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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.07.2014, 05:00 Uhr

Weckruf Studenten, was geht?

Schon Sokrates fand die Jugend grauenvoll - und hier auch wir. Denn laut einer Umfrage wollen viele Uni-Absolventen am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten. Dabei hätten sie mehr Selbständigkeit nötig. Sieben Weckrufe.

© Wresch, Jonas Wohin des Wegs, Studenten? Fast alle wollt ihr in den öffentlichen Dienst. Seid doch weniger konform!

Sie leisten keinen Widerstand

Die Studenten wachsen in eine Gesellschaft hinein, die viel auf Kontakte gibt. Man ist „befriended“ und „liked“ einander, zählt „Follower“ und versucht, gut vernetzt zu sein. Erreichbarkeit ist ein besonderer Wert. Begleitet wird diese Netzwerkpflege von der allseitigen Erwartung, man möge „soziale Kompetenz“ beweisen, teamfähig sein. Oft formulieren solche Wörter nur ganz normale Verhaltensstandards. Aber womöglich zeigt ihre Dichte auch an, was dabei verlorengeht: der Reiz, „nein“ zu sagen und Negation zu ertragen. Im Unterricht fällt die Abwesenheit des studentischen Typus auf, der schon mit einem auf Widerspruch zum Dozenten abzielenden Text ins Seminar kommt.

Was um 1968 herum oft genervt haben muss, der reflexhafte, etwa mit Sprüchen aus Marx-Bänden oder Adorno-Taschenbüchern dekorierte Dauerwiderspruch, erscheint rückläufig. Niemand bereitet sich mehr auf die Dozenten vor, um sie zu widerlegen. Was es gibt, sind spontane Einwände und moralischer Protest gegen politische Inkorrektheiten (genderpolitische, kolonialismusvergessene, ungleicheitsblinde). Moral aber ist mehr Manifestation als Argument, sie zielt nicht auf Diskussionserfolge, sondern auf Zugehörigkeitserklärungen. Die Atmosphäre ist unter denen, die sich zugehörig fühlen, entsprechend freundlich. Aber irgendwie fehlt angelesener Dissens.

Jürgen Kaube

Hoch gestapelt mit dem Lebenslauf

Es gibt nur zwei Bauwerke auf der Erde, die vom Weltall aus zu erkennen sind: die Chinesische Mauer und der Turm aus Bewerbungsmappen, die sich kein Mensch durchgelesen hat. Dieser Turm wächst in der Antarktis in den Himmel, da, wo niemand außer ein paar Astronauten ihn sehen kann. Täglich liefern Drohnen neue Bewerbungsmappen dorthin. Der Grund dafür ist, dass normale Menschen es nicht mehr aushalten, diese Mappen in ihrer Nähe zu wissen, ähnlich wie beim Atommüll. Aus den Mappen strahlt der Geist der jungen Akademikergeneration. O Gott, aua: der Lebenslauf. Eigentlich ist es eher ein Lebensmarsch, im Stechschritt über drei bis vier Seiten.

30231359 © Peter v. Tresckow Vergrößern Euer Lebensmarsch ist kein stabiles Fundament, Studenten!

Der Jungakademiker von heute ist angeblich unermesslich interessiert beziehungsweise INTERESSIERT, man kann es gar nicht groß genug schreiben, an schlichtweg allem und hat deswegen siebzehn Praktika gemacht oder vielmehr absolviert (lat. für „vollendet“). Er kann viele Dinge, das hat er mit einer Küchenmaschine gemein. Außerdem hat er in Peru unter Aufsicht des Goethe-Instituts elternlosen Alpakas Zöpfchen geflochten. Dies beweist, dass er ein gutes Herz oder so etwas Ähnliches besitzt. Doch ist es ein Roboter, der einem da schreibt? Das alles stand doch schon im Lebenslauf davor und im Lebenslauf davor und im Lebenslauf davor.

Es ist, als ob es tausend Mappen gäbe, und hinter tausend Mappen keine Welt. Der Leser stürzt vom Stuhl und kann mit letzter Kraft die Drohne rufen, die die Mappe abtransportiert. Er fleht, dass sich ein Mensch bewerben möge, der nicht bloß funktionieren will und brüllt, aber in einer Frequenz, die nur normale Menschen und Fledermäuse hören. Dann ergießen sich die nächsten siebzig Lebensläufe auf den Tisch. Die Jungakademiker schweigen stumm und nähen Hilferufe in ihre Bionaden ein. Der Turm in der Antarktis schwankt leicht im Wind.

Friederike Haupt

Schauerliche Lustigkeit

Vergangene Woche ging im Internet ein unheimlich lustiges Video von der Grünen Jugend herum. Zwei junge Europaabgeordnete berichten auf Youtube von ihrem aufregenden Leben im Parlament. Sie sind, wenn man so will, gerade im öffentlichen Dienst angekommen. Die deutsche Abgeordnete Terry Reintke, ein politisches Talent des Jahrgangs 1987, springt wild winkend ins Bild hinein. Dann ertönt folgendes Gespräch: „Juhu!“ „Hey Terry, was machst du denn hier?“ „Ich bin doch jetzt auch neugewählte Abgeordnete.“ „Was? Geil!“ „Jaa.“ „Sauber.“ „Herzlich willkommen. Sag mal, wie war denn so deine erste Woche hier?“ „Total aufregend . . . Ich glaube, da werden ganz viele spannende Debatten in den nächsten Jahren auf uns zukommen.“

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