25.02.2009 · Mit einer genialen Idee oder einem finanziellen Polster lässt sich´s gut starten. Endlich auf eigenen Füßen stehen - das klingt verlockend. Der Staat hilft Existenzgründern, doch der Weg in die Selbständigkeit ist oft steinig.
Von Sabine Hildebrandt-WoeckelHätte jemand Maximilian von Aulock Anfang vergangenen Jahres eine Festanstellung geboten, er hätte wohl zugegriffen. "Zugegeben!", sagt er selbst. Das Angebot kam aber nicht - und tatsächlich hatte er es auch nicht erwartet. Der Einstieg in die Kulturszene ist hart, selbst wenn man wie Aulock schon eine ganze Latte an Praxiserfahrung vorweisen kann. Er arbeitete parallel zum Studium unter anderem als Bühneninspizient an einem großen Theater, war Aufnahmeleiter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und begleitete eine Theatertournee durch Südamerika. Zu einer Festanstellung verholfen hat ihm das nicht. So entschied er sich, sofort nach dem Studium das umzusetzen, was er sich für später ohnehin vorgenommen hatte: Zusammen mit seiner Lebensgefährtin machte der Neunundzwanzigjährige sich in Berlin mit der Agentur "soniq performing arts" selbständig.
Unternehmer werden mangels Alternative? Das klingt auf den ersten Blick wenig vielversprechend, entspricht aber dem Lebensalltag. Grundsätzlich, so zeigen die Ergebnisse verschiedener Absolventenbefragungen des Unternehmens Hochschul-Informations-System (HIS), gehören nicht vorhandene Einstiegsmöglichkeiten in ein Angestelltenverhältnis zu den Hauptgründen dafür, dass Hochschulabgänger den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Zwar hat die Politik in den vergangenen Jahren viele Anstrengungen unternommen, um Vorbehalte gegenüber der Selbständigkeit abzubauen und durch die Etablierung von Gründerzentren an den Hochschulen mehr Absolventen zu diesem Schritt zu animieren. Erfolgreich, auch das zeigt eine HIS-Erhebung, war das nur bedingt. Denn dass sich mit 6 Prozent deutlich mehr Abgänger des Jahrgangs 2001 schon im ersten Jahr nach ihrem Abschluss selbständig machten als in den Vorjahren, lag eindeutig an der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Skepsis gegenüber dem Einzelkämpferdasein nahm gleichzeitig deutlich zu. Insgesamt, so lautet das Resümee der Studie, lässt sich kein Trend zu mehr Selbständigkeit beobachten.
Oft fehlt alles, was ein Existenzgründer braucht
Existenzgründungsberater wie Bernhard Ludwig Dirnberger wundert das nicht. Denn tatsächlich, warnt der Traunsteiner, sei ein solcher Schritt direkt nach der Uni überhaupt nur dann sinnvoll, wenn sich jemand - wie Maximilian von Aulock - im Markt auskennt und sich sicher darin bewegt. Wer sich dagegen nur deswegen als Rechtsanwalt selbständig mache, weil der Notenschnitt für eine Festanstellung nicht genüge, habe ebenso schlechte Karten wie derjenige, dessen Motivation die Überzeugung ist, ohnehin alles besser zu können. "Beides sind aber leider oft genannte Gründe bei Hochschulgründern." Dirnberger redet Klartext: Wer direkt aus der Wissenschaft komme, dem fehle zumeist alles, was ein Existenzgründer braucht. Nicht nur Praxiserfahrung und Netzwerke, sondern auch Durchsetzungsvermögen, Standhaftigkeit und vor allem Seriosität. "Versuchen Sie mal, mit Mitte 20 von einem Banker Geld zu bekommen." Das sei ein fast aussichtsloses Unterfangen.
Absolventen rät Dirnberger daher fast durchgängig vom Schritt in die Unabhängigkeit ab, Ausnahmen bestätigen seiner Ansicht nach nur die Regel. Auch wer über Vitamin B verfüge, schon aus einem selbständigen Umfeld komme oder Geld im Rücken habe, könne den freien Einstieg ins Arbeitsleben schaffen. Vorausgesetzt, er bringt die Bereitschaft mit, sich alles fehlende Wissen umfangreich anzueignen - und verfügt dann auch noch über eine hohe Belastbarkeit und Frustrationstoleranz sowie über die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren.
Wer auf eigenen Füßen stehen will, muss viel aushalten können. Das hat auch Johannes Grassmann erlebt. Gemeinsam mit einem Kommilitonen startete der Neunundzwanzigjährige Ende vergangenen Jahres mit einer Internetplattform durch. Seine Voraussetzungen waren dafür denkbar günstig. Nicht nur, dass die private Handelshochschule Leipzig, an der er promoviert, Gründer aktiv unterstützt. Grassmann hatte zwischen dem Hauptstudium in Betriebswirtschaftslehre und seiner Promotion auch schon drei Jahre praktische Erfahrung im Produktmanagement bei Porsche gesammelt. Er wusste, wie man Projekte organisiert und Konflikte aushält. Zudem kannte Grassmann das Thema Selbständigkeit aus seinem Elternhaus. Schon als Kind erlebte er, dass das Geschäft im Zweifel auch die Gespräche am Abendbrottisch bestimmt. Zwölf Stunden am Tag präsent zu sein macht ihm nichts aus. Dennoch gibt auch er unumwunden zu, dass er sich am Anfang vieles leichter vorgestellt hatte.
Eine Idee mitten aus dem Leben
Seine Grundidee war einfach. Während des Studiums pendelte er wöchentlich zwischen seiner Heimatstadt München und seinem Studienort Leipzig und hatte dabei jedes Wochenende erneut den Stress, eine günstige Verbindung zu finden. Das müsse auch besser gehen, dachte er sich - und zwar über ein Internettool, über das man die schnellste und günstigste Verbindung nicht nur finden, sondern auch gleich buchen kann. Weder er noch sein Mitstreiter hatten aber das technische Knowhow, um den Wunschtraum umzusetzen. Viel Zeit verstrich deshalb, bis jemand gefunden war, der die technische Seite mit der gleichen Begeisterung zu betreuen bereit war wie die Ideengeber. Zudem musste die Finanzierung organisiert werden. Als Ausgründung aus einer Hochschule gab es anfangs zwar Zuschüsse vom Bundesministerium für Wirtschaft, aber erst als ein Investor einstieg, konnte www.verkehrsmittelvergleich.de tatsächlich an den Start gehen. Gut ein Jahr später als geplant. Inzwischen hat sich das Engagement seiner Meinung nach gelohnt. Weitere Investoren sind in Sicht. In jedem Fall, so Grassmanns Resümee, würde er auch anderen zu einem solchen Schritt raten - "wenn die Rahmenbedingungen stimmen".
Entweder eine geniale Idee oder ein finanzielles Polster, am besten aber beides: Das sind auch die Mindestvoraussetzungen, die Günther Teichert, Unternehmens- und Existenzgründungsberater in Heidelberg, von jungen Selbständigen sehen möchte. Teichert gibt seit ein paar Jahren speziell auf Hochschulabsolventen zugeschnittene Kurse bei der Arbeitsagentur. Auch er erlebt immer wieder, dass sehr viele sehr blauäugig an die Sache herangehen. Kaum einer könne sich realistisch die Zeitspanne vorstellen, die es in der Regel dauert, bis die ersten Einnahmen fließen. Und nicht wenige scheiterten schon daran, das eigene Konzept in einem strukturierten Vortrag der Gruppe zu präsentieren. "Auf dem Markt hat so jemand keine Chance", sagt Teichert.
„Dann fällt es leichter, die Reißleine zu ziehen“
Er steht Existenzgründungen direkt nach der Uni zwar nicht ganz so skeptisch gegenüber wie sein Kollege Dirnberger. Seine Tipps jedoch ähneln denen aus Traunstein: Erst ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln und sich dabei, wenn es irgendwie geht, auch ein finanzielles Polster schaffen. "Dann fällt es leichter, die Reißleine zu ziehen." Wem das nicht gelingt, dem rät Teichert, zumindest die Angebote der Gründerberatungen zu nutzen, die neben betriebswirtschaftlichen Grundlagen auch Verkaufsschulungen und Kommunikationsstrategien anbieten. Ebenfalls sinnvoll sei es, sich zuerst ein Team zu suchen, das alles notwendige Wissen vereint, und dann gemeinsam zu gründen.
Kulturarbeiter von Aulock verschaffte sich den finanziellen Grundstock und das nötige Wissen durch sein Engagement neben seinem Studium. Kristina Freymuth dagegen wählte den klassischen Weg über die Festanstellung. Fast fünf Jahre vagabundierte die studierte Volks- und Betriebswirtin durch verschiedene Banken und Aufgabengebiete, bevor sie sich nacheinander mit einer Finanz-, Unternehmens- und Organisationsberatung in München selbständig machte. Da hatte die heute Vierunddreißigjährige immerhin schon genug Geld auf dem Konto, um das erste Jahr in der Selbständigkeit ohne große Einschränkungen überbrücken zu können.
Dass die Einnahmen auch heute noch nicht so fließen wie vor dem großen Schritt, haben beide einkalkuliert. Von Aulock kennt Kommilitonen, die auch in einer Festanstellung nicht über 1000 Euro brutto im Monat hinauskommen. So viel, vergleicht der Jungunternehmer, verdiene er inzwischen auch. Was Existenzgründern aber noch wichtiger ist, formuliert Kristina Freymuth: "Ich mache genau das, was mir Spaß macht, und ich mache es so, wie ich es für richtig halte."
Selbst und ständig
Geplante Fehlinvestition
Eugene Rembor (EugeneRembor)
- 25.02.2009, 16:24 Uhr