http://www.faz.net/-gyl-8lrpj

„Wöhe“ unter Beschuss : Streit um BWL-Bücher

Über das Ziel hinausgeschossen

An dieser Kritik ist viel Wahres dran, in ihrer Rigorosität schießt sie aber über das Ziel hinaus und wird auch den Diskussionen in der akademischen Betriebswirtschaftslehre nicht gerecht. Dem Buch von Gloger fehlt über weite Strecken, was der Autor dem Wöhe fälschlicherweise zum Vorwurf macht: Stringenz, klare Gliederung und empirisch belastbare Fakten. Gerade zu Beginn des Buches bleibt vieles im Anekdotischen und damit ohne Beweiskraft. Dass die meisten der mehr als 232.000 BWL-Studenten hierzulande das Fach nicht aus Neigung studieren, sondern nur der Karriere wegen, kann man auch positiv sehen. Das Fach ist offenbar immer noch geeignet, eine Basis für sehr viele Karrieren zu legen, auch wenn „jemand, der BWL studiert hat, noch lange kein geeigneter Unternehmer ist“. Aber ein Kunstwissenschaftler ist ja auch nicht zwingend ein guter Künstler. Und auch der Vorwurf, viele gute Unternehmensführer hätten nie Betriebswirtschaftslehre studiert, sagt nur wenig über das Fach und seine Relevanz.

Dass das heutige sechssemestrige Bachelor-Studium weitgehend der moderne Ersatz für eine frühere kaufmännische Lehre ist und vielfach nicht hält, was man sich davon versprach, wird kaum einer bestreiten. Die Kapitel über zweifelhafte Hochschulrankings oder über die privaten Business-Schulen sind gut recherchiert. Die von Gloger bemängelte Aufzählungsmanie des Wöhe ist aber dem Konzept geschuldet. Der Wöhe gibt keinen aktuellen Stand der Diskussion wieder, sondern einen Überblick über gesichertes Wissen - und das in knapper Form.

Das bedeutet, dass er sich oft sehr kurz fasst und dass er Entwicklungen der Realität erst dann aufgreift, wenn sie Eingang in den wissenschaftlichen Prozess gefunden haben. In der neuen Auflage wird das Thema Industrie 4.0 erstmals angesprochen. Das muss in einer folgenden Auflage ausgebaut werden. Das Thema Moral in der Wirtschaft sucht man wirklich im Wöhe leider vergebens. Der kurze Hinweis, das sei ein Thema mehr für Theologen, überzeugt nicht. Die jüngste Tagung des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre hat gezeigt, dass Moral und Ethik angesichts vieler Skandale in der realen Wirtschaft (Deutsche Bank, Volkswagen) an Aktualität und Brisanz für das Fach gewinnen und wohl auch vom Wöhe nicht dauerhaft ausgespart werden können. Auch die Stichworte „agiles Unternehmen“, Start-up oder Big Data sollten in einer Neuauflage zwingend vorkommen, wenn der Wöhe seinem Anspruch gerecht werden will, einen Überblick über das gesicherte Wissen des Fachs zu geben.

Es gibt auch Lichtblicke in der BWL-Literatur

Dass der Wöhe der verhaltenswissenschaftlichen Ausrichtung des Faches eher skeptisch gegenübersteht, ist richtig, gilt aber keineswegs für alle Repräsentanten des Fachs. Zu den schönen Neuerscheinungen dieses Herbstes gehört das Buch „Identität. Das Rückgrat starker Marken“ (Campus Verlag, 310 Seiten, 39,95 Euro) von Franz-Rudolf Esch. Der verhaltenswissenschaftlich ausgebildete Marketingforscher zieht in diesem Buch Bilanz über seine lebenslangen Forschungen zum Thema „Marke“. Er räumt ein, dass verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse im BWL-Studium oft unterbelichtet sind - und stellt sie daher in seinem Buch besonders heraus. Esch zeigt, dass man auch im Deutschen wissenschaftlich korrekt und gleichzeitig gut lesbar schreiben kann. Es gibt nur wenige Fachbücher, die auf so leserfreundliche Weise eine solches Füllhorn an Erkenntnissen ausbreiten. Außerdem ist hier der Campus-Verlag zu loben, der zeigt, dass man auch in Schwarzweiß und mit wenigen Abbildungen ein Buch ansprechend gestalten kann.

Weitere Themen

Letzte Liste

Juden in Berlin 1942 : Letzte Liste

Im Herbst 1941 stellte die Gestapo die Jüdische Gemeinde in Berlin vor die Alternative, bei der Abholung von Juden und Unterbringung in Sammelstellen mitzuwirken oder die Arbeit gleich der SS zu überlassen. Blanka Alperowitz und andere wirkten bei den Deportationen mit, in der Hoffnung, humanitäre Hilfe bieten zu können.

Merkel sieht britische Regierung am Zug Video-Seite öffnen

Brexit-Verhandlungen : Merkel sieht britische Regierung am Zug

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nach dem EU-Gipfel in Brüssel, sie hoffe auf einen Startschuss für die nächste Phase der Verhandlungen im Dezember. Eigentlich wollten die Staats- und Regierungschefs auf diesem Treffen in die nächste Phase der Verhandlungen einsteigen. Wegen der Differenzen zwischen beiden Seiten wurde daraus nichts.

Jamaika-Sondierungen nehmen Fahrt auf Video-Seite öffnen

Gute Stimmung : Jamaika-Sondierungen nehmen Fahrt auf

Verhandelt wurde über die Themen Bildung und Digitales, Arbeit und Rente sowie innere Sicherheit. Zumindest zu den ersten Themenkomplexen wollten die Unterhändler Papiere zum Sondierungsstand vorlegen.

Topmeldungen

Der Tatort: Das Briefzentrum Frankfurt. Millionen echte Briefe kommen hier täglich an. Etliche Millionen wurden offenbar nur erfunden.

F.A.S. exklusiv : Millionen-Betrug mit erfundenen Briefen

Staatsanwälte sind einem riesigen Betrugsfall in der Deutschen Post auf der Spur. Offenbar sind hunderte Millionen Briefe abgerechnet worden, die nie geschrieben wurden und frei erfunden waren.

Zum Tod von Malcolm Young : Malcolm, der Meister

Mit AC/CD gründete er die größte Hardrockband aller Zeiten und gab ihr den unverkennbaren Sound. Nun ist der Gitarrist Malcolm Young im Alter von 64 Jahren gestorben. Sein Vermächtnis liegt in seinen Riffs. Ein Nachruf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.