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Veröffentlicht: 14.07.2016, 05:40 Uhr

Texte verfassen Wege aus der Schreibblockade

Lange Texte zu schreiben macht vielen Studenten Angst. Sie haben wenig Übung und keine Strategien. Dabei gibt es für sie immer mehr Hilfen.

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© © Epoxydude/fstop/Corbis Wieder nichts: So mancher Schreibversuch endet mit ernüchternden Ergebnissen.

Die Hausarbeit soll der große Wurf werden, Thema verstanden, Stoff filetiert - und los geht’s. Zumindest in der Theorie. In der Praxis wird stattdessen die Tastatur angestarrt oder die Küche gefeudelt. „Ich habe ein bisschen prokrastiniert und gedacht, man könnte mal wieder die Wohnung putzen, in der Hinsicht war das echt praktisch“, zitiert Philipp Rother selbstironisch das modische Wort fürs Aufschieben unliebsamer Aufgaben. Für den Grundkurs Öffentliches Recht an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität musste der Jurastudent im zweiten Semester einen Fall über Luftfahrtsubventionen bearbeiten und sich gescheit darüber auslassen, was geschieht, wenn es um mehr als zehn Millionen Euro geht, der Bundestag zustimmen muss und die Opposition klagt. „Ich finde es interessant, die Grundlagen des Verfassungsrechts kennenzulernen und zu verstehen, wie das Grundgesetz funktioniert. Aber an der Arbeit habe ich mal hier, mal da rumgebastelt.“ So geht es nicht nur ihm.

Ursula  Kals Folgen:

Zum Glück fiel ihm vor der Mensa ein Flyer in die Hand, nicht mit dem üblichen Werbekram, sondern eine Einladung zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Erfunden wurde die kreative Nacht an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), immer mehr Hochschulen knüpfen an das Konzept an. Bedarf gibt es: In Studien geben die Hälfte der Studienabbrecher ausdrücklich Schreibprobleme als Grund für ihr Scheitern an. Eine Ursache dürfte in den modularisierten Studiengängen liegen, die Abgabefristen für Hausarbeiten streng regeln und drei Seminararbeiten innerhalb von drei Wochen fordern. Kommt dann die Angst vor dem weißen Blatt hinzu, wird es bedrohlich eng.

 
Lange Texte zu schreiben macht vielen Studenten Angst. Dabei können einfache Techniken helfen.

Also auf zur „Langen Nacht“, die in München an einem Frühlingstag um 16 Uhr begann und um 23 Uhr endete. Ohne große Erwartungen und weil er „an dem Abend ohnehin nichts vor“ hatte, ging Philipp Rother hin. Das war die Wende. Der 19-Jährige hörte sich im Gebäude des Juristischen Seminars an der Ludwigstraße kurze Vorträge an, sparte sich Schreibtischyoga und Motivationscoach. Sein Schreiben nahm Schwung auf, weil er auf Kommilitonen traf, denen es ebenso ging. „Wir haben in lockerer Runde zu sechst mit Laptops zusammengesessen, geplaudert und getippt. Man will selbst nicht daneben sitzen und nichts machen.“ In eine Art „wissenschaftlichen Flow wie in der Bibliothek“ sei er zwar nicht geraten, aber die Nacht tat seiner Arbeit gut. „Die Motivation, die man sich gegenseitig zugespielt hat, ist eine gute Sache“, findet der Jurastudent. Die Atmosphäre unter den mehr als 300 Studenten war produktiv. Seine Hausarbeit brachte ihm mit neun Punkten „ein gar nicht so schlechtes Ergebnis“ ein, sagt Rother, der einer von inzwischen 1400 Studenten ist, der Angebote zum Schreibtraining an der LMU wahrgenommen hat.

„Wie beim Geigespielen kann man Techniken lernen“

Warum geraten Studenten in Schreibschwierigkeiten? Unter anderem durch die verbreitete Vorstellung, dass zum Schreiben großes Talent gehört, vermutet Bärbel Harju. „Aber wie beim Geigespielen kann man Techniken lernen und damit gut werden“, sagt die Leiterin des Schreibzentrums der LMU, die mit halber Stelle, einem kleinen Team und großem Enthusiasmus das Schreibtraining koordiniert. Nicht zufällig ist sie promovierte Amerikanistin und hat bei Gastaufenthalten schätzen gelernt, dass die meisten amerikanischen Unis „writing labs“ oder „writing centers“ haben. „Die Amerikaner sind überzeugt, dass Schreiben ein Prozess ist. In Deutschland herrscht eher der Glaube, es gehe um Kreatives, eine Eingebung.“

Und davor knickten junge Leute ein und nehmen es als individuelles Scheitern wahr, wenn sie mit dem Referat nicht weiterkommen. Deshalb gibt es Einzelberatungen, Seminare, zehn Tutoren, Workshops und eben die Nächte der aufgeschobenen Hausarbeiten. Übrigens ausdrücklich fächerübergreifend. Bärbel Harju will „Hilfe zur Selbsthilfe“ bieten und Studenten befähigen, den ersten Schritt zu tun, die ersten Sätze zu schreiben. Um ein fertiges Hochglanz-Endprodukt gehe es nicht. „Schreiben bedeutet auch, umschreiben, überarbeiten, verwerfen. Das lähmt manche“, hat die Dozentin erlebt. Erfolgsgarant sei der Peergroup-Effekt: Oft hilft es, zu sehen: Anderen geht es auch so, ich bin nicht allein - und schon gar nicht gescheitert. „Jeder hat seine Lieblingsprokrastinationsprojekte“, lacht Bärbel Harju. „Die einen räumen den Keller auf und gucken Netflix-Serien mit schlechtem Gewissen.“ Abiturienten lassen sich von der geforderten Wissenschaftssprache einschüchtern und stellen selbstkritisch fest, dass ihre Texte zu sehr nach Erlebnisaufsatz klingen. Bärbel Harju rät zum Lesen, Lesen, Lesen. „Ich empfehle gerade Studienanfängern, viel wissenschaftliche Literatur zu lesen, denn auch dadurch lernt man das Schreiben.“ Wer das dennoch nicht hinbekommt, der kann zu einer Einzelberatung gehen.

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