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Verkürzte Gymnasialzeit : Betriebe beklagen Unreife von G8-Abiturienten

Lernstress erst einmal vorbei: In Hessen feiern Schüler gerade ihre hoffentlich bestandene Abiturprüfung. Bild: dpa

Die verkürzte Gymnasialzeit ist allgemein unbeliebt. Viele Wirtschaftsvertreter warnen hingegen vor einer Rückkehr zu neun Jahren. Doch die Front bröckelt.

          Wenig eint die Deutschen mehr als der Widerstand gegen die verkürzte Gymnasialzeit (G8). In einer Forsa-Umfrage fordern fast drei Viertel, alle Bundesländer sollten zu neun Jahren Gymnasium (G9) zurückkehren. Die Politiker haben die Botschaft vernommen - und rudern zurück: Der bisher lauteste Paukenschlag ertönte gerade aus Niedersachsen: Das Bundesland verabschiedet sich vom Abitur nach acht Jahren Gymnasium; gute Schüler können aber eine Klasse überspringen. In Hessen gibt es ebenfalls eine starke Rückkehrbewegung, nachdem den Schulen Wahlfreiheit eingeräumt worden ist. In Baden-Württemberg wurden Modellschulen eingerichtet, in Bayern und Hamburg ist mit Volksentscheiden zu rechnen. Ruhig ist es nur im Osten der Republik.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Beschlossen wurde das G8 damals von der Politik, doch zu seinen stärksten Befürwortern gehörte die Wirtschaft. Sie hoffte, dass mit G8 ein Ruck durch die Schulen gehen würde. Man war unzufrieden mit der Ausbildung an den Gymnasien, weil Schulabgänger den gelernten Stoff nicht beherrschten und ihr Wissen nicht richtig anwenden konnten. Auch hofften die Unternehmen auf jüngere Arbeitnehmer - was das Alter seiner Schulabgänger anbelangte, hinkte Deutschland im internationalen Vergleich stark hinterher. Volkswirte mahnten angesichts der demographischen Entwicklung: Lieber früher in den Beruf einsteigen, als noch später in Rente zu gehen.

          Die Rückkehr von immer mehr Gymnasien zu G9 sieht die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) nun mit großer Sorge. Nach der Entscheidung in Niedersachsen warnt sie vor noch mehr G9. „Wenn wir G8 verlassen, dann nimmt der politische Handlungsdruck ab“, sagt Donate Kluxen-Pyta von der BDA. Stattdessen müssten die Lehrpläne entschlackt und der Stoff so unterrichtet werden, dass er sitze. „Bei einer Rückkehr zu G9 werden die Gymnasien belohnt, die das noch nicht gemacht haben.“ Schlecht sei außerdem, dass nun der Flickenteppich in der Schullandschaft noch größer werde.

          Defizite im Sozialverhalten

          Bisher war kaum ein Wirtschaftsvertreter in der Öffentlichkeit zu vernehmen, der sich für G9 ausgesprochen hätte. Doch nun melden sich aus Niedersachsen, dem Land der Rückkehr zu G9, kritische Stimmen zu Wort. Die in Niedersachsen-Metall organisierten Arbeitgeber heißen die Rückkehr plus die Möglichkeit, eine Klasse zu überspringen, gut. G8 sei in den mehr als 800 Mitgliedsunternehmen, die vor allem zum industriellen Mittelstand gehören, immer mehr diskutiert worden, berichtet der Sprecher des Verbands, Christian Budde. Zunehmend hätten sie über eine gewisse geistige Unreife vieler Abiturienten und Defizite im Sozialverhalten geklagt.

          Anfang des Jahres hat der Verband dann seine Mitglieder befragt - drei Viertel stimmten für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. „Sowohl bei den Bewerbern für eine Ausbildung als auch bei denen für ein duales Studium stellen wir fest, dass die Abiturienten nicht mehr dieselbe Reife mitbringen, wie es vor der Einführung von G8 der Fall war“, sagt Torsten Muscharski, Personalleiter des Baumaschinenherstellers Volvo-ABG in Hameln.

          „Die unerwünschten Nebenwirkungen des Abiturs nach acht Jahren sind frappierend“, sagt der Hauptgeschäftsführer von Niedersachsen-Metall, Volker Schmidt, und beruft sich auf Studien des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Das hat den doppelten Abiturjahrgang 2007 in Sachsen-Anhalt untersucht und herausgefunden, dass die Mathematiknoten der G8-Schüler um etwa 10 Prozent schlechter waren; in Deutsch gab es keine Unterschiede. Außerdem nahmen vor allem Abiturientinnen später ein Studium auf, und die Wahrscheinlichkeit eines naturwissenschaftlich-mathematischen Studiums sank. Auffällig war zudem ein Rückgang der ehrenamtlichen Tätigkeiten um mehr als ein Drittel. Befürworter von G8 halten dem eine andere Untersuchung entgegen: Das Statistische Landesamt in Baden-Württemberg hat die Abiturnoten im Jahr 2012 verglichen; G8- und G9-Schüler hatten dieselben Prüfungen abgelegt. Der Unterschied war gering: G8-Schüler hatten im Schnitt eine Note von 2,40, G9-Schüler von 2,35.

          „Mehr von schlechtem Unterricht bringt doch keinen Bildungserfolg“

          Ganz anders als ihre Kollegen im Norden seien die Metallarbeitgeber im Süden „eindeutig für G8“, wie Stefan Küpper von Südwestmetall sagt. „Nur weil eine Reform in der Detailsteuerung nicht funktioniert, muss man sie nicht ganz zurücknehmen.“ Es sei Zeit nachzubessern. Küpper befürchtet, dass bei einer flächendeckenden Rückkehr zu G9 die starke zweite Säule des Schulsystems, die Real- und Gemeinschaftsschulen, geschwächt würden, weil es dann einen noch größeren Ansturm aufs Gymnasium gäbe.

          Erwartet wird, dass viele G8-Abiturienten zuerst einmal ein Jahr Auszeit nehmen. Das findet Küpper nicht schlimm. „Damit ist doch auch etwas gewonnen: Lebenserfahrung, Sprachkenntnisse - ein allgemeiner Kompentenzzuwachs.“ Für verfehlt hält er außerdem das Argument, Schüler hätten zu wenig Lernzeit im G8. „Mehr von schlechtem Unterricht bringt doch keinen Bildungserfolg.“ Er fordert, dass sich die Politik, statt die Reform zurückzudrehen, überlegt, was sie tun könne, damit der Unterricht und die Ausbildung der Lehrer besser würden.

          Quelle: F.A.Z.

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