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Wissenschaftssprache Englisch : Das ist doch absurd!

  • Aktualisiert am

Immer noch unerlässlich, das Lexikon Bild: dpa

Wenn deutsche Wissenschaftler untereinander Englisch sprechen, dann können wir auf unsere Sprache vielleicht bald ganz verzichten - fürchtet der Mediziner Ralph Mocikat.

          Wenn deutsche Wissenschaftler untereinander Englisch sprechen, dann können wir auf unsere Sprache vielleicht bald ganz verzichten - fürchtet der Mediziner Ralph Mocikat.

          Herr Mocikat, warum wenden Sie sich dagegen, dass an deutschen Hochschulen auf Englisch gelehrt wird?

          Englisch ist die internationale Wissenschaftssprache, daran wollen wir gar nichts ändern. Und englischsprachige Dozenten sollen auch ihre Veranstaltungen auf Englisch abhalten können. Denn was wir fordern, ist eine – zumindest rezeptive – Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft. Aber inzwischen wird ja sogar auf internen Tagungen, wo nur deutsche Wissenschaftler zusammenkommen, oder wenn deutsche Forscher die Arbeit von Landsleuten begutachten, Englisch gesprochen. Da kommt es mitunter zu grotesken Situationen, etwa wenn sich zwei Deutsche in der Pause dann auch über private Angelegenheiten auf Englisch unterhalten. Das ist doch absurd!

          Ralph Mocikat
          Ralph Mocikat : Bild: privat

          Können deutsche Wissenschaftler nicht gut genug Englisch dafür?

          Ich halte meine Kollegen da für überaus kompetent. Aber Englisch ist und bleibt eine Fremdsprache für sie. Unsere Denkmuster und unsere diskursive Kreativität wurzeln in der Muttersprache, in ihr können wir die feineren Nuancen ausdrücken und die passenderen Bilder finden. Wenn wir auf sie im internen Betrieb verzichten, dann geben wir ein sehr großes wissenschaftliches Potential verloren. Denn die Dinge, über die wir in der Wissenschaft reden, sind so komplex, dass man sich keine zusätzlichen Hürden aufstellen sollte.

          Wie steht es um die Studenten?

          Aus Seminaren und Vorlesungen weiß ich, dass sowohl das inhaltliche Niveau als auch die Diskussionsbereitschaft der Studenten deutlich zurückgeht, wenn sie auf Englisch gehalten werden. Aber hier tritt noch ein ganz anderes sprachliches Problem auf: Selbst wenn Studenten einen deutschen Text schreiben sollen, kommt es für viele regelrecht zum Debakel. Die Sprachkenntnisse sind da zum Teil katastrophal. Deshalb fordern wir von der Politik, dass an den Schulen wieder mehr Wert auf korrektes Deutsch gelegt wird, auch in den Naturwissenschaften. Dass diese Fächer an immer mehr Schulen auf Englisch unterrichtet werden, ist eine Fehlentwicklung.

          Wie lässt sich die Entwicklung an den Universitäten aufhalten oder sogar umkehren?

          Einfluss muss jeder einzelne Wissenschaftler in seinem Fach nehmen. Aber wir wenden uns auch an die Wissenschaftsorganisationen und an die Fachgesellschaften, von denen wir etwa die Einrichtung von Terminologie-Kommissionen fordern. Wir sind da noch sehr am Anfang, aber vielerorts rennen wir offene Türen ein.

          Warum muss sich erst ein Arbeitskreis gründen, um eine kritische Position zum Trend zu formulieren?

          Das mag wohl an einer gewissen Stromlinienförmigkeit des Denkens liegen. Dem bisher noch nie bewiesenen Argument, dass englischsprachige Studiengänge ausländische Studenten anziehen, konnten sich bislang offenbar nur wenige entziehen.

          Für ausländische Gaststudenten und -dozenten aber sind englischsprachige Studiengänge tatsächlich eine Erleichterung.

          An unserem Institut hatten wir auch schon viele Gäste, als ich selbst gerade Postdoktorand war. Die haben in den ersten acht Wochen intensiv Deutsch gelernt. Solche Sprachkurse fehlen aber heute in den meisten internationalen Programmen. Damit sind doch auch die Gäste nicht zufrieden! Denn nur in der Landessprache können sie sich sozial und kulturell integrieren und längerfristige Bindungen aufbauen, die auch nach der Rückkehr in ihre Heimatländer Bestand haben. Wenn ein Gast jedoch nur kurze Zeit bei uns ist, dann werden wir natürlich nicht verlangen, dass er die Landessprache lernt.

          In welchen Fächern ist die Situation besonders kritisch?

          In den Naturwissenschaften und in der Medizin ist diese Entwicklung gewiss am weitesten vorangeschritten. Aber inzwischen ist sie auch in den Geistes- und sogar in den Rechtswissenschaften zu beobachten. Dort ist sie besonders bedenklich, weil sich über die Sprache ja auch ein bestimmtes Rechtssystem ausdrückt.

          Was wird geschehen, wenn Ihre Initiative keinen Erfolg hat?

          Im schlimmsten Fall verliert die deutsche Sprache ihre Wissenschaftstauglichkeit. Der Austausch mit der Öffentlichkeit wird schon jetzt immer schwieriger. Wenn es zum Beispiel um die ethischen Aspekte der Wissenschaft geht, dann sind wir meiner Ansicht nach zu diesem Austausch verpflichtet. Für solche Diskussionen aber ist man an das sprachlich-kulturelle Umfeld gebunden. Außerdem, und darüber machen sich die wenigsten Sorgen, werden nicht mehr alle Bereiche der Wirklichkeit von der Sprache abgedeckt. Da es sich aber gerade um die innovativsten Bereiche handelt, in denen sich die deutsche Sprache nun nicht weiterentwickelt, ist dies besonders gravierend. Irgendwann können wir sie dann vielleicht ganz abschaffen.

          Ralph Mocikat ist Medizin-Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und Vorsitzender des im vergangenen Jahr gegründeten Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache“. Der Arbeitskreis hat sein Anliegen in sieben Thesen zur deutschen Sprache in der Wissenschaft zusammengefasst.

          Das Gespräch führte Sebastian Balzter.

          Quelle: F.A.Z.

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