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Verwaltungswissenschaft : NS-Belastung ist „immer noch ein heißes Eisen“

Verwaltungswissenschaftlerin Sylvia Veit Bild: Uni Kassel

An der Uni Kassel wird in den nächsten drei Jahren die NS-Belastung von Beamten und Ministern aus beiden deutschen Staaten untersucht. Die Projektleiterin Sylvia Veit erklärt, wie sie vorgeht.

          Knapp ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende Hitler-Deutschlands hat die Bundesregierung eine umfassende Untersuchung zur NS-Vergangenheit von deutschen Ministerien in Auftrag gegeben. War die Zeit erst jetzt reif dafür?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dahinter steht in der Tat ein längerer Prozess. Die Einsetzung der unabhängigen Historikerkommission, die 2005 die Vergangenheit des Auswärtigen Amts untersuchte, hat den Anstoß für weitere Projekte gegeben, die sich mit der NS-Geschichte einzelner Behörden beschäftigten. Die Studie zum Auswärtigen Amt hat die These widerlegt, diese Behörde sei ein Hort des Widerstandes gewesen. Das rückte die Frage nach personellen Kontinuitäten nach Ende des „Dritten Reichs“ stärker in den Fokus, auch in anderen Ministerien. Dazu gab es dann eine Reihe von parlamentarischen Anfragen, und es zeigte sich, dass der Wissensstand über die verschiedenen Behörden sehr unterschiedlich ist.

          Über welche westdeutschen Ministerien ist in Sachen NS-Geschichte bisher kaum etwas bekannt?

          Wir wissen wenig über personelle Kontinuitäten im Verkehrs- und Landwirtschaftsministerium, im zivilen Bereich des Verteidigungsministeriums, im Ministerium für Wohnungswesen und Städtebau sowie im Ministerium für Arbeit und Soziales. Auch für jene Ministerien, die keine Nachfolgebehörde haben, etwa das Ministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte, ist die Aktenlage dünn.

          Der Historikerbericht über das Auswärtige Amt hat teils heftige Reaktionen hervorgerufen. Weckt das Thema auch heute noch Emotionen?

          Mein Eindruck ist, dass es immer noch ein heißes Eisen ist. Das zeigt schon das Interesse an der Ausschreibung des aktuellen Forschungsprogramms. Das Thema ist weiterhin emotional besetzt, auch wenn die persönliche Betroffenheit nicht mehr da ist.

          Sie vergleichen in Ihrem Teilprojekt die Biographien von Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern der Bundesrepublik und der DDR. Ist das vorher schon einmal versucht worden?

          In der systematischen Form, in der wir es machen wollen, gab es das bisher nicht. Wir werden eine Methodik anwenden, die wir schon in Forschungsprojekten zu aktuellen Amtsinhabern benutzt haben.

          Was ist das für eine Methodik?

          Es ist eine Systematik zur Erfassung von Karriereverläufen von Beamten und Politikern. Dazu betrachten wir soziale und strukturelle Merkmale sowie bestimmte Faktoren der politischen Aktivität dieser Gruppe. Wir haben auch schon bestimmte Auswertungsverfahren getestet, etwa die sogenannte Überlebensanalyse.

          Wie funktioniert so eine Analyse?

          Das ist eine Methode aus der Medizin. Dort wird geschaut, wie hoch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Krebspatienten ist. Der Ansatz lässt sich auf die Sozialwissenschaft übertragen: Wie lange dauert es, bis es eine Person mit bestimmten Merkmalen in eine Spitzenposition schafft? Oder: Wie lange bleiben Personen mit bestimmten Merkmalen im Amt?

          Wie hoch war nach bisherigem Forschungsstand der Anteil früherer Nationalsozialisten in bundesdeutschen Ministerien?

          Nach derzeitigem Wissensstand, der sich aus einzelnen Untersuchungen ergibt, war er relativ hoch. Laut einer Studie lag 1949 bis 1963 im Wirtschaftsministerium der Anteil der NS-Belasteten unter den Ministern, Staatssekretären und Abteilungsleitern bei 50 Prozent. Die Studie über das Auswärtige Amt geht von 33 Prozent NSDAP-Mitgliedern im höheren Dienst aus.

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