19.08.2009 · Viel Arbeit für wenig Geld, miese Aussichten auf eine dauerhafte Anstellung - wer die Wissenschaft zum Beruf machen will, muss hart im Nehmen sein. Professor werden nur die wenigsten.
Von Oliver HollensteinDass sie in diesem Jahr in den Urlaub fahren kann, damit hatte Simone schon gar nicht mehr gerechnet. Aber drei Wochen vor dem Auslaufen ihres Vertrags kam die erlösende Nachricht: Das Forschungsprojekt wird noch einmal verlängert, verkündete ihr Chef, ein renommierter Professor, um ein halbes Jahr. Damit ist ihr Einkommen bis zum Ende des Jahres gesichert, sagt sie - und sogar genügend Geld übrig, um zwei Wochen an die Nordsee zu fahren.
Die Ökonomin ist eine typische deutsche Nachwuchswissenschaftlerin, auch wenn der Begriff Nachwuchs auf sie nicht so recht passen will: Simone ist 43 Jahre alt, arbeitet schon seit fast 15 Jahren als Wissenschaftlerin, war an drei großen deutschen Hochschulen angestellt, verantwortlich für Drittmittelprojekte, Assistentin am Lehrstuhl, ein Jahr lang vertrat sie eine Juniorprofessorin. Die Promotion hat sie mit Auszeichnung abgeschlossen, das Studium sowieso. Sie gehört also zur intellektuellen Elite. Was sie sagt, klingt allerdings ganz und gar nicht elitär. „Ich habe mir einfach abgewöhnt, langfristig zu denken“ ist so ein Satz von ihr - doch auch er darf als typisch gelten für viele Wissenschaftler in Deutschland: Mehr als die Hälfte von ihnen sind wie Simone befristet angestellt, unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern sind es sogar 75 Prozent. Ihr Berufsleben läuft seit jeher auf das Nadelöhr der Berufung zum Professor zu, darin unterscheidet sich die Wissenschaft von allen anderen Branchen. Eine unbefristete Karriere ohne Professorentitel ist nicht vorgesehen; es gibt also prinzipiell nur Professoren - und solche, die es noch werden wollen.
Unklarheit bis Mitte 40
Für den Nachwuchs heißt das in vielen Fällen: Bis Mitte 40 ist unklar, ob man jemals dem Nachwuchs-Status entfliehen und dauerhaft im Wissenschaftsbetrieb bleiben kann. Denn auf geschätzte 120.000 wissenschaftliche Mitarbeiter und 50.000 Lehrbeauftragte kommen gerade einmal 38.000 Professuren, und nur knapp 10.000 davon sind mit einen eigenem Lehrstuhl und Mitarbeitern ausgestattet. Wer nicht irgendwann auf eine dieser Stellen berufen wird, hat ein Problem. Denn die Logik der Hochschule zwingt Wissenschaftler, sich auf ein spezielles Themengebiet zu konzentrieren. Auf dem Arbeitsmarkt außerhalb der Hochschulen wird das aber schnell als Überqualifikation ausgelegt, das Klischee vom „Dr. habil. Taxifahrer“.
Neu ist dieses Dilemma im Prinzip nicht. Schon Albert Einstein soll gesagt haben: „Wissenschaft ist eine wunderbare Sache, wenn man nicht davon leben muss.“ Und der Soziologe Max Weber warnte seine Studenten vor fast 90 Jahren vor den Risiken der akademischen Laufbahn: Ein junger Gelehrter müsse „eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher eine Chance hat, einzurücken in eine Stellung, die für den Unterhalt ausreicht“, heißt es in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“. Die Lage habe sich seither nicht verbessert, sondern deutlich verschlimmert, kritisieren manche junge Gelehrte von heute, die für das Phänomen einen eingängigen Begriff erfunden haben: Als „akademisches Prekariat“ beschreiben sie sich selbst. Denn während die Zahl der Lehrstühle stagniere und die Zahl der Stellen nur leicht steige, wachse die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter rasant, die Zahl der Interessenten sogar noch stärker.
Dieser verschärfte Konkurrenzkampf passt zum politisch gewollten Klimawandel an den Hochschulen. Die Exzellenzinitiative, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse, die immer neuen Studienrankings, Forschungsratings und Lehrevaluationen sollten auch den vermeintlichen Muff des Beamtentums aus den Fluren vertreiben. Nun herrscht der strenge Blick auf die Kennzahlen: Wer erwirbt die meisten Drittmittel? Wer steht im Ranking oben? Wer hat die meisten Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht?
Vor allem die Reputation zählt
Im Wissenschaftssystem zählt trotzdem immer noch vor allem Reputation, sagt Simone. Deshalb würde sie auch ihren Nachnamen gerne in der Zeitung lesen - in Verbindung mit ihrer Forschung. Aber als Nestbeschmutzerin, die sich über die Arbeitsbedingungen beschwert? Lieber nicht. Im Wettlauf um das Wohlwollen der Professoren sei uneingeschränkte Loyalität eine wichtige Tugend, sagt sie. Viele Kollegen versuchten, sich die Anerkennung ihres Chefs zu erkaufen. „Bereitwillig übernehmen sie alle Aufgaben, die sie aufgetragen bekommen, auch wenn sie das nicht müssten.“
Die Akkreditierung der neuen Studiengänge, das Schreiben der Studien- und Prüfungsordnungen, die Organisation von Auswahlverfahren für neue Studenten - all das landet zum Beispiel auf dem Schreibtisch von Andreas, der seit seinem Magisterabschluss vor drei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der geisteswissenschaftlichen Fakultät einer renommierten deutschen Universität beschäftigt ist und seinen Nachnamen aus Rücksicht auf die Karriere auch lieber für sich behalten möchte. 29 Jahre alt ist er nun, ledig und kinderlos, seine Stelle in Jena teilt er sich mit einem Kollegen. Netto bleiben ihm rund 1050 Euro im Monat, in seinem Vertrag ist von zwanzig Stunden Wochenarbeitszeit die Rede, zu gleichen Teilen auf Lehre, Verwaltung und eigene Forschung aufgeteilt. Eine Milchmädchenrechnung, sagt er. „Die zusätzlichen Verpflichtungen werden so lange nach unten durchgereicht, bis sie bei jemandem landen, der keinen mehr zum Weiterdelegieren findet.“Nicht nur die Reform der Studiengänge soll in den zwanzig Stunden erledigt werden, auch die eigene Lehrverpflichtung, die Betreuung der Studenten seines Chefs und die Gremienarbeit. Tatsächlich arbeite er bis zu 60 Stunden in der Woche für ein halbes Gehalt, den Jahresurlaub schenke er zum Großteil dem Arbeitgeber, mit der Promotion aber sei er drei Jahre nach seiner Einstellung noch keinen Schritt weiter.
Lässt sich aus den Einzelbeispielen aufs Allgemeine schließen? Eine Befragung im Auftrag der Gewerkschaft Verdi unter rund 1000 wissenschaftlichen Mitarbeitern in Berlin, Jena und Oldenburg zeigt: 45 Prozent der Befragten haben nur eine halbe Stelle, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt aber unabhängig von der Zahl der bezahlten Zeit bei etwa 42 Stunden. Der Soziologe Matthias Neis, der in Jena zum Thema „Atypische Beschäftigung in der Wissenschaft“ promoviert, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. „Die wissenschaftlichen Mitarbeiter werden strategisch ausgenutzt“, analysiert er die Situation. „Anders könnten die Hochschulen ihre wachsenden Aufgaben bei bestenfalls stagnierender finanzieller Ausstattung gar nicht bewältigen.“
Ausgebeutet und trotzdem glücklich - wie passt das zusammen?
Warum ist das so? „Weil die Marktsituation es möglich macht“, sagt der Soziologe. Vor allem in Fachbereichen ohne direkten Bezug zur Praxis gebe es für junge, hochausgebildete Fachkräfte nur wenige alternative Angebote auf dem Arbeitsmarkt. In Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften stehe folglich eine große und stetig zunehmende Zahl hochmotivierter Bewerber zum Ersatz frustrierter Nachwuchswissenschaftler bereit, die nicht nur viel Arbeit für wenig Geld in Kauf nehmen. „Langfristige Planung ist wegen der großen Zahl an befristeten Stellen kaum möglich“, sagt Matthias Neis. Unter den Teilnehmern der Verdi-Studie erwartet jeder fünfte, nach Ablauf des jetzigen Vertrags arbeitslos zu werden. Etwa zwei Drittel richten sich darauf ein, für eine unbestimmte Zeit nur befristete Verträge zu bekommen. Das wirkt sich unter anderem auf die Familienplanung aus: Fast jeder dritte Befragte gab an, wegen der Unsicherheit schon einmal einen Kinderwunsch verschoben zu haben, unter den Frauen waren es sogar 43 Prozent. Auch Simone hat keine Kinder. „Das hat einfach nie gepasst“, sagt sie.
Als „objektiv prekär“ beschreiben Fachleute solche Berufssituationen. Subjektiv aber scheinen sich die meisten Wissenschaftler daran überraschenderweise kaum zu stören. „Die hohe Identifikation mit den Inhalten der Arbeit und dem eigenen Forschungsthema sowie die Möglichkeit zu promovieren führen gleichwohl zu einer Zufriedenheit mit der Situation beziehungsweise zu bewussten und negative Seiten in Kauf nehmenden Arrangements mit der Realität“, heißt es in der Verdi-Studie. So schätzen 43 Prozent der Befragten ihre derzeitige Arbeitssituation positiv ein. Fast drei Viertel würden wieder einen Arbeitsplatz an der Hochschule wählen. Und erstaunliche 80 Prozent sehen ihre Zukunft optimistisch - obwohl nur jeder Zehnte damit rechnet, eine unbefristete Stelle an einer Hochschule zu bekommen.
Ausgebeutet und trotzdem glücklich - wie passt das zusammen? „Nach meinem Abschluss wollte ich weiter forschen. Ich habe einen Horror vor einem normal-bürgerlichen Arbeitsverhältnis“, erklärt Andreas seine Motivation. Die Arbeitszeit, die geforderte Mobilität, der geringe Verdienst - das gehöre zur Wissenschaft einfach dazu und sei der Preis für die Freiheit. „Ich hätte auch ohne Anstellung promoviert“, sagt er. „Notfalls mit Hartz IV.“
Prekäre Lage
- Halten Lehrbeauftragte und Privatdozenten zusammen, können sie ihre Hochschule empfindlich treffen - das hat ein Streik von Ethnologen und Afrikanisten gezeigt, die im Sommersemester 2006 in München Sprachkurse und Proseminare ausfallen ließen. Beim Nachrechnen hatten sie einen Stundenlohn von durchschnittlich drei Euro ermittelt. Die Uni erhöhte ihre Bezüge, dennoch blieb der Streik ein Einzelfall. „Alle glauben, dass es sich um eine Phase handelt, die man schnell durchschreitet“, versucht Magnus Treiber, einer der Organisatoren, die Leidensbereitschaft vieler Wissenschaftler zu erklären.
-Über die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen informiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Internet unter: www.gew.de/wissenschaft.html
(lzt.)
Die (nicht vorhandene) akademische Juniorposition
Markus Dahlem (markusdahlem)
- 19.08.2009, 11:50 Uhr
Riesige Diskrepanz
Paul Rabe (heidelpaul)
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Und warum?
Michael Retz (MRetz)
- 21.08.2009, 00:01 Uhr