19.05.2010 · Eigentlich sollte die Bologna-Reform den Wechsel zwischen Uni und Fachhochschule leichter machen. Oft ist das Gegenteil der Fall: Akademischer Dünkel und Bildungsbürokratie lassen die Studenten verzweifeln.
Von Deike UhtenwoldtÜber finnische Zustände würde Wolfgang Mackens sich freuen. „Jeder soll das studieren, was er kann, und dabei an die Spitze seiner Leistungsfähigkeit gebracht werden“, so formuliert der Mathematikprofessor an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) das Bildungsprinzip der Nordeuropäer. In Deutschland dagegen würden die Möglichkeiten dazu derzeit systematisch verringert. Früher, berichtet Mackens, konnten Studenten, die dreimal in der schriftlichen Prüfung und danach auch noch in der mündlichen Prüfung gescheitert seien, an die benachbarte Fachhochschule verwiesen werden. Dieser Schritt aber werde zunehmend schwieriger, seit die europäische Hochschulreform Fachhochschulen und Universitäten als gleichwertig anerkenne.
Denn die Landeshochschulgesetze sehen vor, dass nur eine Ausbildung in derselben Fachrichtung finanziert wird. Erst vor ein paar Tagen habe wieder ein Student an seine Tür geklopft, berichtet Mackens, der nach verhauenen Prüfungen an der TUHH deshalb von einer Fachhochschule abgewiesen worden sei. „Was soll denn jetzt nur aus mir werden?“, habe er ihn mit Verzweiflung in der Stimme gefragt. Ein Unding, findet Mackens. Früher habe der Zusatz „FH“ in Klammern hinter dem Diplom deutlich gemacht, dass es selbst bei gleichlautenden Studiengängen Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten gegeben habe, bestätigt Wolfgang Preuß, der Leiter der Studienverwaltung der Beuth Hochschule für Technik in Berlin, die Tendenz. „Wer einen Pflichtbereich an einer Universität nicht bestanden hat, konnte sein Studium in einem vergleichbaren Studiengang bei uns fortsetzen. Da hatten wir eine klare Linie, inzwischen sind wir unsicherer geworden.“ Es werde, sagt Preuß voraus, künftig nicht weniger Fluktuation zwischen den Hochschulformen geben, sondern mehr Einzelfallprüfungen. Die Konsequenz: „Es wird komplizierter zu wechseln.“
Eigentlich sollten Wechsel erleichtert werden
Dabei sollte die sogenannte Bologna-Reform Studienleistungen besser vergleichbar machen und Wechsel gerade dadurch erleichtern. Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), hält dieses Ziel nicht für verfehlt, räumt aber ein: „Wichtig sind die Lernergebnisse, die nach einem Wechsel von der neuen Hochschule anerkannt werden sollten, wenn man nicht wieder von vorn anfangen möchte.“ Deshalb müssten sich die Studenten vorab genau darüber informieren, wo sie ihr Studium fortsetzen wollen. Dasselbe gilt erst recht für alle, die nach dem Bachelor-Studium an einer Fachhochschule ihren Master an einer Universität machen wollen. „Voraussetzung für einen Studienplatz in einem Master-Programm ist der erfolgreiche Abschluss eines Bachelor-Examens, gleichgültig von welcher Hochschulart“, erklärt die HRK-Präsidentin zwar. Doch die formale Gleichwertigkeit hat in der Praxis nur selten Bestand. Denn je nach Prüfungsordnung gelten unterschiedliche Voraussetzungen. Folglich muss individuell geprüft werden.
„Es kann sein, dass es einen Eignungstest gibt und bestimmte Module nachgeholt werden müssen“, sagt etwa Kathrin Sevink vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Fachhochschulabsolventen sollten das nicht als Gängelung verstehen. „Es ist doch auch im Interesse der Studierenden, wenn sie wissen, was auf sie zukommt - und ob der gewählte Ausbildungsweg zu ihren Interessen und Fähigkeiten passt.“ Um dies frühzeitig herauszufinden, empfiehlt der VDI die Kontaktaufnahme mit der Fachschaft der angestrebten Hochschule und den Selbsttest auf der Internetseite des Vereins. Es gebe grundsätzliche Unterschiede zwischen den Hochschularten, betont Sevink: An Fachhochschulen seien die Lerngruppen kleiner, der Bezug zum Dozenten enger, der Praxisanteil größer, Regelabschluss sei der Bachelor. Universitäten kennzeichneten Großvorlesungen, mehr Selbstorganisation und Forschungsarbeit für den hier in den meisten Fällen angestrebten Master-Abschluss. „Für eine Forschungs- und Entwicklungstätigkeit braucht es diese fachliche Vertiefung“, sagt Sevink. „Die Industrie benötigt aber mengenmäßig mehr Bachelor-Absolventen.“
Es geht auch um Forschungsgelder
Auch die Fachhochschulen bieten aber eigene Master-Studiengänge an und streben nach dem Promotionsrecht, das bislang den Universitäten vorbehalten ist. Dabei geht es nicht nur um die bestmögliche Ausbildung, sondern auch um Forschungsgelder, eine höhere Bezahlung und die Reduktion der Lehrverpflichtung der Professoren. Das wiederum fördert die Rivalitäten und nicht die Zusammenarbeit der Hochschulen. „Die Universitäten wollen die Fachhochschulen auf Abstand halten“, sagt ein Fachhochschulmitarbeiter - die Diskussion ist so heikel, dass er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
Bernhard Einig von der Universität Mainz teilt diese Scheu nicht. „Die Fachhochschulen werden sich gut überlegen müssen, ob sie ihr Profilmerkmal einer unmittelbar verwertbaren Praxisorientierung tatsächlich zugunsten der Forschungsorientierung reduzieren wollen“, sagt er. Einig, der in Mainz die Abteilung Studium und Lehre leitet, lobt die Fachhochschulen: „Sie erschließen ein sehr breites Potential junger Menschen, die bestens auf den Einstieg in das Berufsleben vorbereitet werden.“ Den Wechsel von der Fachhochschule an die Universität charakterisiert er jedoch als ein Ausnahmeereignis. Im vergangenen Jahrzehnt lag die Zahl der Wechsler, bezogen auf die Gesamtzahl der Einschreibungen je Semester, gerade einmal bei 1,4 Prozent. Zurzeit liege die Quote sogar noch niedriger. „Die Praxis entspricht nicht der Idee von Bologna“, bemängelt Kathrin Sevink vom VDI diese Entwicklung. Weniger Prüfungen, mehr Kompetenzvermittlung könnten daran etwas ändern - und der Abbau des Regelwerks.
„Das Mittelmaß wird zum Maßstab“
Das ist Wasser auf die Mühlen von Professor Mackens. Für den Hamburger Mathematiker ist das Leistungspunktesystem ECTS (“European Credit Transfer and Accumulation System“), das eigentlich für mehr Transparenz sorgen wollte, zum Inbegriff des „Einheitsbürokratismus“ geworden. „Das Mittelmaß wird zum Maßstab“, bemängelt der Professor. Weil Studenten an der benachbarten Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) für eine vergleichbare Leistung im Fach Mathematik mehr Zeit eingeräumt worden sei als den Studenten an der Universität, hätten sie dafür auch mehr ECTS-Punkte bekommen. Wollte nun ein Student von der Universität mit bestandenen Mathematikprüfungen an die HAW wechseln, wurden ihm diese Leistungen zunächst nicht anerkannt - es standen ja weniger ECTS-Punkte dahinter. „Das ist doch pervers“, kritisiert Mackens.
Diesen Missstand haben die beiden Hamburger Hochschulen inzwischen einvernehmlich aus der Welt geschafft. Aber nicht zwischen allen 355 Hochschulen in Deutschland sind die Wege so kurz. Und selbst in Hamburg, wo sich Hochschulen, Schulen und Unternehmen zur Initiative Naturwissenschaft und Technik zusammengeschlossen haben, um die Abbrecherquote in den begehrten Fächern zu senken, ist die Begeisterung für finnische Prinzipien offenbar noch nicht in alle Studentensekretariate vorgedrungen. Sonst gäbe es weniger Studenten, die an Wolfgang Mackens' Tür klopfen und nicht mehr weiterwissen.