http://www.faz.net/-gyl-7x4rs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 10.12.2014, 06:00 Uhr

Hausunterricht Zum Lernen braucht’s die Schule nicht

Auch Kinder, die zuhause unterrichtet werden, entwickeln sich gut. Nicht zuletzt, weil der soziale Druck geringer ist. Doch der Staat bestraft das. Warum eigentlich?

von Birgitta vom Lehn
© dpa Wo lernt es sich besser: Zuhause oder in der Schule?

Lernen ohne Schule ist in Deutschland verboten. Es herrscht die allgemeine Schulpflicht. Die Schul- und Jugendämter kennen kein Pardon, und die Gerichte stützen sie. Erst kürzlich hat das Bundesverfassungsgericht bestätigt: Eltern, die ihre Kinder daheim behalten, dürfen bestraft werden. Dabei ist diese Sichtweise unter Juristen durchaus umstritten. Die staatliche Schulpflicht stelle einen Grundrechtseingriff dar, der von den Gerichten nicht angemessen gewürdigt werde, kritisierte etwa der Gießener Juraprofessor Franz Reimer in einem Beitrag für diese Zeitung. Denn die intensivsten Schulerfahrungen würden oft nicht im Klassenraum, sondern auf Schulhöfen und Schulwegen gemacht - und da gehe es dann oft weniger um „gelebte Toleranz“ als etwa um unfreiwillig getauschte Handys. Der einzelne Schüler sei „weniger der Schule als den Mitschülern ausgeliefert“.

Der hessische Rechtsanwalt Andreas Vogt, der Eltern in Gerichtsprozessen gegen die Schulpflicht vertreten hat, findet, dass die „Repression des Homeschoolings“ nicht nur verfassungsrechtlich „auf tönernen Füßen“ steht. Es gebe viele Studien, denen zufolge Homeschooler besser oder zumindest nicht schlechter abschneiden als andere Schüler. „Die Eltern kümmern sich meist intensiv um ihre Kinder. Das allein macht sie schon verdächtig“, meint Vogt. Der Anwalt, der sich in der deutschen Homeschooling-Szene einen Namen gemacht hat, vermutet daher zuvörderst politische Gründe, weshalb das staatliche Bildungsmonopol so „reflexhaft“ verteidigt werde.

Nicht alle geben das allerdings so offen zu wie die Juristin Sabine Krampen-Lietzke. In einem aktuellen wissenschaftlichen Fachbeitrag mit dem Titel „Der Dispens vom Schulunterricht aus religiösen Gründen“ schreibt sie diesen Absatz: „Dadurch, dass die Schüler des Heimunterrichts intensiver betreut werden und dadurch bessere Lernerfolge erzielen könnten, haben diese einen Vorteil gegenüber den Schülern der öffentlichen Schule. Hierdurch wird die Chancengleichheit der Schüler verzerrt. Die Wahrung gleicher Startbedingungen für eine Bildungskarriere ist nur durch die Zusammenfassung aller Kinder in einer gemeinsamen Eingangsschule zu realisieren.“

Angst vor Parallelgesellschaften

Die Schulpflicht als Lernbremse im Sinne der Chancengleichheit? Wenn man es so betrachtet, treiben die Behörden in Deutschland zum Zweck der Chancengerechtigkeit Buß- und Zwangsgelder ein, entziehen die Ämter allzu sturen Familien das Sorgerecht, oder Gerichte verhängen sogar Freiheitsstrafen für Eltern. Von Sozialkompetenz, Bildungsstand und Gemeinschaftsleben außerhalb der Familie ist dann meist die Rede. All das würden die Heimschüler angeblich verpassen. Der Lehrerverbandspräsident Josef Kraus formuliert noch eine andere Sorge. Wer Homeschooling zulasse, müsse auch den Besuch privat organisierter Koranschulen als alternativer Beschulung zulassen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite