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Sonntag, 19. Februar 2012
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Universitäten Die Zweiheit von Forschung und Lehre

30.01.2010 ·  Wie eine Monstranz trägt die deutsche Universität die Humboldt-Formel der Einheit von Forschung und Lehre vor sich her. Doch empirische Studien finden kaum einen Zusammenhang zwischen der Güte von Lehre und Forschung bei den betreffenden Personengruppen.

Von Christian Hilgert
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Die Hochschulreformen der vergangenen Jahre wurden oft als „Abschied von Humboldt“ betitelt. Schaut man genauer hin, so erstaunt aber, dass die Humboldt-Formel - lassen wir beiseite, ob Wilhem von Humboldt selbst sie jemals benutzt hat - „Einheit von Forschung und Lehre“ nach wie vor stark einheitsstiftenden Charakter für die Universitäten besitzt. Bei allen möglichen öffentlichen Gelegenheiten wird sie poliert und festlich aufgetragen, während man auf den Fluren der Universitäten vom Schreckgespenst der Ökonomisierung, raunt, das diese Einheit ohne Not zu zerreißen drohe. Aber selbst die Verfechter der Reform gehen nie so weit, die Einheit von Forschung und Lehre in Frage zu stellen oder ihre Aufgabe als Preis der Reform zu bezeichnen.

Was aber kann man wissenschaftlich zur Einheit von Forschung und Lehre sagen? Zunächst die schlechte Nachricht: Empirische Studien finden kaum einen Zusammenhang zwischen der Güte von Lehre und Forschung bei den betreffenden Personengruppen. Alle Kombinationen von guten und schlechten Leistungen sind denkbar und kommen vor. Das Zusammenfallen positiver Leistungen muss ebenso wie die anderen Varianten statistisch gesehen als Zufall betrachtet werden. Die soziale Einheit, die den historischen Erfolg der Humboldt-Formel erklärt, kann also kaum in Personen, sondern muss vielmehr in der Organisation gefunden werden. Nicht, dass ein Lehrer Forscher sein muss, um gut lehren zu können, oder gar ein Forscher der Lehre bedarf, um auf Ideen zu kommen, ist ihr Sinn, sondern dass Universitäten ihren Bildungsaufgaben durch die Vermittlung von wissenschaftlichen Wahrheiten und Methoden nachkommen können.

Seit den siebziger Jahren begann eine Abkopplung

Solange mit dem bis heute wachsenden Zustrom von Studenten an die Hochschulen zusätzliche Lehrstühle geschaffen, Professoren eingestellt und Ressourcen freigegeben wurden, musste auch die wissenschaftliche Aktivität an den Universitäten immer weiter anwachsen: Denn Professoren sind bekanntlich auf beides, Forschung und Lehre, verpflichtet. Seit den siebziger Jahren begann jedoch eine Abkopplung der Personal- und Ressourcenstruktur von der Entwicklung der Studierendenzahlen. Anhaltendes Wachstum auf dieser Seite der Gleichung wurde konfrontiert mit Stagnation auf der anderen Seite.

Dadurch entstand ein zunehmender Druck der Lehre auf die Forschung, dem die Professorenschaft kreativ begegnete, indem sie Wege erfand, sich ihre Forschungszeit auf Kosten der Lehre und des wissenschaftlichen Nachwuchses zu erhalten. Folglich konnte man das Problem also auch von der anderen Seite her betrachten und eine zunehmende Verdünnung der Lehre zugunsten der Forschung befürchten. (Das in der Humboldt-Formel ausgeschlossene Dritte der zeitfressenden Selbstverwaltungspflichten wollen wir hier nicht behandeln.) Derartige Klagen, gedeckt durch Statistiken über Betreuungsrelationen, begleitet von Professorenschelte, wurden immer lauter. Passende Gegenmaßnahmen wurden gefordert. Man denke nur an die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Verbesserung der Lehre, insbesondere an den Vorschlag der Neuauflage des mit den akademischen Räten bereits in den Siebzigern gemachten Versuchs, eine schwerpunktmäßig auf Lehre zielenden Personalkategorie zur Lösung des Problems einzuführen.

Zwei Arten, Humboldt zu vergessen

Bei alledem blieb zwar die Formel der Einheit von Forschung und Lehre weitgehend unangetastet. Doch die tatsächliche Entwicklung scheint genau auf das bisher Unvorstellbare hinzuführen: eine grundlegende und dauerhafte Differenzierung von Forschung und Lehre. Diese Entwicklung illustriert eine Zahl aus dem aktuellen Bildungsbericht: Die Zunahme von Lehraufträgen betrug in den vergangenen zehn Jahren 45 Prozent. Wer Universitäten kennt, weiß, dass Personen mit Lehrdeputaten von zwölf Wochenstunden oder mehr nur wenig zur Forschung kommen, zumal junge Lehrende, die der Lehre schon aus Unsicherheit mit besonderer Sorgfalt begegnen.

Zwei unterschiedliche Pfade der Differenzierung von Forschung und Lehre sind denkbar. Die eine Entwicklung wäre eine Hierarchisierung von Forschung und Lehre. Dies scheint der aktuelle Trend, den man metaphorisch zuspitzen kann, in der Gegenüberstellung zweier Vokabeln des zeitgenössischen Universitätsjargons: Drittmittelhelden und Lehrsklaven. Dann läuft alles darauf hinaus, dass man sich mit steigendem Forschungsrenommee innerorganisatorisch graduell von der lästigen Lehre befreien kann, während umgekehrt der Viel-Lehrende als wissenschaftlicher Versager identifizierbar und stigmatisiert ist. Bei der Frage der Förderung von Disziplinen wäre in dieser Ordnung interessanterweise eine Inversion der Hierarchie vorstellbar, insofern als Forschung zunehmend nur noch gefördert würde in Bereichen, wo es auch eine studentische Nachfrage nach entsprechender Ausbildung gibt.

Wie wenig überzeugend eine Position ist, die Wissenschaft als einzigen Weg zur universitären Bildung auffasst, kann man sich vor Augen führen, wenn man sie an der Primar- und Sekundarstufe unseres Bildungssystems prüft. Schule ist nicht einfach die Fortsetzung der Wissenschaft mit anderen Mitteln: Rechnen und Schreiben zu lehren und vor allem: zu lernen ist etwas völlig anderes, als die entsprechenden Gegenstände wissenschaftlich zu erforschen. Im Unterricht geht es nicht einfach um die Speicherung von Wissen, sondern darum, Kulturtechniken zu erlernen, ein spezifisches Können zu erwerben, zu habitualisieren und zu verfeinern. Dem Virtuosen, der sein Handwerk blind beherrscht, ist seine Kunst oft erstaunlich wenig in der Form des abfragbaren Wissens zugänglich. Und so wird dann auch spätestens beim Sport-, Musik- und Kunstunterricht die Idee eines primären Wissenschaftsbezuges der Fächer freilich gänzlich absurd.

Das Reputationsdefizit der Lehre

Warum aber sollte es an der Hochschule ganz anders sein? Warum sollte hier Forschen und Lehren keinen Unterschied machen, warum sollten hier Wissen und Können plötzlich bruchlos dasselbe sein - gerade hier, wo das Wissen mit Bezug auf alltagspraktische Plausibilitäten besonders vorraussetzungsvoll und artifiziell erscheint. Und warum sollte man wiederum enorme Quantitäten von jungen Erwachsenen in der „Kunst“ des Forschens unterrrichten, wenn, statistisch gesehen, nur ein kleiner Bruchteil von ihnen diese jemals beruflich zur Anwendung bringen wird? Mehr noch: Eine entsprechende Ausbildung findet an den Universitäten breitenwirksam ja auch schon lange nicht mehr statt. Wenn man akzeptiert, dass die primäre kommunikative und unter Karrieregesichtspunkten elementare Kompetenz eines Wissenschaftlers das wissenschaftliche Schreiben ist, ist es doch erklärungsbedürftig, warum wir diese Fertigkeit faktisch nur noch ganz wenigen Studenten an den Universitäten beibringen.

Demgegenüber alternativ wäre ein Konzept der Egalisierung von Forschung und Lehre. Sie würde freilich eine derzeit vom akademischen Establishment noch gar nicht vorstellbare organisatorische Aufwertung und Verselbständigung der Lehre erfordern, was selbstverständlich nicht einfach durch eine Übernahme der aktuell virulenten Praxissemantik geschehen könnte.

Zu denken wäre an eine eigene, professionelle Berufsausbildung zum Hochschullehrer, an eigene Karrierewege mit Spitzenpositionen, an entsprechende Möglichkeiten des Verdienstes und des Reputationserwerbes. Der Kulminationspunkt der Entwicklung könnte dabei selbstverständlich nicht eine Vorstellung sein, die das Universitätsstudium als Kopie einer innerbetrieblichen Berufsausbildung begreift. Wie sollte der Hochschullehrer auch für einen ganz spezifischen Beruf ausbilden, den er selbst zumeist gar nicht ausübt - und warum sollte die Universität eine derartig praxisnahe Ausbildung anbieten, wenn gesellschaftlich gar nicht klar ist, ob es die entsprechenden Berufe in fünf, zehn, fünfzehn Jahren überhaupt noch geben wird? Wie eine emanzipierte Lehre sinnvoll aussehen könnte, das wäre von den Beteiligten selbst zu entwickeln.

Der Vorteil eines egalitären Modells gegenüber dem hierarchischen läge vielleicht darin, dass primär mit Lehre identifizierte Hochschulangestellte, die es in Zukunft erwartungsgemäß immer häufiger geben wird, ihre Berufssituation selbstverständlich als Resultat eigener Wünsche und Entscheidungen darstellen könnten, anstatt sie als Ausdruck eines durch wissenschaftliche Impotenz bedingten Scheiterns zugerechnet zu bekommen. Es wäre ein System, das Wahlmöglichkeiten für Angestellte und Studenten erweitern würde und helfen könnte, statistisch heute bereits absehbare Enttäuschungen - man denke an aktuelle Promovendenquoten in Relation zu freiwerdenen Lehrstühlen! - langfristig zu verringern. Es wäre auch ein System, in dem man tatsächlich an Wissenschaft interessierte und für sie geeignete Personen anspruchsvoller unterrichten könnte, ohne dass dem weiterhin der Beigeschmack von Partikularismus und Patronage anhaftete.

Im Schatten der Einheit von Forschung und Lehre wird man jedenfalls dauerhaft nicht verweilen können. Man denke nur an die „Bildungsoffensiven“ der Politik, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie gewillt sind, immer größere Anteile einer Kohorte durch Universitäten zu schleusen, ja sie geradezu dorthin zu treiben. Bekanntermaßen folgen sie mit diesen Ambitionen einem weltweiten Trend. Da wird es nichts helfen, aus einstweilen gesicherten Stellungen heraus, durch politischen Aktivismus gelegentlich aufgeschreckt, die Reformen weiterhin nur als neoliberale Zündelei am Humboldtschen Erbe zu geißeln und dagegen rituell die Harmonieformel von Forschung und Lehre zu beschwören.

Christian Hilgert ist Stipendiat des „Instituts für Weltgesellschaft“ der Universität Bielefeld.

Quelle: F.A.Z.
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