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Wer wird noch Chirurg? Tupfer, Schere, Überstunden

23.10.2009 ·  Chirurg ist ein Beruf mit Zukunft. Doch den Nachwuchs schrecken die Arbeitsbedingungen in den Kliniken ab. Die Interessenvertretung der Assistenzärzte und eine Werbekampagne an den Universitäten sollen Abhilfe schaffen.

Von Yvonne Wagner
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Der Nachwuchs rebelliert. "Wenn wir jetzt nicht die Chance nutzen, mitzureden - wann dann?", fragt Philipp Geisbüsch, ein angehender Gefäßchirurg am Universitätsklinikum Heidelberg. Die günstige Gelegenheit, die Geisbüsch und viele seiner jungen Kollegen nutzen wollen, beruht auf einer Entwicklung, die für Patienten und Chefärzte zugleich problematisch ist: Den Chirurgen geht der Nachwuchs aus. Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen geht von 400 bis 600 Neueinsteigern im Jahr aus, nötig wären aber rund 1000. Mangelnde Perspektiven für Assistenzärzte, eine schlecht strukturierte Weiterbildung in den Krankenhäusern, extreme Arbeitszeiten, zu viele Verwaltungspflichten - das sind die Gründe, die gemeinhin für den Mangel genannt werden. Gut 15 Jahre kann der steinige Weg vom Assistenzarzt bis zum Chefarzt dauern, wenn man es denn auf eine der 2800 Stellen in Deutschland schafft.

Die entscheidende Basis für eine Klinikkarriere legt die mindestens sechs Jahre dauernde Fortbildung zum Chirurgen nach dem Medizinstudium; Unfall-, Thorax-, Viszeral-, Kinder-, Herz-, Allgemein- und Gefäßchirurgie sowie Plastische Chirurgie sind die zur Wahl stehenden Vertiefungsmöglichkeiten. Gerade in dieser Phase aber versagen viele Kliniken, weil ein strukturiertes Curriculum fehlt. "Unsere Weiterbildung hängt immer wieder von der Willkür des eigenen Chefs ab", kritisiert etwa Philipp Geisbüsch. Dennoch müssen die Assistenzärzte es schaffen, wichtige Operationen in ihrer Fortbildungszeit nachzuweisen. Welche diese sind und wann ein bestimmter chirurgischer Eingriff erfolgen sollte, ist meist nicht festgelegt. So zieht sich die Ausbildung oft unnötig in die Länge. Die Karriere verzögert sich, die Überstunden, Nacht- und Wochenenddienste nehmen indes zu - und die Bezahlung steigt nicht im gleichen Maße wie die Anforderungen. Die Folge? In ihrem ersten Fachsemester Humanmedizin sind noch rund 20 Prozent der Studenten an der Chirurgie interessiert, am Ende des Studiums sind es nur noch 5 Prozent.

Die Arbeit geschickt verteilen

Der Nachwuchsmangel bringt junge Ärzte nun aber in eine gute Verhandlungsposition. Eine transparente Fortbildungsstruktur, flexiblere Arbeitszeitmodelle und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - so lauten die Forderungen. "Die heutige Generation hat ein profundes Interesse daran, ein normales Leben zu führen", sagt Philipp Geisbüsch. Sein Chef, Dittmar Böckler, der ärztliche Direktor für Gefäßchirurgie am Heidelberger Universitätsklinikum, lässt den 31 Jahre alten Familienvater dafür nun beispielsweise in eine zweimonatige Elternzeit gehen. Der Professor plädiert dafür, sich auf die Bedürfnisse der Berufsanfänger einzustellen. Das sei schlicht nötig, um auch künftig die ärztliche Versorgung der Patienten zu sichern.

Allerdings verweist Böckler auch auf die Kehrseite dieser Bemühungen. "Wer für Überstunden statt Bezahlung einen Ausgleich in Freizeit erhält, dem fehlt auch Ausbildung und damit Berufserfahrung", sagt er. So könne man Forschung, Lehre und Patientenversorgung kaum in 24 Stunden packen, wenn auch noch Freizeit und Familie berücksichtigt würden, zumal auch das Arbeitszeitgesetz Grenzen setze. Sinnvoll sei es deshalb, die Arbeit so zu verteilen, dass die Assistenzärzte ihre medizinischen Aufgaben erfüllen könnten. "Allein der Papierkrieg macht 20 Prozent ihrer Arbeit aus", überschlägt Böckler - das aber könnten genauso gut auch Verwaltungskräfte erledigen.

Nach Blinddarm-OP nur noch drei Tage im Krankenhaus

Ein anderer Aspekt, auf den sich Chefärzte vorbereiten müssen, ist die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung in ihren Teams. Schließlich sind mehr als 60 Prozent aller Medizinstudenten Frauen, deren Interesse an solchen Lösungen der Familie wegen tendenziell groß ist. Grundsätzlich aber wirbt der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) im Kampf um den Nachwuchs um alle angehenden Mediziner. "Nur Mut! Kein Durchschnittsjob ChirurgIn" heißt die Kampagne, für die der Berufsverband das sogenannte "Team junge Chirurgie" an die Universitäten schickt. Ober-, Fach- und Assistenzärzte sollen Medizinstudenten über ihre Berufsperspektiven als Chirurgen informieren. In praktischen Kursen zeigen sie ihnen, wie man Wunden näht, Knochenbrüche behandelt, Gipsverbände anlegt oder minimalinvasive Eingriffe vornimmt - aber auch, wie man sich richtig bewirbt und wie man die richtige Klinik findet, um gut ausgebildet zu werden. 2500 Studenten hat die Kampagne schon erreicht, für die meisten dürfte es der bislang intensivste Kontakt mit der praktischen Chirurgie gewesen sein.

Wer von ihnen sich am Ende des Studiums tatsächlich für die Chirurgie entscheidet, hat gute Aussichten, auch eine Stelle zu finden. Nach Angaben des BDC werden in den nächsten zehn Jahren rund die Hälfte aller niedergelassenen und mehr als ein Drittel der Krankenhauschirurgen in Rente gehen. "Gleichzeitig wird die Arbeitsdichte künftig zunehmen", prognostiziert Natascha Nüssler, die Chefärztin in der Allgemein-, Viszeralchirurgie und endokrinen Chirurgie am städtischen Klinikum München Neuperlach. "Für eine Blinddarmoperation liegt man heute zwei bis drei Tage im Krankenhaus", rechnet die Professorin vor. "Früher waren es eher acht bis zehn Tage." Die Betten sind deshalb schneller wieder verfügbar - und die Ärzte müssen in kürzerer Zeit mehr Patienten versorgen. "Die Personaldecke ist aber weiterhin extrem dünn", sagt Nüssler. "Die Kliniken versuchen Stellen abzubauen oder mit dem vorhandenen Personal noch mehr Patienten zu versorgen."

Eine Interessenvertretung für den Nachwuchs

Was das bedeutet, erlebt Philipp Geisbüsch aus Heidelberg als Assistenzarzt Tag für Tag. Ein normaler Arbeitstag hat für ihn zwölf Stunden, mindestens an zwei von vier Wochenenden hat er Dienst. Nachts setzt er sich an den Computer und forscht über "Erkrankungen der thorakalen Aorta" - Forschung gehört zu seinem Beruf, aber er betreibt sie in seiner Freizeit. Für Assistenzärzte in einer Uni-Klinik ist das zwar der Alltag, ein akzeptabler Zustand aber ist es für die meisten nicht. "Durch die Forschung profitieren auch die Klinik und die Abteilung. Forschung nur privat zu betreiben hinkt dem Zeitgeist hinterher", sagt Geisbüsch.

Er hat in diesem Jahr zusammen mit einem Kollegen - und unterstützt von Professor Böckler - das erste bundesweite Assistenzärztetreffen überhaupt organisiert. Rund 100 Assistenzärzte kamen dafür nach Heidelberg, um sich im Beisein ihrer Vorgesetzten über ihre Arbeitsbedingungen auszutauschen. Eine Umfrage förderte bemerkenswert unterschiedliche Wahrnehmungen der Chefs einerseits und der Assistenzärzte andererseits zutage: Während etwa 90 Prozent der Nachwuchschirurgen sagten, dass es in ihrer Klinik kein festes Ausbildungscurriculum gebe, waren zwei Drittel der anwesenden Chef- und Oberärzte der Meinung, dass dies sehr wohl vorhanden sei und auch angewandt werde. Auch diese Diskrepanz zeigt, dass die jungen Chirurgen eine eigene Interessenvertretung vermutlich gut gebrauchen können. Für dieses Wochenende, wenn die Zunft zur 25. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie in München zusammentrifft, soll sie auf dem ersten Konvent der gefäßchirurgischen Assistenten gegründet werden.

Dickes Gehaltsplus für Berufseinsteiger im Osten

In Zeiten der Wirtschaftskrise wären viele Angestellte froh, wenn sie wie die Ärzte an den deutschen Universitätskliniken mit einem Lohnzuwachs von 3,8 Prozent im laufenden und 1,2 Prozent zur Mitte des kommenden Jahres rechnen könnten. Die Mediziner in Ostdeutschland haben jedoch zum Jahreswechsel noch einen besonderen Anlass, kräftig die Korken knallen zu lassen. Denn zum 1. Januar 2010 werden die derzeit unterschiedlichen Tarife von Ost (3420 Euro) und West (3846 Euro) angeglichen. Die Universitätsärzte in den neuen Bundesländern werden dann wie die Kollegen in den alten bezahlt und dürfen sich dadurch über ein sattes zusätzliches Gehaltsplus von mehr als 12 Prozent freuen. Die Einstiegsvergütung für einen Berufsanfänger in Ostdeutschland steigt damit innerhalb eines guten halben Jahres von monatlich 3295 Euro (Ende 2008) auf 3892 Euro zum 1. August 2010. Das macht einen satten Aufschlag von mehr als 18 Prozent. Schon im zweiten Jahr wird die Marke von 4000 Euro dann deutlich überschritten, nach fünf Jahren sind es schon fast 5000 Euro. Zumindest finanziell sind ostdeutsche Standorte damit im Wettbewerb um den akademischen Nachwuchs nicht mehr automatisch benachteiligt gegenüber Regionen in Westdeutschland, zumal in den neuen Bundesländern die Lebenshaltungskosten oft erheblich niedriger sind.

Etwas weniger verdienen die Ärzte in kommunalen Krankenhäusern. Dort werden im ersten Jahr 3663 Euro im Monat bezahlt, vom sechsten Jahr an dann knapp 4600 Euro. Eine zusätzliche Facharztausbildung führt im ersten Jahr zu einem Gehalt von 4834 Euro. An den Universitätskliniken werden mit gleicher Qualifikation derzeit 5076 Euro (West) und 4489 Euro (Ost) vergütet. Von August an sind es dann bundeseinheitlich knapp 5137 Euro für junge Fachärzte. Sven Astheimer

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