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Hausunterricht : Zum Lernen braucht’s die Schule nicht

  • -Aktualisiert am

Solche Furcht vor „Parallelgesellschaften“ findet die Aktivistin Anke Caspar-Jürgens, eine ehemalige Lehrerin, die sich im „Bundesverband Natürlich Lernen“ für das Homeschooling engagiert, ihrerseits allerdings absurd. Denn, so ihr Argument, in keinem der Länder, in denen das Homeschooling legal betrieben werde, gebe es tatsächlich einen solchen Koranschulen-Boom: „Dazu zählen die Vereinigten Staaten, Kanada, England, Frankreich, Schweden und viele andere.“

Der Pädagogikprofessor Volker Ladenthin von der Universität Bonn sagt, er bekomme das ganze Jahr über Anrufe und Briefe verzweifelter Eltern, die ihre Kinder nicht in Schulen schicken wollen. Die Probleme, die sie hätten, beträfen fast immer die Grundschulzeit. Ladenthin bezeichnet es als Skandal, dass „bildungsambitionierte Eltern“, die ihre Kinder daheim lernen lassen, „kriminalisiert“ würden. „Es sind zum Teil dramatische Fälle, wo man denkt: Das darf doch nicht wahr sein. Die Gerichte entscheiden nicht nach pädagogischen Aspekten.“ Er gibt sich zudem sicher: „Die Eltern, die sich hier melden, sind nur die Spitze des Eisbergs.“

Kanadische Heimschüler wissen mehr

Ladenthin meint, weder Aspirin noch Antibabypille seien inner-, sondern außerhalb staatlicher Bildungsinstitutionen entstanden. Autoren, die in der Geistesgeschichte große Bedeutung erlangt hätten, wie Rousseau, Pestalozzi, Marx, Nietzsche, Sartre oder de Beauvoir, hätten ihre Konzepte allesamt gerade nicht in formellen Situationen entwickelt. Auch Theoretiker wie Rudolf Steiner und Maria Montessori, die längst eine Vormachtstellung in „formal organisierten Lernprozessen“ errungen hätten, seien selbst keine ausgebildeten Pädagogen gewesen. Allerdings hatten sie durchaus in ihrer Kindheit Schulen besucht.

Der Soziologe Thomas Spiegler von der Theologischen Hochschule Friedensau hatte vor einigen Jahren im Rahmen einer Studie 100 Freilerner-Familien in Deutschland besucht und ihre Motive anschließend auf drei Schlagworte heruntergebrochen: Werte, Wissen, Wohlergehen. Auch Spiegler plädiert für die Legalisierung und Regulierung des Homeschoolings und ein Ende der Kriminalisierung von Eltern. Fakt sei, so Spiegler: „Es gibt keine Belege dafür, dass Homeschooler im Nachteil sind.“

Im Gegenteil, 2007 zeigte eine kanadische Studie: In den Vereinigten Staaten liegt fast ein Viertel der Heimschüler im Wissensvergleich eine oder mehrere Klassenstufen über ihren Altersgenossen an öffentlichen oder privaten Schulen. Vor allem, so das überraschende Ergebnis, gelte das für Kinder aus unteren sozialen Schichten. An der Universität Duisburg-Essen plant der Pädagoge Tim Böder derzeit eine größere Forschungsarbeit zum Homeschooling. Er gehe „ergebnisoffen“ an die Studie heran, mehr will er noch nicht verraten, denn das Thema sei „sehr heikel“. Dass er „schulkritisch unterwegs“ sei, gibt er aber zu.

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