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Verschultes Studium Der Frust war doch ein guter Lehrer

Vor der Bolognareform war die Universität auch eine Lebensschule. Studenten lernten dort mit Krisen umzugehen. Jetzt wird ihnen jeder Schritt vorgegeben. Im Leben ist das anders.

© Peter von Tresckow Vergrößern

Einer der häufigsten Kritikpunkte an der Bologna-Reform, die zur Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge führte, ist, dass sie die Universitäten von akademischen Lehr- und Forschungseinrichtungen in Berufsausbildungsinstitute verwandelt habe. Diese These ist nur zur Hälfte wahr: Die Studienfächer werden heute zwar straffer und zielorientierter organisiert - aber besser auf den Beruf bereiten die Ausbildungsprogramme deshalb nicht vor. Die Lehrpläne orientieren sich an den Studienabschlüssen, an die sich die Studenten mit einer Kette von Modulen, für die sie sich Semester für Semester qualifizieren müssen, heranarbeiten. Die Inhalte der „heimlichen Lehrpläne“, die Universitäten früher prägten, gingen in diesem Veränderungsprozess aber verloren: Eigenverantwortlichkeit, Selbständigkeit, die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen.

Von diesem Wandel können heute die Studienberater berichten. Sie erfahren, mit welchen Problemen Studenten zu kämpfen haben und aus welchen Gründen sie unzufrieden sind. Hans-Werner Rückert, Leiter der Beratungsstelle der Freien Universität Berlin, sagt, die Verhältnisse hätten sich verkehrt: Seien es früher die Zaghaften gewesen, die Beratungen gesucht hätten, seien es heute die Freigeister, die im Grunde genau wissen, was sie wollen.

Die Krisen fehlen

„Durch ein Studium musste man sich früher wie mit einer Machete durch den Urwald kämpfen“, sagt Rückert. Von dieser „organisierten Verantwortungslosigkeit an den Hochschulen“, von der der Rechtswissenschaftler Dieter Simon sprach, bevor er 1989 den Vorsitz des Wissenschaftsrats übernahm, ist heute aber nicht mehr die Rede. In Mitleidenschaft gerieten allerdings auch die positiven Funktionen der universitären „Sozialisation hin zum Akademiker, der später einmal Schlüsselpositionen einnimmt“, wie Rückert sagt.

Wer heute ein Studium erfolgreich absolviert, hat damit - wie zuvor im Abitur - bewiesen, dass er gestellte Aufgaben zufriedenstellend bis sehr gut lösen kann. Der Umgang mit den Ansprüchen, die früher die heimlichen Lehrpläne stellten, ist heute allerdings kaum noch aus den Zeugnissen herauszulesen. Insbesondere der Umgang mit Krisen - zu bewältigende Situationen, für die es weder eindeutig richtige Lösungswege noch vorgegebene Handlungsanweisung gibt - wird in der Universität heute ausgespart. Das geschieht nicht nur dadurch, dass Seminararbeiten zu frei gewählten Themen gegen standardisierte Prüfungen ausgetauscht wurden, sondern auch dadurch, dass der Studienverlauf minutiös vorgegeben ist. Ein abgeschlossenes Studium ist heute nicht mehr im gleichen Maße wie früher auch ein Zeugnis erlernter Frusttoleranz - mit zwar impliziten, aber deutlichen Aussagen über Eigenverantwortung, Initiative und Engagement.

Sicherheit um jeden Preis

Die Unzufriedenheiten heutiger Studenten ist viel weniger produktiv als diejenige früherer Generationen. Sie hat weniger mit verhinderter Selbstverwirklichung als mit erlebter Orientierungslosigkeit zu tun. Wer Angst habe, klammere sich an Studienverlaufspläne in der Hoffnung, dass sie Sicherheit böten, sagt Rückert. Damit einher gingen allerdings Fehleinschätzungen. So erhöhe ein zügiges Studium die Chancen auf einen anschließenden Master-Studienplatz gar nicht so sehr, wie das die Studierenden annähmen, meint Rückert. Auf Überraschungsmomente - wie einen Fachwechsel zwischen dem Bachelor- und Master-Studium - legten Studierende heute hingegen immer weniger Wert. Viel häufiger gehe es stattdessen um „Sicherheit um jeden Preis“.

Von den bis zu 1200 Studenten, die jährlich zum ersten Mal die Beratungsstelle der FU Berlin aufsuchten, käme heute der überwiegende Teil in den ersten Wochen des Studiums, um sich beispielsweise über Restunsicherheiten zum Studienverlauf zu beklagen. Um die Zukunft geht es dabei nur selten. „Und die Unzufriedenheit wird meist sehr situativ verortet“, berichtet Rückert. Die ersten Frusterfahrungen der zumeist weniger als zwanzig Jahre alten Erstsemester haben häufig weder mit der Universität als Organisation noch mit der gewählten Fachrichtung zu tun, sondern gingen auf einen Mangel an Lebens- und Krisenerfahrungen zurück.

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In den vergangenen Jahren wurden die Beratungsangebote an vielen Universitäten stark ausgebaut und vermehrt mit den Lehrplänen verflochten. In Berlin beispielsweise wurde die Beratung Teil der „überfachlichen Qualifikation“, in der Studierende für den Abschluss sogar Leistungspunkte erwerben müssen. In Erstsemesterveranstaltungen werden Mentorenprogramme vorgestellt.

Es sei noch immer gang und gäbe, dass Studenten sich aus inhaltlichen Gründen für ein Fach entscheiden und dann im Studienverlauf erfahren, dass sie sich oft mit Dingen auseinandersetzen müssen, für die sie sich nicht interessieren. Der Anteil an Mathematik in den Studienfächern werde konsequent unterschätzt, der Anteil der Praxis dagegen überschätzt. Auch Mängeln in der Organisation und Orientierungslosigkeit im Lehrprogramm gehörten zu den sehr wahrscheinlichen Erfahrungen jedes Studenten, sagt Rückert. Das Erlernen des Umgangs mit Druck und hohen Anforderungen gehören zwingend zum Studium.

Hielte man diese Ungemütlichkeiten aus dem Studium heraus, würden sie umso enttäuschender im Berufseinstieg wiederkehren. Allenfalls in den Professionen der Ärzte und Lehrer, für die es schon in der Ausbildung ein eindeutiges Berufsbild gibt, lässt sich das wahre Berufsleben in der Ausbildung erfahren. Für andere Studenten sollte die Universität selbst das wahre, konfliktreiche Leben abbilden.

Quelle: F.A.Z.

 
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