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Studentenparlamente : Stell dir vor, es sind Wahlen - und keiner geht hin

  • -Aktualisiert am

Politik zuerst? Ein Wandschmuck an der Uni Frankfurt hält vitaminreiche Kost für das wichtigere Kapital. Bild: Manz, Florian

Studentenparlamente kommen oft mit dramatisch niedriger Beteiligung zustande. Desinteresse an Politik steckt nicht dahinter, heißt es - aber was denn dann?

          Die Hochschulwahl 1966 an der Universität Köln ist legendär, jeder, der sich an der Uni ein bisschen für Hochschulpolitik interessiert, kennt sie. „62 Prozent! Das muss man sich mal vorstellen“, erzählen diejenigen gerne, die sich heute für Unipolitik engagieren. 62 Prozent: Die Mehrheit ging also in jenem Jahr wählen, und das bei einer ganz normalen Hochschulwahl. Nie wieder wurde in Köln auch nur annähernd eine so hohe Wahlbeteiligung erzielt. Und auch bezogen auf ganz Deutschland dürfte das Ergebnis rekordverdächtig gewesen sein. Der Grund war ein rubinroter, nagelneuer VW Käfer, den ein Autohaus zu diesem Zweck gesponsert hatte. Das Auto wurde unter den Wählern verlost, das lockte Studenten scharenweise zu den Wahlurnen.

          Heute dagegen passt die Wahlbeteiligung der Kölner Uni zum Negativtrend hierzulande. Als im Dezember vergangenen Jahres das Studierenden-Parlament, kurz StuPa, gewählt wurde, machten sich 7324 Studenten auf den Weg zur Wahlurne - gerade mal 14,7 Prozent der Wahlberechtigten. Die Zahl stagniert seit Jahren. Im vorletzten Jahr startete die Uni deshalb einen Versuch, die Zahlen zu erhöhen und schenkte jedem, der seinen Wahlzettel einwarf, eine Tasse Glühwein. An der Wahlbeteiligung änderte sich dadurch trotzdem nichts.

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          Dabei ist Köln im Vergleich mit anderen deutschen Unis und Hochschulen schon fast vorbildlich: In Duisburg wählten vor zwei Jahren gerade mal 4,8 Prozent der Studenten ihr Parlament, in Oldenburg waren es zuletzt 1,2 Prozent. „Das ist wirklich traurig“, sagt David Tönjann, der sich in Köln seit Jahren für Hochschulpolitik engagiert. Er arbeitet ehrenamtlich im Asta, dem allgemeinen Studierendenausschuss, der jedes Jahr vom StuPa gewählt wird und die Spitze der Studentenvertretung verkörpert. „Es kann doch nicht sein, dass nicht einmal jeder Sechste ein paar Minuten seiner Zeit investiert und wählen geht.“

          Das Problem sei vielschichtig, sagt Laura Wamprecht. Sie hat sich an ihrer ehemaligen Universität in Würzburg jahrelang in der Hochschulpolitik engagiert und mit Kommilitonen einen gemeinnützigen Verein gegründet, die „Junge Initiative für Bildungs- und Wissenschaftspolitik“. Diese geht unter anderem der Frage nach, warum sich so wenige Studenten an Hochschulwahlen beteiligen - und sich auf der anderen Seite oft beschweren, sie hätten kaum Einfluss auf das, was an ihrer Uni passiere. „Im Grunde kann man nicht von einer Politikverdrossenheit an deutschen Hochschulen sprechen. Wer versucht, die niedrige Wahlbeteiligung nur mit Politikverdrossenheit zu erklären, macht es sich zu einfach“, sagt Wamprecht. Für den Frust gibt es eben viele Gründe.

          Schlecht informiert

          Ein Problem: Viele Studenten fühlen sich schlecht informiert. Sie wissen nicht, was die verschiedenen Parteien und Gremien überhaupt entscheiden dürfen oder wofür sich Kandidaten und Parteien einsetzen. „Die Themen an den Hochschulen sind unglaublich kleinteilig“, sagt Wamprecht. „Da gibt es Fachschaftsvertreter, die von Studenten gewählt werden und die zum Beispiel die Aufgabe haben, in Berufungskommissionen mitzuwirken. Diese stimmen dann darüber ab, ob ein Professor in einigen Jahren an die Hochschule berufen wird oder nicht. Viele Studenten werden diesen Professor jedoch nicht mehr in ihrem eigenen Studium kennenlernen.“ Das ist fernab des Studienalltags - und von dem, wofür sich die meisten Studenten interessieren oder was sie motiviert, wählen zu gehen.

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