Fast hätte man glauben können, die Diskussion über die verkürzte Gymnasialzeit (G8) finde nur noch hier und da im privaten Kreis statt. Aber dann war im April wieder ein lauter Aufschrei aus Hessen zu vernehmen. Landeselternbeirat und Landesschülervertretung riefen Schüler, Eltern und die Öffentlichkeit dazu auf, sich in Unterschriftenlisten einzutragen, um einen Petitionsantrag zu unterstützen. Mit diesem soll die um ein Jahr verkürzte Sekundarstufe I (Unterstufe und Mittelstufe) wieder verlängert werden. Beklagt wird, dass sie nur noch bis zur neunten Klasse dauert und deshalb ein Schüler das Gymnasium nach der Mittelstufe nicht mehr mit der mittleren Reife verlassen kann. Die Eltern- und Schülervertreter führen jedoch noch mehr Gründe gegen G8 an: eine schlechtere Qualität des Unterrichts, eine mangelnde Nachhaltigkeit des Lernerfolgs und ein „unerträglicher“ Stress für alle Beteiligten.
Seit etwa zehn Jahren krempeln die Kultusminister die Gymnasien in ihren Bundesländern um. Sie sind überzeugt, dass man auch hierzulande kann, was in anderen Ländern funktioniert: die Schüler nach zwölf statt bisher dreizehn Jahren zum Abitur zu führen. Die Reform wird vor allem ökonomisch begründet: Deutsche Abiturienten seien im Vergleich zu Schulabsolventen in anderen Ländern zu alt. Das schmälere ihre Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt und mindere außerdem das Bruttosozialprodukt.
„Eine wichtige Erhöhung der Lebensarbeitszeit“
Auch Helmut Klein, Bildungsforscher im arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, findet, dass die deutschen Abiturienten zu alt sind. Bisher seien sie durchschnittlich 20 Jahre alt; die Hochschule verließen sie erst mit 28 Jahren. „Ein Jahr weniger in der Schule bedeutet eine wichtige Erhöhung der Lebensarbeitszeit“, sagt Klein. Denn die Deutschen müssten länger arbeiten, damit im umlagefinanzierten Rentensystem die Beiträge finanzierbar blieben, argumentiert der Wissenschaftler. „Und dann sollte man lieber die Bildungsgänge straffen, als erst mit 70 in Rente zu gehen.“ Klein hat jedoch Zweifel, dass G8 bisher eine Erfolgsgeschichte ist. Die Verkürzung der Gymnasialzeit sei viel zu rasch eingeführt worden. Der große Wurf sei ausgeblieben, stattdessen habe man für viele Irritationen gesorgt.
Die Bildungsökonomin Kerstin Schneider von der Bergischen Universität Wuppertal warnt sogar davor, zu stark auf die Länge der Schulzeit zu schauen. Relevant sei vielmehr, ob ein Jahr weniger zu einer geringeren Kompetenz der Schüler führe. Stellte man das in den nächsten Jahren fest, dann sollte man lieber ein 13. Schuljahr dazu nutzen, das allgemeine Bildungsniveau zu heben. Denn zwischen Bildungsniveau und Wirtschaftswachstum besteht, wie Studien zeigen, ein enger Zusammenhang. Schneider gibt außerdem zu bedenken, dass durch die Bologna-Reform die Studienzeiten stark verkürzt worden sind.
Viele Eltern, Schüler und Lehrer in Westdeutschland sind jedenfalls überzeugt, dass G8 so, wie es bisher praktiziert wird, kein Erfolgsmodell sein kann. In einer Allensbach-Umfrage vom März haben sich 71 Prozent der Befragten in den alten Bundesländern für eine vollständige oder teilweise Rückkehr der Gymnasien zu G9 ausgesprochen. Auf solche Wünsche hat die Politik freilich schon reagiert: In vielen Bundesländern ist die Möglichkeit geschaffen worden, an Fachgymnasien oder Gesamtschulen wieder erst nach dreizehn Jahren Abitur zu machen. In Schleswig-Holstein sollen bald sogar normale Gymnasien wieder zu G9 zurückkehren.
Für Freizeitaktivitäten bleibt eigentlich keine Zeit mehr
Die Kritik an der Verkürzung der Gymnasialzeit entzündet sich vor allem daran, dass pubertierende Schüler den Stoff in kürzerer Zeit bewältigen und von der sechsten Klasse an auch an einigen Nachmittagen in der Schule büffeln müssen. Für Freizeitaktivitäten bleibe eigentlich keine Zeit mehr, sagt Birgitta vom Lehn. Dennoch schickt die Bremer Mutter ihre 14 und 15 Jahre alten Jungs weiter zum Sport, auch wenn ihre Noten besser sein könnten. Schließlich verbrächten sie in der Schule ohnehin schon zu viel Zeit im Sitzen, an manchen Tagen neun Schulstunden lang. Gerade für Jungen sei dies ein Problem, meint vom Lehn. Außerdem erwerbe man nicht nur in der Schule, sondern auch im Freizeitsport wichtige Fähigkeiten wie den Umgang mit Niederlagen.
Beflügelt von den eigenen Erfahrungen, schreibt die freie Publizistin gerade ein Buch über die verkürzte Gymnasialzeit - und lässt kein gutes Haar daran. Der Stoff werde nur angerissen, nichts werde vertieft, bemängelt sie. Fächer würden unsystematisch aneinandergereiht. Dabei wüssten Pädagogen, dass zum Beispiel ein Abwechseln zwischen Naturwissenschaften und Sprachen sinnvoll wäre. Klassenarbeiten würden nicht selten in der sechsten oder siebten Stunde geschrieben. Dann seien die Schüler zu müde, meint vom Lehn. In ihren Gesprächen mit Lehrern hat sie festgestellt, dass gerade die engagierten Lehrkräfte unter G8 litten. Es sei nämlich kaum noch möglich, ein aktuelles Thema in den Unterricht zu integrieren. „Das steht nicht auf dem Lehrplan; dafür ist keine Zeit.“
Die strikte Orientierung an den Lehrplänen ist Schulforscher Klein ohnehin ein Dorn im Auge. Ihr Umfang ebenso. G8 kann seiner Meinung nach nur funktionieren, wenn man die Lehrpläne der kürzeren Schulzeit anpasst und den Schulen mehr Freiheit lässt. Das sei auch unabhängig von G8 geboten. „Wir müssen uns lediglich fragen, was die elementaren Wissensstandards für alle Schüler sind“, erklärt Klein. Wie man sie sicherstelle, sollte man den Schulen überlassen. Mit der Einführung von G8 hätte man solche Reformen vornehmen können. Doch sei diese Chance bisher verpasst worden. „In den Lehrplänen hat man nur ein bisschen herumgeschoben“, sagt Klein. Dabei beweise schon die Zahl von derzeit 4500 gültigen Lehrplänen, dass der Staat den Unterricht völlig überreguliere.
Mehr Ganztagesschulen
Neben einer Entrümpelung der Lehrpläne empfiehlt Klein, G8 zum Anlass zu nehmen, mehr Ganztagesschulen einzurichten, in denen die Tage abwechslungsreich und anregend gestaltet werden können. In den anderen Gymnasien sollte man die Sekundarstufe I wieder auf sechs Jahre verlängern und dafür die Oberstufe um ein Jahr kürzen. Diese dauere unter G9 ohnehin nur zweieinhalb Jahre, gibt Klein zu bedenken. Damit könnten auch die Eltern- und Schülervertreter in Hessen leben. Es bestehe die berechtigte Hoffnung, dass Oberstufenschüler deutlich einfacher lernten als Schüler, die sich mitten in der Pubertät befänden, sagen sie.
Die Vorschläge Kleins werden auch von der Wirtschaft unterstützt. Wegen der möglichen ökonomischen Vorteile von G8 will sie eine Rückkehr zu G9 verhindern. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag warnt jedoch davor, dass in der Oberstufe die naturwissenschaftlichen Fächer noch weiter ins Hintertreffen geraten könnten. Denn gerade in diesen Bereichen zeichne sich ein Fachkräftemangel ab. Mit Sorge müssten die Wirtschaftsvertreter deshalb auf eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) blicken. Die Forscher haben die Abiturergebnisse von G8- und G9-Schülern in Sachsen-Anhalt verglichen. Dort haben 2007 zum ersten Mal in Deutschland Schüler nach zwölf und nach dreizehn Jahren Abitur gemacht. Die Forscher mussten feststellen, dass die männlichen G8-Schüler gerade in Mathematik deutlich schlechter abschnitten als die G9-Schüler. Das Ergebnis ist eindeutig: Erstere erreichten durchschnittlich 6,9 Punkte, Letztere 7,8 Punkte.
Auch Schueler muessen ihren Beitrag leisten
Horst Trummler (Vandale6906)
- 03.06.2010, 09:07 Uhr
Unverständnis
Martin Lehnert (lemar3)
- 03.06.2010, 09:29 Uhr
Klein Fritzchen steigert das Brutto-Sozialprodukt...
Andreas Heiligtag (andreas2010faz)
- 03.06.2010, 11:44 Uhr
Internationale Vergleichbarkeit
Christoph Clausen (Heminges)
- 03.06.2010, 18:41 Uhr
Unsere Kürzungsversuche klappen alle nicht
Stefan Vieregg (Kuselianer)
- 04.06.2010, 01:03 Uhr
