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Wertverlust von Zeugnissen : Noten in Nöten

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Zeugnisse sagen wenig über einen Bewerber aus. Das finden immer mehr Unternehmen. Online-Tests geben auch Kandidaten mit schlechten Noten eine Chance.

          Antaris 881 kann noch so flehen, sein Postfach bleibt leer. Der Nutzer des Online-Portals „Uniprotokolle“ sucht Screenshots sämtlicher Einstellungstests, namentlich der Firmen U-Form Testsysteme oder Eligo. Doch niemand will ihm derartige Einblicke zur Verfügung stellen. Dabei müsste es eine Menge Leute geben, die schon mit der Software der Personaldiagnostiker Kontakt hatten: Online-Tests als ein Instrument der Bewerbersuche liegen schon seit Jahren im Trend, sagt Joachim Diercks, Geschäftsführer der Hamburger Programmierschmiede Cyquest, die sich auf Online-Assessments zur Studien- und Berufsorientierung spezialisiert hat. Neu sei allerdings, dass das Instrument für die Rekrutierung von Bewerbern an Bedeutung gewinne. „Und dabei in der Vorselektion an erste Stelle rückt.“

          Prominentes Beispiel hierfür ist die Deutsche Bahn: Seit diesem Sommer entscheidet allein ein Online-Test aus dem Hause Eligo, ob ein Bewerber in die engere Wahl für einen Ausbildungsplatz oder ein duales Studium kommt. „Bei über 50.000 Bewerbern auf 4000 Ausbildungsplätze jährlich müssen wir vorselektieren“, sagt Christof Beutgen, Leiter für Mitarbeiterentwicklung bei der Bahn. Bisher lief das über die Abschlusszeugnisse: „Aber Schulnoten sind nicht vergleichbar, und sie erlauben auch nur eingeschränkt Vorhersagen über den Berufserfolg.“ Statt das Abitur aus Nordrhein-Westfalen um ein paar Punkte herunterzustufen und das aus Bayern herauf, nutzt die Bahn lieber einen eigenen Test.

          Das Zeugnis kommt erst im zweiten Schritt

          „Zum einen geht es um logisches Denken, Mathematik, Merkfähigkeit und Verarbeitungskompetenz“, so Beutgen. „Zum anderen um einen Persönlichkeitstest, bei dem man sich auf einer Skala selbst einschätzen soll.“ 10.000 Teilnehmer haben den Test schon durchlaufen. Mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen - und höheren Leistungsanforderungen für dual Studierende beispielsweise. Aber in jedem Fall mit einer sehr guten Resonanz bei Teilnehmern wie Personalentscheidern, wie Beutgen betont: „Die Bewerber sind interessiert, und die Passung ist gut.“

          Stimmt das individuelle Auswertungsprofil, erhält der Teilnehmer die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, bei dem dann auch das Abschlusszeugnis zum Tragen kommt: „Wir können dann auch das Testprofil mit dem Zeugnis vergleichen. Gibt es starke Abweichungen, ist das für uns ein Anlass, nachzufragen.“

          Auch wenn das Beispiel als besonders prägnant gilt, es befindet sich in guter Gesellschaft: „Noten sagen wenig aus“, sagt etwa eine Sprecherin des Sportartikelherstellers Adidas; allenfalls die Englischnote zähle, da Englisch im Konzern Unternehmenssprache sei. Wichtiger als Abschlusszeugnisse seien individuelle, auf das Unternehmen zugeschnittene Motivationsschreiben. „Praktika, Auslandserfahrung, die Leidenschaft für den Sport - für uns zählt das ganze Paket.“

          Die Notenmüdigkeit der Unternehmen macht auch vor Hochschulabsolventen nicht halt. „Die Hochschulnoten werden einerseits immer besser, andererseits immer intransparenter“, betont Gero Hesse, Leiter der Personalmarketing-Agentur „Embrace“, die zum Bertelsmann-Konzern gehört. Eine Folge des Bologna-Prozesses sei das, der einmal dafür angetreten war, für mehr Vergleichbarkeit und Kompatibilität zu sorgen. „In Wahrheit müssen die Personaler Note X und Hochschule Y gegeneinanderrechnen, um das Ergebnis richtig einzuordnen.“ Zudem stellten Globalisierung, neue Technologien und heterogene Strukturen neue Anforderungen an die Mitarbeiter. „Querdenker, Teamfähigkeit und Kreativität sind gefragt. Aber das erreicht man nicht durch ein Schablonen-Studium an einer Elite-Universität“, so Hesse.

          Auch soziale und persönliche Komponenten werden geprüft

          Vielmehr müssten die Unternehmen mit dem arbeiten, was da ist. „Auch Hauptschüler sind spannend“, sagt der Diplom-Kaufmann. Der Trend zur Akademisierung zwinge auch große Unternehmen zum Umdenken. Einerseits versucht beispielsweise BASF in Ludwigshafen nicht ausbildungsreife Jugendliche zu unterstützen. Andererseits verzichtet auch das Chemieunternehmen bei der Vorselektion auf Schulnoten - sogar schon ein Jahr länger als die Bahn. Mit Erfolg, wie Rekrutierungsspezialistin Bettina Strobel betont: „Die Auswahlqualität hat zugenommen.“

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