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Visumregeln für Praktikanten Singapur will nur noch die Besten

 ·  Der Stadtstaat Singapur hat seine Visumregeln für Praktikanten geändert: Das Gros deutscher Studenten und Fachhochschüler ist dort nun neuerdings unerwünscht.

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© dpa Wunschziel Singapur

Im Geiste war die Studentin aus Hannover schon fast in den Tropen angekommen: Bei Volkswagen in Singapur wollte sie für sechs Monate ein Praktikum absolvieren, das ihr nicht nur ein weiteres Netzwerk, sondern auch Einblick in die Zukunftsregion Asien bringen sollte. Den Praktikumsplatz hatte sie. Dann aber änderte der reiche Stadtstaat seine Visumpolitik: Künftig dürfen nur noch Studenten von 22 der rund 450 deutschen Hochschulen in Singapur langfristige Praktika machen. Studenten der übrigen Universitäten, der Fachhochschulen oder der Pädagogischen Hochschulen bleiben außen vor. Die Studentin wandte sich an die Botschaft und an das deutsche Außenministerium - den begehrten Stempel aber bekam sie nicht. Damit wird sie nicht alleine bleiben.

„Es wird wohl schwerer für große Unternehmen mit vielen Praktikanten und für Mittelständler mit zwei oder drei Praktikanten, mit denen sie teilweise schon lange im Vorfeld planen und die oft von guten, deutschen Fachhochschulen kommen“, warnt Tim Philippi, langjähriger Geschäftsführer der Deutsch-Singapurer Industrie- und Handelskammer.

Sitz der Zentralen für Südostasien

Für viele Unternehmen ist die Tropeninsel Sitz ihrer Zentralen zumindest für Südostasien. Die Zahl der deutschen Unternehmen dort ist seit 2005 von 600 auf 1350 mit etwa 35.000 Mitarbeitern gestiegen. Mit seinen hochrangigen Universitäten gilt Singapur zugleich als Forschungsstandort der Region, zahlreiche ausländische Spitzenhochschulen - unter anderem auch die Technische Universität München - haben hier Dependancen aufgebaut. Auch die französische Wirtschaftshochschule Insead betreibt hier ihren zweiten Campus. Zugleich gilt Singapur als „Asia light“ - eine international geprägte, freundliche Bevölkerung, eine hervorragende Infrastruktur und ein gutes Gesundheitswesen erleichtern das „Hineinschnuppern“, bevor man sich nach China oder Vietnam vorwagt.

Diese Eigenschaften machen den Stadtstaat zu einem begehrten Ziel für Praktikanten. Bosch beschäftigt hier mehr als 50, Siemens fast 150, Daimler mehr als 30. Bislang waren grundsätzlich alle deutschen Studenten in Singapur gerne gesehen. Zugelassen wurde jeder, der aus einem der acht Bewerberstaaten Amerika, Großbritannien, Japan, Deutschland, Frankreich, Australien, Neuseeland oder Hongkong stammte.

Nun aber hat Singapur über Nacht die Zugangsberechtigungen für die sechsmonatigen Aufenthalte von Praktikanten geändert, für das dreimonatige Praktikantenvisum die Bezahlung drastisch heraufgeschraubt. Um diese herauszufiltern, greift Singapur auf die Ausgaben der letzten fünf Jahre der drei Universitätsranglisten Quacquarelli Symonds World University Rankings, Shanghai Jiao Tong University’s Academic Ranking und Times Higher Education World University Rankings zurück. Erscheint eine Uni hier nicht, bleiben ihre Studenten außen vor. Dafür sind die Visa nun nicht länger an die Nationalität des Bewerbers gebunden: Konnte bislang jeder Deutsche, aber kein Belgier in Singapur ein Praktikum machen, kann es inzwischen jeder Student der aufgelisteten Hochschulen. Insgesamt dürfen unter dem Schema „Work-Holiday-Pass“ bis zu 2000 Praktikanten gleichzeitig in Singapur arbeiten. Aus Singapurer Sicht scheint die Verschärfung auf den ersten Blick sinnvoll. Der Stadtstaat, der seit seiner Gründung kühl und rational wie ein Unternehmen gesteuert wird, will nur die Besten.

Andere sehen das ganz anders: Das Listenverfahren erscheint auch Diplomaten deshalb anrüchig, weil die Rankings auf dem angelsächsischen System basieren; deshalb schneiden auch die Singapurer Hochschulen hier gut ab, die meisten deutschen und französischen aber fallen durch. Auch sehen Diplomaten den „wissenschaftlichen Austausch“ behindert. Zudem nehmen die Praktikanten keinem Singapurer eine Stelle weg. Und die meisten entwickeln sich in den sechs Monaten auf der Tropeninsel zu glühenden Verfechtern Singapurs. Diese Botschafter droht der Stadtstaat nun zu verlieren.

Freilich passen die drastisch verschärften Regeln ins Bild: Die Regierungspartei verliert in Singapur von Jahr zu Jahr an Ansehen und Wählerstimmen. Ihr Heil sucht sie unter anderem darin, dass sie Stimmung gegen die hohe Zahl der Ausländer macht - von den rund 5,3 Millionen Bewohnern Singapurs kommen gut zwei Millionen nicht von der Insel. Wohnungen sind knapp, die Preise steigen. Die Regierung versucht nun, sich Voten mit einer „Singaporean First“-Kampagne zu sichern. Wie verstimmt ihr Wahlvolk ist, merkte sie gerade, als sie ein „White Paper“ vorlegte, in dem die Rede von einem Bevölkerungszuwachs auf 7 Millionen Menschen bis 2030 die Rede war. Ein Sturm brach los, daraufhin wurde zurückgerudert: Kein Ziel sei dies, sondern eine Obergrenze, der schlimmste Fall, fabulierte die PR-Maschinerie der Regierung. Einmal mehr wurde damit unterschwellig die Stimmung gegen Ausländer angeheizt.

Kammern fürchten negative Auswirkungen

So stark, dass die Kammern einschritten: „Wir fürchten, dass die Einführung der geänderten Arbeitsmarktpolitik negative Auswirkungen auf die Singapurer Wirtschaftsleistung und seinen Ruf als offene Volkswirtschaft haben wird“, warnen neun ausländische Handelskammern in einem Brief an den Arbeitsminister. „Perfekt ist das System nicht“, räumt ein hoher Beamter des Stadtstaates mit Blick auf die Praktikantenregeln unter der Hand ein. „Aber wir mussten einen Weg finden, der nachvollziehbar ist.“

Leo Yip, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der einflussreichen Wirtschaftsförderungsbehörde EDB, zeigt sich hingegen unerschüttert: „Wir hören Kritik von einer Reihe von Firmen. Bis die Unternehmen sich an die neuen Verhältnisse angepasst haben, wird es eine Zeit dauern.“

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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