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Wohltätigkeit Helden der Hochschule

23.12.2008 ·  Nächstenliebe hat zu Weihnachten wieder Konjunktur. Aber aufs ganze Jahr gesehen setzen sich deutsche Studenten nicht genug für andere ein. Dabei könnten sie damit auch ihre Karriere fördern.

Von Anna Loll
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Wohltätigkeit fängt manchmal am anderen Ende der Welt an. Theresa Usbeck war im Mai mit ihrem Kurs „Management Abroad“ in Kapstadt. Ein Ausflug führte sie und 32 Kommilitonen der Wirtschaftshochschule WHU aus Vallendar in das Armenviertel Khayelitsha. „Was wir da sahen, hat uns alle – nun ja, sagen wir mal: sehr beeindruckt“, beschreibt Usbeck die Situation heute. Kaum aus dem Bus gestiegen, wurden die Deutschen von einer Horde Kinder begrüßt. Die Studenten schenkten ihnen Blöcke und Stifte. „Die haben sich so gefreut“, berichtet Usbeck. Mit einer Freundin hatte sie die Idee, für die Kinder aus den Wellblechhütten Geschenke zu sammeln. Zwei Sammelstellen wurden an der WHU eingerichtet, E-Mails an Dozenten und Studenten verschickt, Aushänge gemacht. Mit Erfolg: Zwölf Umzugskartons sind inzwischen vom Frankfurter Flughafen nach Kapstadt geflogen worden, Lufthansa Cargo zahlte den Transport.

„Es ist schon sehr schön, wenn man ein kleines Stückchen Welt ein kleines bisschen besser machen kann“, sagt Usbeck. Mit ihrer Einstellung ist die Einundzwanzigjährige kein Einzelfall. Etwa zwei Drittel der Studenten in Deutschland setzen sich einer Studie des Unternehmens Hochschul-Informations-System (HIS) zufolge nach eigener Aussage in Vereinen, Verbänden oder Organisationen unentgeltlich ein, die meisten in freizeitorientierten Gruppen, oft in der Jugend- und Sportarbeit. Engagement für das Gemeinwohl ist dagegen weniger stark verbreitet – aber immerhin noch wesentlich mehr als unter gleichaltrigen Nichtstudenten. „Das Problem sind nicht die Zahlen“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), „sondern dass das Engagement insgesamt zu wenig wahrgenommen wird.“ Man müsse deswegen neue Wege suchen, um den Einsatz der Studenten anzuerkennen, etwa mit Credit Points oder einer Festschreibung im Stundenplan, forderte Meyer auf der Heyde, als das DSW vor kurzem die Sieger des Wettbewerbs „Studierende für Studierende“ als „Helden des Hochschulalltags“ auszeichnete.

„Es ist nie schlecht, sich zu engagieren“

Ginge damit nicht der Uneigennutz der Wohltätigkeit verloren? „Es ist nie schlecht, sich zu engagieren“, erwidert Meyer auf der Heyde, „egal, ob es eine Passung mit dem Lebenslauf gibt oder nicht.“ Das überzeugte in der Diskussion nach der Preisverleihung nicht jeden. „Hören Sie mal, Engagement darf doch keine Ware sein!“, rief eine Zuhörerin aus Cottbus empört. Tatsächlich nicht? In den Vereinigten Staaten beispielsweise gehört freiwilliges soziales Engagement meist ganz selbstverständlich in den Lebenslauf. Auch in Deutschland sehen Personalverantwortliche es gern, wenn Absolventen mehr gemacht haben als gute Prüfungen und Sprachkurse. Einsatzbereitschaft, Selbständigkeit und Teamfähigkeit, all das versprechen sie sich von engagierten Studenten.

Von zu viel Moralismus in der Debatte hält auch Roland Roth nicht viel. „Heldenhafte Kämpfe sind doch ziemlich abgetakelt“, sagt der Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal, der die sogenannten neuen sozialen Bewegungen erforscht. „Wir sollten uns von den Passhöhen befreien, wenn wir von Engagement sprechen.“ Persönliche Nutzenerwägungen gehörten immer dazu. Die Motivlage sei oft komplex, selbst die christliche Tradition verheiße Wohltätern leichteren Zugang zum Himmelreich. Altruismus müsse man sich außerdem leisten können. Deshalb wären Pauschalen oder Erstattungen nicht unbedingt der falsche Weg, findet Roth. Allerdings müsse die Grenze zur Verberuflichung gewahrt werden, um noch von Wohltätigkeit sprechen zu können. Kurzum: Honorare als Anerkennung ja, aber nicht in der Höhe eines Gehaltes. Für Credit Points fehle noch ein gutes Modell. Eine Prüfung dürften sie jedenfalls nicht ersetzen – da fehle die Vergleichbarkeit der Leistungen.

Von einer konkreten Belohnung für ihren Einsatz hätte Theresa Usbeck nach eigener Auskunft nicht viel gehalten. „Irgendwie ist es doch schräg, jemanden so zum freiwilligen Engagement motivieren zu müssen“, findet sie. „Etwas Gutes zu tun, um selbst Profit daraus zu schlagen, fördert nicht gerade die Menschlichkeit.“ Ingrid Rumpf bezweifelt ganz und gar, dass es möglich ist, Menschen davon zu überzeugen, sich zu engagieren. Sie ist 24 Jahre alt, studiert Verfahrenstechnik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus und war in so ziemlich allen politischen Hochschulgruppen bis zur Landesebene tätig. Dafür hat sie das DSW ausgezeichnet. „Am Anfang versucht man natürlich, die Kommilitonen zu missionieren“, gibt sie heute zu. Doch habe man einen Mitstudenten schon zweimal gefragt, ob er nicht Lust zur Mitarbeit im Fachschaftsrat habe, lasse man es nach dem dritten „Vielleicht“ bleiben. Was natürlich nicht das Problem löse, dass sich objektiv zu wenige Studenten engagierten.

Siebzig-Stunden-Wochen eine Frage der Organisation

„Das Problem ist einfach, dass die Arbeit in der Hochschulpolitik den Studenten schwierig nahezubringen ist“, erklärt sich Rumpf dies. Sie berichtet von Siebzig-Stunden-Wochen: morgens zum Praktikum, danach zum Studierendenrat, dann abends die Post für den Fachschaftsrat erledigen und zu Hause versuchen, noch einmal ins Lehrbuch zu gucken. Letztlich sei es aber nur eine Frage der Organisation, alles unter einen Hut zu bringen. Außerdem dürfe man nicht verkennen, dass Engagement auch Spaß mache. „Die Dinge etwas besser zu machen ist unheimlich befriedigend“, sagt sie.

Sie selbst habe als gebürtige Ost-Berlinerin eine gute sozialistische Erziehung genossen, fügt Rumpf mit einem Schuss Ironie hinzu. Gleich danach ist sie wieder ernst. „Es fehlt schon ein Stück Engagementbereitschaft in unserer Kultur, in der es vor allem um einen schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt geht“, kritisiert sie. Inwiefern da Credit Points für Wohltätigkeit nachhaltige Veränderungen schaffen könnten, sei fraglich. Bastian Wacker von der Fachhochschule Münster sieht dies ähnlich. „Wer sich engagieren möchte, tut das auch ohne Credit Points“, sagt der 23 Jahre alte angehende Bauingenieur. Er gehört der Regionalgruppe Münster des Vereins „Ingenieure ohne Grenzen“ an, der mit seinen insgesamt 340 Mitgliedern derzeit in elf Projekten in Afrika, Zentralasien und Mittelamerika unter anderem Grundwasserdämme und Biogasanlagen baut. Eine großartige Arbeit, findet Wacker. „Die Entwicklung voranzubringen und das Bestmögliche für andere herauszuholen ist einfach toll“, schwärmt er. Nichtsdestoweniger ergebe sich natürlich auch darüber hinaus ein Nutzen. Vieles, was er bei seiner Arbeit für den Verein lerne, sei auch in anderen Situationen Gold wert: vor völlig Fremden Projekte vorzustellen, zu diskutieren und sich zu präsentieren beispielsweise. Oder Messestände vorzubereiten und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. „All das bringt mir sicherlich auch später etwas für den Job.“

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