27.06.2008 · Die private Universität Witten/Herdecke muss sich wieder mit längst überwundenen geglaubten Finanzsorgen rumschlagen. Denn ein Sponsor hat den Geldhahn zugedreht und fordert mehr unternehmerisches Handeln an der Hochschule.
Anfang Juli beginnen die Semesterferien an der privaten Universität Witten/Herdecke (UWH), doch eine ruhige Sommerzeit steht den Verantwortlichen in den beiden Städtchen an der Ruhr wohl kaum bevor. Es kriselt an der Universität, es geht mal wieder um das Thema Geld. Schon seit Jahren steht die Hochschule finanziell auf wackeligen Beinen. Zwar zeichnete sich im vergangenen Sommer eine Lösung ab, als die mittelständische Beratungsgesellschaft Droege International Group AG aus Düsseldorf eine Spende in Höhe von 12 Millionen Euro, verteilt über sieben Jahre, in Aussicht stellte. Doch jetzt hat Walter Droege den Geldhahn zugedreht - zumindest vorerst.
Auf dem deutschen Markt für private Hochschulbildung sorgt diese Nachricht für Unruhe. Als die UWH im Mai 1983 den Betrieb aufnahm, war sie hierzulande die erste ihrer Art. Die Gründer rund um den ersten Präsidenten Konrad Schily nahmen sich viel vor: "Bildung in Freiheit und Verantwortung" sollte die Universität vermitteln und "Vorbildcharakter" haben. Heute zählt die Hochschulrektorenkonferenz 72 private Anbieter, an ihnen sind etwa 3 Prozent der rund 2 Millionen Studenten in Deutschland eingeschrieben. Die meisten privaten Hochschulen werden - wie die European Business School in Oestrich-Winkel, die Frankfurt School of Finance und auch die UWH - als Stiftungen geführt. Es versuchen sich aber auch Unternehmen mit Gewinnabsicht auf dem wachsenden Markt.
Kann eine Hochschule rentabel sein?
Vor einem Jahr etwa übernahm die Hamburger Beteiligungsgesellschaft Educationtrend AG die International University in Bruchsal. Educationtrend hält auch 97 Prozent an der privaten Hanse-Universität in Rostock, die im vergangenen Oktober den Betrieb aufgenommen hat. Bernhard Peters, der Vorstandsvorsitzende, sieht beide auf dem Weg zum "marktfähigen Gesamtunternehmen Universität", an der sowohl die wissenschaftliche Freiheit als auch die wirtschaftlichen Ziele der Geldgeber gewahrt werden. Der Fall Witten/Herdecke wirft nun ein Schlaglicht auf Kernprobleme jeder Art unternehmerischen Engagements im Bildungswesen: Welche Forderungen dürfen Sponsoren und Stifter stellen? Und: Kann eine Hochschule rentabel sein?
Walter Droege arbeitet nach eigener Aussage seit mehr als zehn Jahren mit der Universität Witten/Herdecke zusammen, er schätzt den breiten Ausbildungsansatz mit dem sogenannten Studium fundamentale, er sieht viel Potential, etwa in der Medizin. Deshalb habe er zugesagt, als ihn die Hochschule um finanzielle Unterstützung gebeten habe. "Ich bin von dieser Universität überzeugt, das gilt auch heute noch", betont Droege im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch Droege ist Unternehmensberater. Er knüpft die Zahlung der Millionen an Bedingungen, sogenannte Meilensteine - eine neue Gesamtorganisation zum Beispiel, aber auch die Fokussierung des Studienangebots.
„Ich bin nicht die Feuerwehr, die unentwegt Geld nachschießt“
Einen ersten Betrag von 2,6 Millionen Euro hat Droege im vergangenen Herbst gezahlt. Doch seitdem habe sich nichts getan, klagt er nun. Im Frühjahr habe die Universität einen Businessplan vorgelegt, der einen Verlust vorsehe. Außerdem weigere sie sich, die Mitarbeiterstärke zu reduzieren. "Die personelle Ausstattung dieser Hochschule ist in Deutschland einzigartig", sagt Droege. Die Professoren, kritisiert er, würden kaum Drittmittel einwerben, auch den lukrativen Weiterbildungsmarkt ignoriere die Hochschule.
"Ich bin nicht die Feuerwehr, die untentwegt Geld nachschießt", verteidigt Droege seine Entscheidung. Zugleich bestreitet er, sein Engagement je als Investment gesehen zu haben. "Ich wollte damit nie Geld verdienen." Zwar habe er für eine Bürgschaft die Hälfte der Anteile der Universität als Sicherheit angedacht. "Aber die hätte ich der Stiftung später wieder geschenkt." Trotz des mittlerweile öffentlich ausgetragenen Zwists will sich Droege noch immer an sein Angebot halten. "Wenn sich weitere Sponsoren finden und die Universität sich deutlich verschlankt, bin ich weiter bereit, sie finanziell zu unterstützen."
Geringes Stiftungsvermögen
Mitstreiter werden nötig sein. Denn schon 2005 stellte der Wissenschaftsrat in Witten/Herdecke nur "knapp ausreichende finanzielle Voraussetzungen zur Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs" fest - und kündigte eine Nachprüfung an. Fällt sie negativ aus, steht die staatliche Anerkennung, die Voraussetzung zur Erteilung akademischer Abschlüsse, auf dem Spiel. Eine Analyse der Einnahmequellen zeigte zudem, dass Spenden und Sponsoring mit durchschnittlich 8,5 Millionen Euro im Jahr zwar vergleichsweise ergiebig sprudelten. Studiengebühren deckten jedoch nur einen unterdurchschnittlichen Anteil am 29-Millionen-Euro-Budget. Und das Stiftungsvermögen war mit rund 30 Millionen Euro gering.
Zum Vergleich: Die International University in Bremen, die Ende 2006 in finanziell prekärer Lage war, retteten damals 200 Millionen Euro von der Jacobs-Stiftung. Die Namensänderung in Jacobs University im Februar 2007 war nur ein Teil der Gegenleistung dafür. Gebunden ist der auf fünf Jahre verteilte Geldsegen auch an die Forderung, dass die Universität ihr Defizit tilgt. Joachim Treusch, der Präsident der Hochschule, gibt sich zuversichtlich. "Wir sind da auf einem guten Weg, sogar besser als die Kalkulation."
Treusch lobt die Zusammenarbeit mit Klaus Jacobs, dem früheren Hauptaktionär des Lebensmittelskonzerns Jacobs Suchard, in den höchsten Tönen: "Bisher hatten wir mit ihm nur positive Erfahrungen - insbesondere, weil akademische Freiheit für uns beide das höchste Ziel ist." Aus Witten/Herdecke hört sich das nicht ganz so euphorisch an. "Die Universität möchte mit jedem Sponsor gut zurechtkommen", heißt es von dort. In einer finanziellen Krise stecke die UWH nicht, es seien allerdings ganz konkrete Schritte zur Verbesserung der Einkünfte vorgesehen. Der erste: Zum Wintersemester steigen die Studiengebühren. Statt 30.000 Euro kostet ein wirtschaftswissenschaftliches Studium dann 55.000 Euro.