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Wissenschaftssprache Unverständlich schreiben

Wissenschaftler und Studenten benutzen gerne Fremdwörter und bauen Schachtelsätze. Sie wollen gelehrt klingen. Oft haben sie aber nur Angst davor, verstanden zu werden.

© Peter von Tresckow

Anne Fromm steht kurz vor ihrem Masterabschluss in Soziologie. Das Fach ist berühmt für seine eigenwillige Sprache. Hinter Begriffen wie „Diskurs“ verbergen sich oft seitenlange Reflexionen, Texte von Koryphäen wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas gelten als besonders schwere Kost. Anne Fromm musste ihr ganzes Studium über viel lesen, bis zu 300 Seiten in der Woche. Manchmal war sie frustriert. Musste es wirklich so kompliziert sein? Ihr kam es so vor, als versuchten die Autoren, Alltagstheorien so wissenschaftlich wie möglich klingen zu lassen, indem sie sie mit umständlichen Formulierungen vernebelten. „Dabei sind die Aussagen an sich intuitiv verständlich und plausibel“, findet die Studentin.

Der Politikstudent Johannes Uhl teilt Fromms Eindruck. Er hat auch einen Bachelor in Physik gemacht und kann so zwischen den Disziplinen vergleichen. „Bemerkenswerterweise sind es vor allem die Sozialwissenschaftler, die ihre Sprache durch unnötige Phrasen und komplizierte Strukturen aufblähen“, sagt er. Das färbe auch auf die Studenten ab. Uhl hat sich manchmal dabei ertappt, wie er „inhaltsleere Formulierungen“ wie „cum grano salis“ in seine Texte einbaute.

Mauern um die Gedanken bauen

Wissenschaftler bauen mit ihrer Sprache gern Mauern um die eigenen Gedanken; so wirken ihre Texte zumindest auf Außenstehende. Sie setzen Steine in Gestalt von Fremdwörtern, abstrakten Substantiven und Passivkonstruktionen aufeinander, die von Fugen aus langen Schachtelsätzen zusammengehalten werden. Studenten fällt es daher oft schwer, die Lehrbücher und Seminartexte zu verstehen, die sie an der Hochschule lesen müssen.

Das klingt dann zum Beispiel so: „Eine experimentelle Ausschaltung von Erfahrungsmöglichkeiten ist im Tierversuch häufig realisiert worden, beim Menschen gibt es ethische Schranken.“ Sätze wie dieser - er stammt aus einem bekannten Lehrbuch für Entwicklungspsychologie - sind schon sperrig genug, gehören aber noch zu den einfachen Beispielen.

Zu komplex für simple Sprache

Manchmal geht es natürlich kaum einfacher. Die Gedanken, die in vielen wissenschaftlichen Texten stecken, sind so komplex und spezifisch, dass es nicht möglich ist, sie in einer simplen Sprache zu erklären. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften geht es oft um feinste Differenzierungen, die präzise ausgedrückt werden müssen. Aus diesem Bemühen entsteht dann eine verdichtete Sprache, die nur schwer zu verdauen ist. Sie setzt Vorwissen über gängige Theorien oder Fachwörter voraus, denn nicht jeder Aufsatz kann die Grundlagen einer Disziplin neu erklären.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In manchen Fällen verbirgt der Wissenschaftler hinter seiner nebulösen Sprache bloß Unsicherheit. Oder der Autor will zeigen, dass er zum exklusiven Club der Gelehrten gehört. Manche Forscher formulierten aus Angst undeutlich; sie blieben unscharf, um nicht angreifbar zu sein, sagt Ludwig Eichinger, Präsident des Institutes für Deutsche Sprache in Mannheim. Eine elegante Prosa gelte nichts. „Sie schreiben ja schön.“ Für viele Wissenschaftler gebe es kein schlimmeres Kompliment. „Leider herrscht immer noch das Vorurteil, dass die Komplexität eines Textes mit der Tiefe der Gedanken korrespondiert“, klagt Eichinger.

Oft fehlt der Mut zur Einfachheit

Auch Gabriele Graefen, Germanistin an der Universität München, glaubt, dass sich Wissenschaftler beim Schreiben mehr Mühe geben sollten. Ihnen fehle oft der Mut zur Einfachheit. Kollegen schrieben zum Beispiel „semantische Bedeutung“, obwohl doch die Semantik bereits die Bedeutungslehre sei. „Der Vorteil des Adjektivs ist eigentlich nur, dass es ein Fremdwort ist und nach mehr Kompetenz klingt.“

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Veröffentlicht: 02.11.2012, 06:00 Uhr