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Turbo-Studiengänge : Im Eiltempo zum Doktor

  • -Aktualisiert am

Auch in Studiengänge, die vorher mit Blick auf eine spätere Promotion eher ein Schattendasein geführt haben, kann jetzt im Fast Track ein Doktor gemacht werden - zum Beispiel im Lehramt. Bild: dpa

Auf der Überholspur: Neue Studiengänge führen direkt zur Promotion. Sie sind vor allem für Ambitionierte sinnvoll - aber auch für Unentschlossene.

          Seit der Umstellung auf Bachelor und Master ist ein Lotterleben nach dem alten Studentenklischee kaum noch möglich. Der Student von heute muss sein Studium bis ins Detail planen. Sogenannte Fast-Track-Studiengänge treiben diese Entwicklung neuerdings auf die Spitze: Sie führen die Studenten nach dem Bachelor innerhalb von vier Jahren nicht nur zum Master-Abschluss, sondern auch zur Promotion. Das Studium ist meist in zwei Phasen unterteilt. Während der ersten zwei Jahre absolvieren Studenten wie einen Bachelor, dann den Master. Parallel nehmen sie an Zusatzveranstaltungen teil, die sie gezielt auf eine Promotion vorbereiten. Nach dem Master können Studenten auf diese Weise schneller ihren Doktortitel erwerben.

          In Deutschland gibt es inzwischen mehrere solcher Turbo-Studiengänge. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Technischen Universität Dortmund bietet seit dem Jahr 2011 Master-Studenten die Möglichkeit, bei entsprechender Eignung schon vorm Abschluss zu promovieren. Die fehlenden Master-Credits gleichen sie mit Leistungen aus, die sie gezielt auf die Promotion vorbereiten. Die Fakultät für Volkswirtschaftslehre derselben Universität bietet eine solche Ausbildung seit 1996 an. „Wir wollen guten Studenten über den Fast-Track-Studiengang einen verkürzten Weg zur Promotion eröffnen“, sagt Wolfram Richter, Professor für VWL an der TU Dortmund.

          Schon im ersten Semester des MasterStudiums sollen die Studenten sich auf ihre Promotion vorbereiten und mit ihrem Forschungsthema auseinandersetzen. Gemeinsam mit anderen Ruhrgebietsuniversitäten und dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung unterhält die Dortmunder WiSo-Fakultät die Ruhr Graduate School in Economics. Auch sie bietet ein Promotionsprogramm für besonders schnelle Studenten an.

          Expertenlücke soll geschlossen werden

          Weitere Universitäten arbeiten an ähnlichen Studienangeboten. Lehramtsstudenten können seit dem Sommersemester 2014 im Fast-Track an der Berliner Humboldt-Universität promovieren. Auch hier absolvieren Studenten innerhalb von vier Jahren Master und Promotion. Zunächst studieren sie den Master of Education. Gleichzeitig nehmen sie an Zusatzveranstaltungen teil. Anders als beim konventionellen Lehramtsstudium können Studenten einige Seminare durch wissenschaftliche Veranstaltungen ersetzen. Nach dem Master beginnt mit der Promotion die zweite Phase des Studiengangs.

          Um einen Platz im Fast-Track-Studiengang zu bekommen, müssen die Master-Studenten unter anderem ein Promotionsexposé verfassen, in dem sie ihr Forschungsthema beschreiben. Außerdem bekommen nur Studenten, die überdurchschnittliche Noten vorweisen können, die Gelegenheit, auf der Überholspur zu promovieren. Die Teilnehmer seien „allesamt besonders engagierte und begabte Studenten“, sagt Annette Upmeier zu Belzen, Initiatorin des Berliner Studiengangs. Für die Teilnehmer gibt es ein monatliches Stipendium von gut 1300 Euro.

          Derzeit erhalten vier Studenten dieses Stipendium. Upmeier zu Belzen will noch mehr Geld dafür einsammeln: „Wir wollen möglichst alle Studenten finanziell unterstützen.“ Die Idee hinter dem besonderen Studiengang: Die promovierten Lehrer können nach ihrem Studium nicht nur an der Schule unterrichten, sondern unter verschiedenen Berufen wählen. Sie könnten nach der Promotion in der Bildungswissenschaft, der Senatsverwaltung, in Stiftungen arbeiten. Upmeier zu Belzen ist von dem Konzept überzeugt: „Deutschland fehlt es an Experten in der Bildungswissenschaft. Diese Lücke können wir eines Tages mit Hilfe unserer Absolventen schließen.“

          Auf dem schnellsten Weg zum puren Theoretiker?

          Das hat auch Torsten Steuer überzeugt. Er studiert Wirtschaftspädagogik auf Lehramt und Betriebliches Rechnungswesen im Fast-Track an der HU Berlin und ist noch unentschlossen, welchen Beruf er nach seinem Studium ergreifen will. „Ich kann mir gut vorstellen, Lehrer zu werden“, sagt Steuer. „Allerdings möchte ich eines Tages vielleicht einmal im Bereich der Schulentwicklung arbeiten“, sagt er.

          Nicht jeder ist von dem Konzept überzeugt. Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands und Schulleiter am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium im bayerischen Vilsbiburg, zählt zu den Kritikern: „Wir brauchen gute Lehrer und nicht mehr Lehrer, die sich nur theoretisch mit der Bildung beschäftigen.“ Die Inhalte des Fast-Track-Studiengangs böten kaum Möglichkeiten, die gelernte Theorie in der Praxis zu erproben. Kraus fürchtet, promovierte Lehrer würden zu theoretisch an ihre Arbeit als Lehrer herangehen. „Lehrer, die den Schulalltag bisher nur im Blickwinkel von Tabellen und Statistiken gesehen haben, stehen vor der Klasse und sind überfordert“, sagt er. „Ihr Repertoire an Methoden, die sie im Studium gelernt haben, funktionieren nicht in der Praxis.“

          Derartige Angst verspürt Marvin Rost nicht. Er studiert Chemie und Ethik auf Lehramt im Fast-Track-Studiengang an der HU Berlin und gibt sich überzeugt: „Ich werde nicht um die Anerkennung von Schülern und Kollegen kämpfen müssen, solange ich nicht als Besserwisser auftrete, sondern offen gegenüber Erfahrungen bleibe.“ Hinzu kommt: Rost und seine Kommilitonen müssen wie jeder andere Lehramtsstudent Praxiserfahrung sammeln, indem sie ein Referendariat machen. „Der Praxisbezug kommt im Studium leider zu kurz“, sagt aber auch Steuer. Im Referendariat allerdings gleiche sich der fehlende Praxisbezug aus.

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