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Unterricht mit dem Tablet : Das wischende Klassenzimmer

  • -Aktualisiert am

Lernzielkontrolle: Schülerinnen der iPad-Klassen an der Realschule im bayerischen Gauting filmen einen Versuch im Chemieunterricht. Bild: RS Gauting/Michael Schober

Da ist Thailand weiter: Tablets sind an deutschen Schulen eher Ausnahme als Alltag. Doch es gibt erste Klassen, an denen es Tafel, Hefte und Bücher ersetzt. Doch wie pädagogisch wertvoll ist das wirklich?

          Jonas schaut sich selbst zu. Etwas verlegen sitzt der Neuntklässler auf seinem Platz im Klassenraum, während vorne sein Bewerbungsvideo für einen fiktiven Ferienjob in England an die Wand projiziert wird. Aufmerksam verfolgen seine Mitschüler jeden Satz. Was hat Jonas gut gemacht? Wo gibt es noch Verbesserungspotential? Würde er den Job wohl bekommen? Sein Englischlehrer Tobias Schnitter will mit der Klasse auf diese Weise herausarbeiten, worauf es bei einer guten Bewerbung ankommt. Für die Hausaufgabe sollen alle in die Lage gebracht werden, selbst ein gelungenes Video zu drehen. „Eine solche Aufgabe könnte ich in einer normalen Klasse gar nicht stellen“, sagt Schnitter. Doch für die 9b der Staatlichen Realschule im bayerischen Gauting sind Videos eine leichte Übung.

          Seit drei Jahren lernen die Schüler dieser Klasse fast ausschließlich mit iPads. Die flachen Computer von Apple ersetzen nicht nur Hefte, Bücher und Arbeitsblätter. Die Schüler speichern darauf auch ihre Hausaufgaben, tauschen sich mit Mitschülern und Lehrern aus, schlagen Vokabeln, Formeln oder Fakten nach und bereiten sich auf Prüfungen vor. Nur bei Klassenarbeiten setzt man nach wie vor lieber aufs Gedächtnis statt auf Google. Sie werden auf Papier geschrieben, das iPad bleibt aus. Das Schreiben mit der Hand haben die Schüler trotzdem noch nicht verlernt.

          „Wir haben sehr positive Erfahrungen mit dieser Art des Unterrichts gemacht“, sagt Schnitter, der als stellvertretender Schulleiter die Idee vorantrieb. Mittlerweile gibt es in Gauting schon vier iPad-Klassen - und weitaus mehr Schüler, die auch gern eine solche Klasse besuchen würden. Die Nachfrage kann nicht befriedigt werden. „Wir setzen auf qualitativ guten Unterricht und wollen uns langsam weiterentwickeln, statt kopflos möglichst viele iPad-Klassen anzubieten“, so Schnitter. Offenbar ist die Schule damit auf einem guten Weg, denn im Dezember 2014 hat sie für das Konzept den Deutschen Lehrerpreis für innovativen Unterricht bekommen.

          Thailand und die Türkei verteilen großzügig iPads

          Tatsächlich sind die iPad-Klassen nicht nur innovativ, sondern auch selten. In Deutschland setzen gerade mal 160 Schulen auf Tablets - gemessen an der Gesamtzahl, entspricht das nicht einmal einem halben Prozent. Andere Länder sind diesbezüglich weiter: Schweden, Estland und Lettland nutzen die digitalen Möglichkeiten schon flächendeckend ab der ersten Klasse. In den Niederlanden gibt es iPad-Schulen, die komplett auf Tafeln, Bücher und Hefte verzichten. Thailand und die Türkei verteilen in großen Mengen iPads an Schüler, und in den Vereinigten Staaten gehören Schulen und Universitäten zu den wichtigsten Kunden von Apple.

          Dort boomt der Markt mit digitalen Lehrinhalten wie Apps und E-Books, während für deutsche Verlage digitale Erlöse keine nennenswerte Rolle spielen. Ein Umstand, der es für Lehrer nicht leichter macht, Tablets im Unterricht einzusetzen. „Viele Länder haben einfach losgelegt, während in Deutschland erst lange über das didaktische Konzept diskutiert wurde“, sagt Bildungsforscherin Luise Ludwig von der TU Chemnitz. Das sei nicht per se schlecht: „Die Frage darf schließlich nicht lauten: Welches Gerät sollen wir anschaffen, sondern: Was wollen wir damit machen?“ Für Tobias Schnitter ist die Antwort klar: „Wir wollen zeitgemäßen Unterricht machen, der den Schülern einen echten Mehrwert bietet.“

          Richtig eingesetzt, könne das iPad den Unterricht in vielerlei Hinsicht bereichern. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Wer lediglich ein Tablet mit vollem Akku mit in die Schule nehmen muss, kann keine Bücher, Arbeitsblätter oder Hausaufgaben vergessen. Jeder hat immer Zugriff auf das Arbeitsmaterial. Auch die leidige Kontrolle der Hausaufgaben entfällt, sie werden einfach direkt an den Lehrer geschickt. Und statt den Tafelanschrieb ins Heft zu übertragen, wird er abfotografiert oder digital bereitgestellt. Im Schulalltag spart das eine Menge an Minuten. „Wertvolle Zeit, die man zum Unterrichten nutzen kann“, sagt Schnitter.

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