Die Aufbaustudenten an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften (DHV) in Speyer müssen sich in diesen Tagen auf einige Neuerungen gefasst machen. Dabei geht es vor allem um gerechte – also aussagekräftige, vergleichbare, aber auch strengere – Zensuren. Ab sofort werden Leistungspunkte vergeben.
Dabei wird das international übliche ECTS-Notensystem mit der Bewertungsskala A-F eingeführt. Dieses bildet die Leistung eines Studenten relativ zu der Leistung seiner Kommilitonen ab. Die Note „A“ (sehr gut) kann nur von 10 Prozent der Prüfungsteilnehmer erreicht werden. „B“ (gut) erhalten die nächsten 25 Prozent der Teilnehmer, und so weiter. Bei jeder Veranstaltung wird es deshalb auch 10 Prozent geben müssen, die „mangelhaft“ ( E) abschneiden. Für „ungenügend“ (F) ist zumindest keine Mindestgröße angegeben.
Relativ und absolut benotet
Die Benotung erfolgt durch die Einordnung der Teilnehmer in einer Rangliste. Daneben gibt es weiterhin die absolute Note (0-18 Punkte). Mit dieser Maßnahme will die Hochschule einer Inflation guter Noten entgegenwirken – und ihr Profil stärken. Die Hörer werden sich ab diesem Sommersemester also stärker anstrengen müssen. Sie stehen in einem Wettbewerb.
In einem Wettbewerb steht auch ihre Hochschule. Als die DHV vor genau 60 Jahren, im Januar 1947 von der französischen Besatzungsmacht gegründet wurde, nahm diese sich die Gründungspläne der ENA zum Vorbild. Der erste Name der Speyerer Hochschule lautete deshalb „École Supérieure d’Administration“. In der amtlichen Übersetzung verlor sich der sprachliche Glanz etwas. Man sprach schnörkellos von einer Höheren Verwaltungsakademie. Sie sollte eine neue demokratische Beamtenschaft in Deutschland aufbauen helfen.
„Die französische Verwaltung sah deutlich die Unmöglichkeit, zwei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur in traditioneller Weise junge Rechtsreferendare bei unbelasteten erfahrenen Beamten ausbilden zu können“, sagt Professor Stefan Fisch, Historiker an der Hochschule. Die Besatzungsmacht schrieb daher vor, dass Speyer ein Monopol bei der Eröffnung des Wegs in den öffentlichen Dienst haben sollte. Das Monopol hielt zwar nicht lange. Eine deutsche Elitehochschule aber wollte man trotzdem bleiben und junge Beamte in Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Wirtschaftslehre, Geschichte und Politischer Wissenschaft schulen.
Eliteinstitut zwischen Rebstöcken
Nach und nach beteiligten sich durch Staatsverträge alle 12, später 16 deutschen Länder und der Bund an der Hochschule. „Bis heute ist Speyer die einzige deutsche Hochschule geblieben, in der nicht nur west- und ostdeutsche Hörer etwa entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten sind, sondern auch Schleswig-Holsteiner, Saarländer und Bayern“, sagt Professor Stefan Fisch: „Und so konnte in Speyer so manche falsche Vorstellung über wirtschaftliche und politische Strukturen eines anderen Landes korrigiert werden.“
Doch an das Renommee ihres Pariser Vorbilds konnte die DHV nur schwer heranreichen. Als problematisch erwies sich bereits die Standortentscheidung – nicht Bonn wurde Sitz oder gar West-Berlin, sondern Speyer. Speyer? Die beschauliche Stadt am Rhein, bekannt durch ihren Dom, hatte das Glück, den Standortwettbewerb für sich zu entscheiden. Speyer liegt in Rheinland-Pfalz, ein Land, das unter föderalen Gesichtspunkten bei der Standortwahl großer bundesweiter Behörden benachteiligt war. So siedelte sich zwischen Rebstöcken und Winzergenossenschaften das deutsche Eliteinstitut an.
Legendäre Zechabende in der Bierbar
Speyer hat zwar keinen IC-Anschluss, dafür aber pfälzischen Wein. Eine Köstlichkeit, welche die Studenten seit Jahrzehnten genießen – und die Speyer zum Leidwesen der dort Lehrenden das Attribut „Spaß-Semester“ einbrockte. Die Zechabende in der „Bierbar“ gelten als legendär – meist jedoch bei denen, die gar nicht dabei waren. Es soll sogar Hörer geben, die an keiner der legendären Länderpartys am Mittwochabend teilnahmen.
Die Hochschullehrer sahen all das mit einem Augenzwinkern, auch wenn sie selbst natürlich nie vor Ort waren. Trotzdem wurden für Donnerstagmorgen nur seltenst Seminarveranstaltungen terminiert. Irgendwann aber wurde es doch zu bunt. Alarmglocken schrillten, als bekannt wurde, dass die Website www.bierbar.de nicht auf eine beliebige Spelunke zwischen Flensburg und Konstanz verweist, sondern das Untergeschoss im Studentenwohnheim des Speyerer Campus.
Exzellente Arbeitsbedingungen
Dabei hat die DHV, trotz teilweise überkommener Strukturen, national wie international anerkannte Forschungsleistungen erbracht. Die deutsche Verwaltungswissenschaft wäre ohne die Speyerer Institution nicht denkbar. In der vorlesungsfreien Zeit werden Konferenzen und Weiterbildungen angeboten. Universitätsabsolventen erwerben hier einen Master oder Doktor. Die Anforderungen sind hoch, die Arbeitsbedingungen exzellent: Die Bibliothek ist besser ausgestattet als vergleichbare Institutionen großer Universitäten.
Trotzdem geht die Zahl der Rechtsreferendare zurück, die hier seit Jahrzehnten ein Semester in ihrer Verwaltungs- oder Wahlstation verbringen. Eine Kleine Anfrage der Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag brachte die erschreckende Entwicklung ans Tageslicht. Betrug die Zahl der Rechtsreferendare in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre bis zu 620, haben sich in diesem Semester gerade einmal 270 Hörer eingeschrieben. Insbesondere der Osten schickt immer weniger Nachwuchs ins weit entfernte Speyer.
Auf den Anwaltsstand focussiert
„Die Reform der Juristenausbildung, die einen Schwerpunkt auf die anwaltliche Tätigkeit legt, macht es der DHV schwer“, sagt der Sprecher der Hochschule, Klauspeter Strohm. Eine Institution, die klassischerweise für den öffentlichen Dienst ausbilden will, muss sich neu orientieren, wenn der öffentliche Dienst nicht mehr einstellt. Und das hat Speyer getan. Eingeführt wurde der Schwerpunkt „Rechtsberatung und Rechtsgestaltung“, mithin eine Fokussierung auf den immer noch wachsenden Anwaltsstand. Lehrmodule tragen Titel wie „Öffentliches Management“ oder „Wissensmanagement“. Nun können Rechtsreferendare aus einigen Ländern auch einen Teil ihrer Anwaltsstation in Speyer verbringen.
Nicht selten sind die Veranstaltungen mit einem theoretischen Unterbau gekoppelt, der großen Stärke der DHV. So fragt Dozent Stefan Brink, sonst beim Bundesverfassungsgericht tätig, seine Studenten: Was nützt graue Rechtstheorie im lebhaften Gerichtssaal? Sehr viel, behauptet er und verweist auf den, ebenfalls in Speyer erforschten „Ankereffekt“ bei richterlichen Ermessenentscheidungen oder auf naturalistische Fehlschlüsse (David Hume) bei Urteilsbegründungen. Ersterer bringt aus psychologischer Sicht die prozessuale Institution des „letzten Wortes des Angeklagten“ ins Wanken, denn die richterliche Strafzumessung wird vom „ersten Wort“ des Staatsanwalts wesentlich stärker bestimmt als vom „zweiten“ des mutmaßlichen Straftäters. Eine für Juristen erstaunliche Erkenntnis, die am Forschungsinstitut der Hochschule (FöV) von Birte Englich wissenschaftlich erforscht wurde.
Ein Schatz für den forensisch Tätigen
Naturalistische Fehlschlüsse begegnen dem Juristen regelmäßig bei Gerichtsentscheidungen, die unreflektiert auf den Tenor höchstrichterlicher Rechtsprechung verweisen – anstatt sich mit deren mehr oder weniger überzeugenden Argumentation auseinanderzusetzen. „Hier liegt ein wahrer Schatz für den forensisch tätigen Rechtsanwalt, der seine Rechtsmittelschriften erfolgreicher gestalten will“, analysiert Stefan Brink den praktischen Mehrwert seiner theoretisch basierten Rechtsanalyse.
Gerade der Brückenschlag zwischen fundierter Wissenschaft und praktischem Nutzen zeichnet die Hochschule aus und stellt ihre Hörer, die sich in diesem Ausbildungsabschnitt auf dem Höhepunkt ihrer juristischen Kenntnisse bewegen, vor echte Herausforderungen. „In Speyer kommen gerade die Jahrgangsbesten und vielfältig interessierten Referendare zusammen, aber trotz ihrer besonderen Qualifiziertheit bedürfen sie der gezielten Förderung im Bereich beruflicher Schlüsselqualifikationen“, erläutert Stefan Brink. „Die überzeugende Präsentation juristischer Ergebnisse, aktive Kooperation und Moderation von Kleingruppen sowie die rhetorische Förderung der Referendare sind methodische Lernziele, deren Wichtigkeit inzwischen erkannt ist, in Studium und Referendariat jedoch immer noch zu kurz kommt. Hier kann Speyer mit einem umfassenden Ansatz Maßstäbe setzen.“
Neue junge Professoren
Die DHV Speyer beweist so jedes Jahr ihre Existenzberechtigung erneut. Exzellente Forschungsleistungen und herausragende Evaluierungen der Lehrenden und Dozenten durch die Hörerschaft reichen aber keineswegs mehr aus. Neue junge Professoren kommen an die Hochschule, ein Lehrstuhl für Wissenschaftsmanagement wurde eingerichtet. Am Potential der lehrenden Persönlichkeiten entscheidet sich mit der weitere Weg der DHV. Das Image ist dabei ebenso wichtig – und das neue Selbstverständnis Speyers lässt sich sicherlich besser treffen als „bierbar.de“.
