24.10.2009 · Die Uni Würzburg hat ihr Lehramtsstudium "modularisiert". Den ersten Tag im ersten Semester hat das nicht unbedingt leichter gemacht.
Von Timo FraschWürzburg, im Oktober. Montags: Tirili oder Brauhaus. Dienstags: Studio oder Labby. Mittwochs: Airport oder Pleicher Hof. Donnerstags: Boot, Zauberberg oder Odeon. Und danach vielleicht noch zum Frühstück ins Brandstetter. So ähnlich hat das Kernprogramm manches Erstsemesters in Würzburg noch vor wenigen Jahren ausgesehen. Diese Zeiten sind nun auch an der Philosophischen Fakultät I vorbei, wo die letzten Institute zu diesem Wintersemester die Bologna-Reform umgesetzt haben. An die Stelle des Magisters tritt der Bachelor, und auch das Lehramtsstudium wurde in Module unterteilt, in "Einheiten mit definiertem Inhalt, die der Gliederung der Lehrinhalte eines Studiengangs dienen". Studienverlaufspläne, Rahmenstudienstrukturpläne, ECTS-Punkte und der "Workload" sollen fortan die studentische "employability" erhöhen.
"Bloß nicht Lehramt, dafür bist du viel zu schade"
Franziska Ulrich und Philipp Hoffmann, die beide im ersten Semester Englisch, Französisch und Spanisch auf Lehramt Gymnasium studieren, haben sich gegen die Wortungetüme gewappnet. Oft genug waren sie auf der Uni-Homepage, sie waren in Fachstudienberatungen, auf dem "Erstiwochenende" und beim Fachschaftsfrühstück, wo sie schließlich Bekanntschaft schlossen. Franziska ist mit der Stadt am Main vertraut. Schon zu Schulzeiten hatte sie häufiger eine Freundin in Würzburg besucht, ehe sie selbst nach Unterfranken ging, um Medizin zu studieren. Die Fächerwahl hatte damals nur wenig mit ihrem familiären Hintergrund zu tun: Ihr Vater ist Heizungsmonteur, ihre Mutter Arzthelferin. In der Verwandtschaft war sie die Erste mit Abitur. Nein, Franziska dachte, der Arztberuf würde ihr Spaß machen. Außerdem sagten viele: Medizin? Respekt. Es schien ja auch so folgerichtig zu sein: Sie hatte in ihrer schwäbischen Heimat Oettingen - das ist da, wo das billige Bier herkommt - ein 1,0-Abitur gemacht und deshalb ein Stipendium der Studienstiftung bekommen. Als sie ihr Französischlehrer am Ende der Schulzeit fragte, was sie denn machen wolle, gab er ihr selbst die Antwort: "Bloß nicht Lehramt, dafür bist du viel zu schade."
Franziska macht jetzt, wofür sich ihr Lehrer nicht zu schade war, so wie Philipp auch. Warum denn nicht? Beide haben sie gute Erinnerungen an ihre Gymnasialzeit, auch wegen der Lehrer. Medizin sei ihr zu wenig kreativ gewesen, sagt Franziska. Sie hat drei Medizinsemester und eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin lang mit sich gehadert: Soll ich wechseln oder nicht? So viel war im Zeichen Bolognas die Rede davon, wie wichtig es sei, das Studium zügig zu beenden. Irgendwann, mit 22, hat sie dann doch ihren Neigungen nachgegeben, ohne sich darum zu scheren, dass es zwar immer heißt, Lehrer seien ja gesucht, nur eben nicht in den Sprachen. Auch der 21 Jahre alte Philipp hat darauf nichts gegeben. Als er sich bewarb, in Konstanz, wo es schließlich am Numerus clausus scheiterte, in Potsdam und Berlin, was ihm beides dann doch zu weit weg von seiner Tübinger Heimat war, und eben in Würzburg, da hat er überhaupt keine alternative Fächerkombination angegeben.
Alles learning by doing und trial and error
Die meisten Professoren beginnen ihre Kurse erst in der kommenden Woche; mit Einführungsveranstaltungen und Einstufungstests, fünfmal eineinhalb Stunden gleich am ersten Tag, haben Franziska und Philipp aber auch so genug zu tun. Um halb zehn stellen sich die Erziehungswissenschaftler am Wittelsbacherplatz vor. Der Hörsaal, vor dem manche wegen falscher Informationen schon seit acht Uhr morgens gewartet haben, ist rappelvoll. Einige haben ihren Laptop mitgebracht, ohne den ein modernes Studium kaum mehr zu bewältigen scheint. Zu Beginn tritt die für die Lehramtsstudenten zuständige stellvertretende Universitätspräsidentin ans Pult und bittet sogleich um Nachsicht für den Fall, dass nicht alles rund laufen sollte. Das werden die Studenten an diesem Tag noch häufiger hören.
Das Ziel von Bologna sei die "Schaffung eines Systems leichtverständlicher und vergleichbarer Abschlüsse" steht auf der Homepage der Uni. Freilich ist schon länger klar, dass genau das noch nicht erreicht wurde. Es handele sich um "work in progress", heißt es allenthalben, "um trial and error" und "learning by doing". Der Leiter des Praktikumsamts Gymnasium weiß um die Verunsicherung der Studenten, der die Verunsicherung der Dozenten in nichts nachsteht: "Lassen Sie sich nicht verwirren", sagt er, "auch wenn Sie Versuchskaninchen sind." Sodann stellt er die verschiedenen Praktikumsarten vor, die im Lehramtsstudium Gymnasium inzwischen Pflicht sind: Orientierungspraktikum, Schulpraktikum, studienbegleitendes Praktikum, Betriebspraktikum. Die jungen Leute sollen andere Schularten und vor allem " die Welt da draußen" kennenlernen, um im Zweifel ihre Studienwahl korrigieren zu können. "Sie haben einen Beruf gewählt, der Ihnen viel geben kann", sagt der Mann vom Praktikumsamt. "Er kann Sie aber auch leersaugen."
Keine Zeit für Deutschlands beste Mensa
Kurz vor 12 Uhr mittags wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt, um in die Burse-Mensa in der Stadt zu gehen, die 2007 zur besten Mensa in ganz Deutschland gekürt wurde. Es ist aber keine Zeit. Franziska und Philipp müssen hinauf ans Hubland, zum Campus. Im vollen Bus treffen die beiden auf eine Kommilitonin, die Franziska von der Tankstelle kennt. Einen Nachmittag in der Woche arbeitet sie dort, für etwa 150 Euro im Monat. Dazu kommt die Unterstützung durch ihre Eltern, die ihr das 240 Euro teuere WG-Zimmer bezahlen und das Kindergeld überweisen. Bafög will Franziska nicht beantragen. Sie hätte sowieso keine Chance, sagt sie, weil sich durch die regelmäßige Ferienarbeit bei einem Automobilzulieferer zu viel Geld auf ihrem Konto angesammelt hat. Vom Hubland aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Bischofsstadt, über die manche sagen, sie beherberge wenig mehr als Kirchen, Studenten und Rentner. Hier oben thront auch die große Universitätsbibliothek, mit eigenem Referat für fränkische Landeskunde. Die UB hatte schon immer einen Vorteil: Die Bücher sind thematisch geordnet, nicht nach Anschaffungsdatum oder sonst einer Systematik. Man kann also zum Regal gehen, in dem etwa die Einführung in die spanische Sprachwissenschaft steht, und sich dann treiben lassen: hin zur Literaturwissenschaft, zu Cervantes oder Lope de Vega, auch zu Carlos Ruiz Zafón, dessen "Schatten des Windes" Philipp zuletzt gelesen hat. Es ist nur so: Heutzutage müssen die Studenten praktisch gar nicht mehr in die Bibliothek, weil die Dozenten alle für die Kurse relevanten Texte ins Internet stellen und Hausarbeiten, die eigene Recherche erfordern, von Klausuren immer mehr verdrängt werden.
Franziska und Philipp sitzen jetzt in der Einführungsveranstaltung Anglistik. Dass vorne das halbe Institut steht, um sich vorzustellen, mag ein Zeichen dafür sein, dass sich die Alma Julia Maximilianea mittlerweile als Serviceunternehmen versteht. Vielleicht hat es aber auch mit schlechtem Gewissen zu tun: Einige Institute der Fakultät haben die Umstellung auf den Bachelor und auf die modularisierten Lehramtsstudiengänge so lange hinausgezögert, bis es gar nicht mehr anders ging. Viele Studenten, die sich jetzt für Kurse nicht anmelden können, weil das Computersystem überlastet ist, oder die wegen Überschneidungen im Stundenplan fast verzweifeln, haben den Eindruck, dass das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil war.
In den Ferien zur Müllabfuhr, die zahlt am besten
Zunächst spricht der Vorstand des Neuphilologischen Instituts, Herr Achilles, dessen Name manche im Saal lustig finden. Er verteidigt die Studiengebühren, mit denen "Ihnen eine einigermaßen erträgliche Studiensituation gewährleistet werden kann". Und er sagt: "Verlieren Sie vor lauter Studienverlaufsplänen nicht aus dem Blick, dass Sie nicht Bologna, sondern Anglistik studieren." Für weitere Informationen verweist er auf seinen Assistenten, Herrn Niedlich. Bevor der nach vorne tritt, ist allerdings noch Herr Süß an der Reihe. Herr Süß ist für die "Schlüsselqualifikationen" zuständig, eine Bologna-Schöpfung, von der er selbst sagt, dass noch keiner so recht wisse, was sich dahinter verberge. Offiziell versteht man darunter "überfachliche, berufsfeldorientierte Kompetenzen, die ein Fachstudium sinnvoll ergänzen" und die Studenten befähigen, im Lauf ihres Arbeitslebens "immer wieder flexibel auf unterschiedliche berufliche Anforderungen zu reagieren". Herr Süß bietet zu diesem Zweck zwei englischsprachige Kurse an, einen zur deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, den anderen zur Kunstgeschichte. Dass sie am Donnerstag- und Freitagabend stattfinden, sagt alles über das Raumangebot an der Universität aus.
Würzburg war lange eine Heimfahreruniversität, weil die meisten Studenten aus der näheren und weiteren Umgebung kommen - so wie Franziska und Philipp, dessen Eltern zu Hause als Jugend- und Heimerzieher arbeiten. Mit Bologna, so hört man, ändert sich auch das nach und nach: Viele bleiben jetzt am Wochenende, um zu lernen oder zu arbeiten - wenn sie nicht täglich pendeln, um sich das Geld für ein Zimmer zu sparen. Auch Philipp ist gerade auf der Suche nach einem Studentenjob, weil das Kindergeld allein nirgendwohin reicht. Am liebsten würde er bei der Müllabfuhr anfangen. Die bezahlt gut, das weiß er von früheren Ferienjobs. Philipp hat gegenwärtig keine Freundin, was für einen männlichen Romanistikstudenten durchaus ein Vorteil sein kann. Als weibliche Romanistikstudentin ist es wiederum für Franziska nicht von Nachteil, dass sie schon gebunden ist. Ihr Freund studiert auch in Würzburg, BWL und Musikwissenschaft. Franziska und Philipp sind mit dem, was sie haben, zufrieden, und auch ihre Ziele scheinen nicht zu hoch gesteckt zu sein. Beide wollen sie ein schönes Studium erleben und, bevor sie Kinder bekommen, auf jeden Fall noch ins Ausland, wo sie schon früher für längere Zeit waren: sie während der Schulzeit in Kanada, er zum Anderen Dienst im Ausland in Frankreich. Außerdem will Philipp bis nächstes Jahr mit fünf anstatt vier Bällen jonglieren können.
Am Abend, nach der Einführung in die Romanistik und den beiden Einstufungstests Französisch und Spanisch, machen sich die beiden so langsam für die Erstsemesterparty im "Tirili" fertig. Übermäßig lang wird es heute nicht gehen, weil morgens um acht die Anmeldung für die Anglistikkurse beginnt. Müde sind die beiden aber noch nicht, jedenfalls war der erste Tag im ersten Semester nicht so stressig, als dass Philipp sein Projekt vergessen würde: Seit einem Jahr fotografiert er täglich sein Gesicht. Es sei sein Tagebuch, sagt er, und er werde es auch die kommenden Jahre führen. Dabei weiß er schon jetzt: Wie alt er am letzten Tag seines Studiums aussehen wird, hängt nicht nur davon ab, wie lange er studiert.