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Chinesische Arbeitnehmer : Heute hier, morgen weg

  • -Aktualisiert am

Wanderbewegung: Viele chinesische Arbeitnehmer wechseln in diesen Wochen ihren Job Bild: AFP

Chinesen wechseln öfter den Arbeitgeber als Europäer. Für die Unternehmen ist das ein echtes Problem: Sie müssen ihren Beschäftigten Anreize bieten.

          Die Wohnungstür geht mit einem leisen Schnappen auf. Ibell Liu kommt von der Arbeit, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Die 31 Jahre alte Chinesin hatte ihren ersten Tag bei ihrem neuen Arbeitgeber, bei Xinshing, einer Investmentgesellschaft mit Sitz in Pudong, Schanghais glitzerndem Finanzdistrikt. Dort ist sie Managerin des Business-Departments. „Die Chefin des Unternehmens ist sehr nett und fördert mich“, sagt Liu. „Das gefällt mir.“ Zuvor hatte sie knapp zwei Jahre lang in einem Stoffunternehmen gearbeitet. Seit dem Sommer war sie auf der Suche nach einem neuen Job - der Chef in ihrer alten Firma war ihr zu dominant, Überstunden wurden nicht bezahlt, das Gehalt stimmte nicht. Liu beauftragte einen Personalvermittler und wurde fündig, bei der Investmentgesellschaft. „Warum nicht? Ich habe mir gedacht, das schaue ich mir an“, sagt Liu.

          Viele Chinesen wechseln wie Ibell Liu in diesen Wochen die Stelle. Das Herbstfest und die sogenannte „Goldene Woche“ Anfang Oktober, während der das ganze Land eine Woche freimacht, sind willkommene Unterbrechungen im Arbeitsalltag. „Die Wechselbereitschaft der Chinesen ist deutlich höher als die der Europäer“, sagt Julia Zhang-Zedrosser, Direktorin des Personalberaters MRIC in Schanghai. Aus Unternehmensperspektive ist dies ein Problem, bedeutet sie doch oftmals den Verlust von geschulten Mitarbeitern und Knowhow. Aus Arbeitnehmerperspektive stellt sich das jedoch anders dar: Internationale und auch chinesische Firmen zahlen Boni und legen zunehmend Förder- und Entwicklungsprogramme auf, um ihre Mitarbeiter zu halten. Das verfängt vor allem bei jungen Chinesen wie Ibell Liu: „Es geht nicht mehr nur ums Geld“, sagt sie. „Wir schauen mehr darauf, welche Leistungen ein Unternehmen anbietet. Das ist hier inzwischen wie im Westen.“

          Hohe Erwartungen

          Ibell Liu erwartet mehr von ihrem Job, als die vorherige Generation es getan hat. Während die Eltern ihre einzige Tochter am liebsten bei einem Staatsunternehmen gesehen hätten - eine sichere Stelle -, zog es die Chinesin in die Privatwirtschaft. „Meine Karriere ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich will das meiste aus meinen Möglichkeiten machen und mich verwirklichen.“ Damit ist Ibell Liu nicht allein: „In den großen Städten in China haben sich die Prioritäten für viele Mitarbeiter verändert“, sagt Karsten Schmidt, Trainer für Mitarbeiter von deutschen und chinesischen Firmen in Schanghai. „Jüngere Chinesen wollen mehr vom Leben. Gerade das Wohlfühlen in einer Firma ist ein entscheidender Punkt bei der Wahl.“

          Rasante Karrieresprünge, Belohnungsprogramme und Förderangebote sind deshalb in China keine Seltenheit mehr. So eröffnet zum Beispiel der deutsche Automatisierungsspezialist Festo Ende Oktober ein neues Trainingszentrum in Jinan im Osten Chinas. Dort bildet Festo seine Mitarbeiter nach dem deutschen dualen System aus und bietet Weiterbildung an. Gleichzeitig gibt es MBA-Stipendien und ein Austauschprogramm mit der Zentrale in Esslingen bei Stuttgart. Bis zu sechs Monate können ausgewählte Mitarbeiter in Deutschland verbringen, abhängig von ihren Leistungen in China. „Wir tun, was wir können, um unsere Mitarbeiter zu halten“, sagt Jyh-Jong Chen, General Manager von Festo in China. Er schickt deshalb jedes Frühjahr einige seiner Angestellten zur Hannover Messe nach Deutschland. „Die sind sehr stolz, wenn sie zurückkommen“, sagt Jyh-Jong Chen. „Es sind die kleinen Dinge, die den Unterschied machen.“

          Auch chinesische Firmen wie der Computerhersteller Lenovo locken mit Trainings und leistungsabhängigen Auslandsprogrammen. Selbst Puma, der Sportbekleidungshersteller aus Herzogenaurach, ist gerade dabei, für seine Mitarbeiter in Festland-China und Hongkong Förderprogramme aufzulegen. „Da sind wir inzwischen auf westlichem Niveau“, sagt Reiner Seiz, Vorstandsmitglied von Puma. Auch seine Lieferanten hätten inzwischen realisiert, dass sie sich anstrengen müssen, um ihre Mitarbeiter zu halten. „Mindestens einmal im Jahr gibt es eine Lohnerhöhung“, sagt Seiz.

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