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Studienstadt Jena : Photonenlaser, Schiller und Currywurst

Auch 25 Jahre nach dem Mauerfall könnten viele Deutsche Jena nicht auf der gesamtdeutschen Landkarte markieren. Dabei lohnt es sich, Jena zu entdecken. Bild: F.A.Z./Jonas Jansen

Die Universität Jena hat sich auf Optik und Biotechnik spezialisiert. Damit zieht sie Forscher und Studenten aus der ganzen Welt an. Viele, die eigentlich nicht gekommen sind, um zu bleiben, tun nun genau das.

          Nach Jena kommt man wegen der Currywurst und der hausgemachten Mayonnaise und bleibt wegen allem anderen. Denn „Jena klebt“, wie die Studenten hier sagen. Und das hat nur ein Stück weit mit Trüffelmayonnaise zu tun. Es gibt da diesen Imbiss direkt an der Wagnergasse, der einzigartigen und einzigen Kneipenstraße von Jena. In den Semesterferien wartet man dort 15 Minuten in der Schlange, während des Semesters eine Dreiviertelstunde. Das liegt an den vielen Studenten, klassischen Currywurstkonsumenten.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Jeder vierte Einwohner von Jena studiert. Die Universität prägt die Stadt, selbst im Jentower, den hier alle Keksrolle nennen und der mal für das Optikunternehmen Carl Zeiss Jena gebaut wurde, hat die Universität Büros bezogen. Und egal, wen man fragt, ob Studierende, Studienbetreuerinnen oder Professoren, sie alle sagen das Gleiche: Viele Studenten kommen wegen der Stadt und bleiben wegen der Forschung.

          Zum Studium gekommen sind auch Elina Holve, 22 Jahre alt, und Jill Niederauer, 20. Sie sitzen auf den Treppenstufen vor der Bibliothek und haben einander viel zu erzählen. Denn sie beginnen hier gerade ihr erstes Semester. Holve studiert Geographie und kommt eigentlich aus Euskirchen im Rheinland. Sie wollte dort weg und ist nach Jena gezogen, weil die Stadt nicht allzu groß ist. Berlin, ja, wäre cool gewesen, aber auch „viel zu viel Ablenkung“, da würde das Studium zwölf Semester dauern.

          Für viele ein blinder Fleck auf der Landkarte

          Außerdem sei Jena die zweitwärmste Stadt Deutschlands, das war auch nicht unwichtig, schließlich sei sie gerade erst aus Kenia zurückgekommen. Niederauer studiert Politikwissenschaft, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft. Sie ist aus Heidelberg hergezogen, hier kennt sie schon ein paar Leute, die ihr die Stadt empfohlen haben. Kurze Wege, viele junge Leute und die passenden Fächerkombinationen, das ist für die beiden Bachelorstudentinnen wichtig.

          Dafür sind sie aus Westdeutschland nach Ostdeutschland gezogen, in eine Stadt, von der zwar viele Menschen schon gehört haben, die aber auch 25 Jahre nach dem Mauerfall viele noch nicht auf einer Karte markieren könnten. Trotzdem kann man sich in Jena nicht über mangelnden Zulauf beklagen: Die Studentenschaft kommt inzwischen mehr aus dem Ausland oder den alten Ländern als aus den neuen, hat Eva Schmitt-Rodermund in einer Befragung ermittelt.

          Die Professorin sitzt fünf Gehminuten (Stichwort: kurze Wege!) von der Bibliothek entfernt im schönen, alten Universitätshauptgebäude in Zimmer 238, sie verwaltet die Schaltzentrale für das „Studentenparadies“. Das Paradies ist zur Hälfte Wortwitz - ein Park und ein Bahnhof in Jena heißen so - und zur Hälfte ein Ziel der Bemühungen der Professorin. Die Studierenden sollen sich in der Stadt wohl fühlen, denn wer zufrieden ist, empfiehlt sie weiter.

          Hegel und Schiller sind allgegenwärtig

          Knapp 19.000 Studenten zählt die Friedrich-Schiller-Universität in diesem Semester. „Mehr als die Hälfte der neuen Studierenden kommen hierher, weil sie von Dritten davon gehört haben“, berichtet Schmitt-Rodermund, die als stellvertretende Kanzlerin für „studentische Angelegenheiten“ verantwortlich ist. Die Professorin, die eigentlich aus der Psychologie kommt, hat mit ihren Kollegen etwa ein Frühwarnsystem entwickelt, das automatisch Alarm schlagen soll, wenn jemand durchzufallen droht.

          So könnte die Uni, bevor es richtig brenzlig wird, den Studenten noch mit Nachhilfeangeboten unterstützen und einen Studienabbruch verhindern. Ebenso sorgen ihre Leute aber auch dafür, dass genug Papier in den Toiletten des Hauptgebäudes vorhanden ist, das gehört auch zum Service im Paradies. Die Universität hat ihre Forschungsschwerpunkte auf drei Bereiche konzentriert, die sie „Light, Life, Liberty“ nennt. Für den dritten Bereich etwa steht Stefan Matuschek, Professor für Neue deutsche Literatur und Direktor des Forschungszentrums „Laboratorium Aufklärung“.

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