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Aktualisiert: 10.12.2014, 06:00 Uhr

Hausunterricht Zum Lernen braucht’s die Schule nicht


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Besondere Biographien werden belohnt

Lebensläufe wie der von Jonathan Dudek beweisen zumindest, dass der Heimunterricht gute Ergebnisse zeigen kann: Seine Eltern, beide Akademiker, haben Jonathan und seine sieben Geschwister ausschließlich daheim unterrichtet, nachdem er in der Grundschule Probleme bekommen hatte. „Ich war ziemlich klein und hatte Lernschwierigkeiten. Meine Mutter musste sowieso mit mir alles nacharbeiten. Deshalb hat sie mich irgendwann ganz zu Hause behalten.“ Dafür hat die Familie viel Ärger mit deutschen Ämtern in Kauf genommen und Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt.

Ihr Fall ist allerdings auch schon deshalb eine Ausnahme, weil in Westeuropa Familien mit acht Kindern selten geworden sind, für die sich die Anschaffung einer Immobilie mit eigenem Klassenzimmer und Schultafel durchaus schon lohnen kann. Jonathan jedenfalls besteht die mittlere Reife an einer Realschule, die er nur ein halbes Jahr lang vorher besucht hat, macht danach eine Tischlerlehre. Bei der Freisprechungsfeier der Kreishandwerkerschaft wird er als einer der drei besten von 37 Lehrlingen geehrt. Danach büffelt der junge Mann zwei Jahre lang im stillen Kämmerlein für sein Abi und besteht es als Externer an einem Gymnasium mit der Note 2,1.

Seit einem Jahr studiert Jonathan nun an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen Kommunikationswissenschaften und wohnt in einer Zweier-WG. Die Uni hat ihm ein sogenanntes „Anti-Streber-Stipendium“ spendiert: Damit belohnt die Hochschule junge Menschen „mit besonderen Biographien“, Stichwort: Diversität. Auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder ist auf gutem Weg: Er studiert Finanzwissenschaften in Frankfurt und hat bereits eine Ausbildung zum Industriemechatroniker absolviert.

Manche träumen sogar von Lernen beim Wandern

Befragt, ob er seine eigenen Kinder später auch wieder zu Hause lernen lassen würde, zögert Jonathan Dudek keinen Moment: „Während der Grundschulzeit würde ich das auf jeden Fall tun. In der Oberstufe fände ich es aber wichtig, die Schule zu besuchen. Da ist es nicht so leicht, den Stoff aufzuholen.“ Derweil träumen Studenten wie Emil Allmenröder, 22 Jahre alt, die eine reguläre Schule besucht haben, von einer freien „Wanderuniversität“ oder „Wanderschule“ (www.wanderuni.de). Sein Berufsziel verortet Emil, der zurzeit mit neun anderen jungen Leuten im „Freien Uniexperiment Stuttgart“ lebt und dort auch autodidaktisch lernt, „im Schnittfeld Therapie, Pädagogik, Psychologie“.

Von Freiburg nach Berlin sei er schon zweimal zusammen mit Kommilitonen gelaufen, im Sommer zog er fünf Monate allein auf Schusters Rappen quer durch Deutschland. Sein Bruder, Student in Dresden, habe es geschafft, für eine solche Wanderung auch Leistungspunkte (Creditpoints) an der Uni zu bekommen. Die jungen Leute würden das Wandern auch gern „institutionell einbinden“, etwa als Praxissemester oder als eine Art „Auslandsjahr im Inland“.

Abwegig scheint das nicht: Warum soll das intensive Zusammenleben in der Gruppe, die tägliche Bewegung und die Beschränkung auf das absolut Nötigste weniger Mobilität und Flexibilität dokumentieren als ein Erasmussemester am sonnigen Strand von Barcelona? Die Sehnsucht nach einem Gegenentwurf zum „normalen“ Leben mit seinen immer intensiver werdenden Leistungspflichten - von der Krippe über die Ganztagsschule bis zum Hörsaal und Arbeitsplatz - scheint, zumindest bei einigen, größer zu werden.

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