antreibt, ist die Neugier. Auf dem schweren Holztisch in ihrem Schreibhaus stapeln sich lauter schwarze Kladden, die Funke mit Notizen zu russischen Sagen und Märchen füllt. Nach dem Anfang September im Hamburger Dressler Verlag erschienenen zweiten Band der „Reck-

less“-Serie mit dem Titel „Lebendige Schatten“ bereitet sie gerade die dritte Reise der Brüder Jacob und Will gen Osten vor. Um historische Stiche, Fotos oder Textilmuster zu recherchieren, zieht Funke sich oft stundenlang in die Kunstsammlung des nahe gelegenen Getty Research Institute zurück.

Zu Hause hält ihr derweil Assistentin Angie den Rücken frei, die seit sechs Jahren den Terminkalender führt, Lesereisen sowie Projekte für Schulen organisiert und „einfach ein Segen“ ist, wie Funke sagt. Andere Beziehungen, auch die zu Brendan Fraser, sind dagegen auf der Strecke geblieben. „Das Traurige am Berühmtsein ist, dass man viele Menschen kennenlernt, die das Leben bereichern, aber keine Zeit hat, die Verbindungen auch zu pflegen.“

Zur Person
  • Cornelia Funke wird 1958 im westfälischen Dorsten geboren.
  • Sie absolviert in Hamburg eine Ausbildung zur Sozialpädagogin. Danach arbeitet sie nachmittags auf einem Bauspielplatz und studiert vormittags Buchillustration. Ihr erstes Kinderbuch „Die große Drachensuche“ erscheint 1988.
  • Vor der amerikanischen Verfilmung des Fantasy-Abenteuers „Tintenherz“ zieht Funke im April 2005 nach Los Angeles.
  • Seit dem Krebstod ihres Mannes im März 2006 lebt sie dort mit ihrem 17 Jahre alten Sohn. Funkes 22 Jahre alte Tochter studiert in London Kunstgeschichte.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

...gutem Kaffee.

Die Zeit vergesse ich ...

...sehr oft.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

...sollte es nicht als Geschäft sehen.

Erfolge feiere ich ...

...mit Kindern, Freunden und Schokolade.

Es bringt mich auf die Palme, ...

...wenn Erwachsene vergessen, dass sie mal Kinder waren.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

...zu den Indianern ziehen.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

...so lange ein Reisemuffel sein.

Geld macht mich ...

...reiselustig.

Rat suche ich ...

...bei meinen Kindern und Freunden.

Familie und Beruf sind ...

...bei mir zum Glück sehr leicht zu vereinen.

Den Kindern rate ich, ...

...ihre Träume sehr, sehr ernst zu nehmen und niemandem zu glauben, der sagt, dass man sie nicht wahrmachen kann.

Mein Weg führt mich ...

...hoffentlich noch auf abenteuerlich neue Wege.

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