10.09.2010 · Weiterbildung gilt als bestes Rezept gegen den Fachkräftemangel. Ein neuer Index zum lebenslangen Lernen zeigt, wie sehr es daran in Deutschland mangelt. Vorbildlich: Nordeuropa.
Von Sven Astheimer und Sebastian BalzterNordeuropäer lernen am längsten - das ist das Fazit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Weiterbildungsverhalten in der Europäischen Union. Zwei Jahre lang haben Bildungsfachleute am „European Lifelong Learning Index“ (Elli) gearbeitet, nun liegen die Ergebnisse vor. Für Deutschland sind sie ernüchternd: Nur knapp über dem europäischen Durchschnitt liegt das Land, das nach dem Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur „Bildungsrepublik“ werden soll, auf Platz zehn der Rangliste. Ganz oben stehen Dänemark, Schweden, die Niederlande und Finnland.
Die Bundesregierung hat es sich schon vor der Vorlage der Elli-Zahlen zum Ziel gesetzt, die Weiterbildungsbeteiligung unter den deutschen Beschäftigten von 43 Prozent im Jahr 2006 innerhalb von 10 Jahren auf 50 Prozent zu steigern. Im Zentrum der Bemühungen sollen Ältere und Migranten stehen, die unterdurchschnittlich oft an Weiterbildung teilnehmen. Beide Gruppen werden bislang schon durch ein Programm besonders gefördert, für das die Bundesagentur für Arbeit zuletzt rund 340 Millionen Euro ausgab.
Nur 40 Prozent der Kleinstbetriebe machen Angebote
Dennoch nimmt jenseits des 50. Geburtstags nur jeder dritte Beschäftigte solche Lernangebote wahr. Angesichts des nach der Wirtschaftskrise schon wieder deutlich angezogenen Nachfrage nach Fachkräften und der in Zukunft längeren Lebensarbeitszeiten gilt kontinuierliche Weiterbildung als besonders wichtig. Im Krisenjahr 2009 boten 45 Prozent aller deutschen Unternehmen Qualifizierungen für ihre Mitarbeiter an, im Jahr zuvor waren es nach Auskunft des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) noch 49 Prozent. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Kosten dem Management vielerorts zu hoch waren.
Kleinstbetriebe machten nur zu 40 Prozent entsprechende Angebote, unter den Unternehmen mit mehr als 250 Angestellten waren es nahezu alle. Wo die Unternehmen ihr Angebot aufrechterhielten, stieg während der Krise die Teilnahmequote im Durchschnitt von 33 auf 35 Prozent der Belegschaften. Nach Angaben der Arbeitgeber wendeten die Unternehmen dafür im Jahr 27 Milliarden Euro auf. Sowohl Teilnahmequote als auch finanzielles Engagement sind dem Bertelsmann-Index zufolge im Vergleich mittelmäßig: In Dänemark darf eine Fortbildung je Mitarbeiter im Durchschnitt doppelt so viel kosten, gerade unter den älteren Beschäftigten liegt die Beteiligung dafür aber auch deutlich höher.
In Deutschland genießt nach Einschätzung von IAB-Direktor Joachim Möller die Erstausbildung immer noch einen besonders hohen Stellenwert. Allerdings ist die Hälfte aller Beschäftigten nach zehn Jahren nicht mehr in ihrem Ausbildungsberuf tätig. Deshalb sei lebenslanges Lernen notwendig. Der neue Index erfasst es in 36 Indikatoren, darunter auch das Lernen zur persönlichen Entfaltung und das Lernen in der Freizeit. Deutschland schneidet nur in der Kategorie „Work-life-balance“ besser als die 26 anderen EU-Mitgliedstaaten ab.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Jüngste Beiträge