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„Wöhe“ unter Beschuss : Streit um BWL-Bücher

Über das Ziel hinausgeschossen

An dieser Kritik ist viel Wahres dran, in ihrer Rigorosität schießt sie aber über das Ziel hinaus und wird auch den Diskussionen in der akademischen Betriebswirtschaftslehre nicht gerecht. Dem Buch von Gloger fehlt über weite Strecken, was der Autor dem Wöhe fälschlicherweise zum Vorwurf macht: Stringenz, klare Gliederung und empirisch belastbare Fakten. Gerade zu Beginn des Buches bleibt vieles im Anekdotischen und damit ohne Beweiskraft. Dass die meisten der mehr als 232.000 BWL-Studenten hierzulande das Fach nicht aus Neigung studieren, sondern nur der Karriere wegen, kann man auch positiv sehen. Das Fach ist offenbar immer noch geeignet, eine Basis für sehr viele Karrieren zu legen, auch wenn „jemand, der BWL studiert hat, noch lange kein geeigneter Unternehmer ist“. Aber ein Kunstwissenschaftler ist ja auch nicht zwingend ein guter Künstler. Und auch der Vorwurf, viele gute Unternehmensführer hätten nie Betriebswirtschaftslehre studiert, sagt nur wenig über das Fach und seine Relevanz.

Dass das heutige sechssemestrige Bachelor-Studium weitgehend der moderne Ersatz für eine frühere kaufmännische Lehre ist und vielfach nicht hält, was man sich davon versprach, wird kaum einer bestreiten. Die Kapitel über zweifelhafte Hochschulrankings oder über die privaten Business-Schulen sind gut recherchiert. Die von Gloger bemängelte Aufzählungsmanie des Wöhe ist aber dem Konzept geschuldet. Der Wöhe gibt keinen aktuellen Stand der Diskussion wieder, sondern einen Überblick über gesichertes Wissen - und das in knapper Form.

Das bedeutet, dass er sich oft sehr kurz fasst und dass er Entwicklungen der Realität erst dann aufgreift, wenn sie Eingang in den wissenschaftlichen Prozess gefunden haben. In der neuen Auflage wird das Thema Industrie 4.0 erstmals angesprochen. Das muss in einer folgenden Auflage ausgebaut werden. Das Thema Moral in der Wirtschaft sucht man wirklich im Wöhe leider vergebens. Der kurze Hinweis, das sei ein Thema mehr für Theologen, überzeugt nicht. Die jüngste Tagung des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre hat gezeigt, dass Moral und Ethik angesichts vieler Skandale in der realen Wirtschaft (Deutsche Bank, Volkswagen) an Aktualität und Brisanz für das Fach gewinnen und wohl auch vom Wöhe nicht dauerhaft ausgespart werden können. Auch die Stichworte „agiles Unternehmen“, Start-up oder Big Data sollten in einer Neuauflage zwingend vorkommen, wenn der Wöhe seinem Anspruch gerecht werden will, einen Überblick über das gesicherte Wissen des Fachs zu geben.

Es gibt auch Lichtblicke in der BWL-Literatur

Dass der Wöhe der verhaltenswissenschaftlichen Ausrichtung des Faches eher skeptisch gegenübersteht, ist richtig, gilt aber keineswegs für alle Repräsentanten des Fachs. Zu den schönen Neuerscheinungen dieses Herbstes gehört das Buch „Identität. Das Rückgrat starker Marken“ (Campus Verlag, 310 Seiten, 39,95 Euro) von Franz-Rudolf Esch. Der verhaltenswissenschaftlich ausgebildete Marketingforscher zieht in diesem Buch Bilanz über seine lebenslangen Forschungen zum Thema „Marke“. Er räumt ein, dass verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse im BWL-Studium oft unterbelichtet sind - und stellt sie daher in seinem Buch besonders heraus. Esch zeigt, dass man auch im Deutschen wissenschaftlich korrekt und gleichzeitig gut lesbar schreiben kann. Es gibt nur wenige Fachbücher, die auf so leserfreundliche Weise eine solches Füllhorn an Erkenntnissen ausbreiten. Außerdem ist hier der Campus-Verlag zu loben, der zeigt, dass man auch in Schwarzweiß und mit wenigen Abbildungen ein Buch ansprechend gestalten kann.

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