10.05.2009 · Ob Berufstätige oder Eltern - „Nicht- Normalstudierende“ müssen an deutschen Hochschulen viele Hürden überspringen. In Amerika, Australien und Großbritannien gehören Teilzeitangebote dagegen längst zum Standard.
Von Nina BrodbeckAuf Antje Wegerichs Flyern steht eine tröstliche Botschaft. „Du bist nicht allein“, versprechen die Flugblätter, die sie auf dem Leipziger Uni-Campus verteilt. „Den meisten ist gar nicht bewusst, dass ganz viele hier die gleichen Probleme haben wie sie selbst“, begründet die 29 Jahre alte Mutter einer dreijährigen Tochter ihre Aktion. 3000 Mütter und Väter sind derzeit in Leipzig eingeschrieben; Wegerich ist eine der Initiatorinnen der „Arbeitsgemeinschaft Studentische Eltern“. Sie will den studierenden Eltern helfen, den Alltag zwischen Kind und Campus zu meistern. Sie berät sie, organisiert Elterntreffen und betreut eine Website, auf der sie sich austauschen können.
Aufs Erfolgskonto der AG „Studentische Eltern“ geht zum Beispiel, dass es in Leipzig nun gegen Vorlage der Geburtsurkunde möglich ist, in der Bibliothek auch die Bücher auszuleihen, die eigentlich zum Präsenzbestand gehören. „Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich zu Hause auf Prüfungen vorzubereiten, weil sie ja wegen der Kinder nicht jeden Tag an die Uni kommen können“, erklärt Wegerich. Probleme bereite ihnen aber auch der stark verschulte Stundenplan in den Bachelor-Studiengängen und der Umstand, dass Pflichtveranstaltungen zu Terminen angeboten würden, in denen eigentlich Nachwuchszeit sei - etwa weil die Kindergärten noch nicht offen oder schon geschlossen sind. „Wer jeden Tag zumindest zwei bis drei Stunden mit seinen Kindern verbringen möchte, bekommt in einem Vollzeitstudium Probleme“, fasst Antje Wegerich ihre eigenen Erfahrungen zusammen. „Entweder du brichst das Studium ab oder du studierst nur noch Teilzeit.“
„Diesen Studierenden-Typus gibt es kaum“
Doch nicht nur für Eltern gilt diese Analyse. Aus der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) geht hervor, dass ein Viertel aller Immatrikulierten in Deutschland de facto Teilzeitstudenten sind. Sie wenden in der Woche statt der für ein Vollzeitstudium angesetzten 40 bis 50 Stunden nur rund 34 Stunden für die Uni auf - sei es, um Zeit für die Kinderbetreuung zu haben; sei es, um arbeiten zu gehen, um sich ihr Studium zu finanzieren. Auch viele Behinderte und chronisch Kranke sind praktisch Teilzeitstudenten. So groß die Gruppe ist, so wenig sind die meisten Hochschulen auf sie eingestellt. „Die Hochschulpolitik in Deutschland hing viel zu lange am Bild des sorgenfreien, vollfinanzierten Vollzeitstudierenden“, kritisiert Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. „Das ist aber eine Fiktion. Diesen Studierenden-Typus gibt es kaum.“
Wie aber sollen die Hochschulen den unterschiedlichen Bedürfnissen all dieser „Nicht-Normalstudierenden“ - so nennt die Oldenburger Bildungsforscherin Anke Hanft sie - überhaupt gerecht werden? Für einen Schritt in die richtige Richtung halten viele Experten die Einrichtung zusätzlicher regulärer Teilzeitstudiengänge, denn nur 2,5 Prozent der grundständigen Studiengänge in Deutschland erlauben derzeit überhaupt ein Teilzeitstudium.
Spezielle Lehrveranstaltungen gab es nicht
Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Wer formal den Status des Teilzeitstudenten innehat, zahlt zum einen weniger Semestergebühren, er wendet ja ganz offiziell auch nur etwa 50 Prozent der üblichen Wochenstunden für die Uni auf. Außerdem lassen sich Prüfungsfristen meist leichter verlängern, bei Überschreiten der Regelstudienzeit drohen keine Sanktionen. Allerdings können Teilzeitstudenten auch nur rund die Hälfte der regulären Studienpunkte je Semester erwerben. Zudem entgehen ihnen soziale Vergünstigungen, einen Anspruch auf Bafög haben sie beispielsweise nicht. Und die Studiendauer verlängert sich deutlich.
An der Goethe-Universität in Frankfurt etwa trat eine großzügige Teilzeit-Regelung im Wintersemester 2007 in Kraft, zusammen mit der Einführung von Studiengebühren. Berufstätige Studenten, die zwischen 14 und 28 Stunden arbeiten, und Eltern, die ein minderjähriges Kind betreuen, bekamen nun die Gelegenheit, Gebühren zu sparen. Spezielle Lehrveranstaltungen gab es für sie allerdings nicht - nur die offizielle Erlaubnis, sich für das reguläre Studium doppelt so viel Zeit zu lassen. Rund 2000 Studenten schrieben sich damals für ein Teilzeitstudium ein. Ihre Zahl sank allerdings auf unter 500, als ein Jahr später die Studiengebühren wieder abgeschafft wurden. Ohne finanzielle Erleichterung sei es eben nicht attraktiv, den Teilzeit-Status zu erwerben, sagt Heidemarie Barthold vom „Referat für Lehre und Studium“.
„Wer hat die nötigen Kreditpunkte erreicht und wer nicht“
Auch für Studenten mit Kind ist ein formales Teilzeitstudium oft nur eine Notlösung. „Das dauert einfach zu lange“, sagt Antje Wegerich. „Wenn man dann endlich fertig ist, ist man zu alt für den Arbeitsmarkt.“ Damit die Fachsemester in der Zeit nach der Geburt nicht in die Höhe schießen, rät sie angehenden Eltern deshalb zu Urlaubssemestern, um Leistungspunkte auf Vorrat zu sammeln. Wenn sie später wieder offiziell studieren, ist die Lage entspannter und mehr Zeit fürs Kind - ein Teilzeitstudium der eigenen Art.
Der Zeitfaktor spielt auch für behinderte und chronisch kranke Studenten eine entscheidende Rolle. Brita Kortus von der „Servicestelle für behinderte Studierende“ der Universität Marburg (SBS) berichtet von einer BWL-Studentin, die wegen ihrer Gehbehinderung auf Betreuer und Fahrdienste angewiesen ist. „Bis sich das eingespielt hatte, verging das erste Semester.“ Bevor das zweite begann, erhielt die Frau ein Schreiben von der Universität: die Exmatrikulation. „In den Bachelor-Studiengängen läuft die Zeit wirklich direkt ab dem ersten Tag des Semesters“, sagt Kortus. „Dann wird durchgerechnet: Wer hat die nötigen Kreditpunkte erreicht und wer nicht - und der fliegt.“
Kein formales Teilzeitstudium, sondern individuelle Lösungen
Blinde Studenten etwa, die wegen ihrer Behinderung mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung brauchen, weil sie sich zum Beispiel die Lehrmaterialien erst in Brailleschrift übertragen lassen müssen, würden da schnell in Verzug geraten. „Am härtesten trifft es aber chronisch Kranke“, sagt Kortus. „Das Tückische ist, dass sie nicht wissen, wann wieder ein Krankheitsschub droht und sie ausfallen. Das macht das Bachelor-Studium für sie so schwer, weil ja da alles verzahnt ist und viele Prüfungen schnell aufeinanderfolgen.“ Kein formales Teilzeitstudium, sondern individuelle Lösungen, Fristverlängerungen und andere sogenannte Nachteilsausgleiche seien die richtige Lösung für ihre Schützlinge.
Dass sie die Rahmenbedingungen dafür schaffen müssen, ist den Hochschulen inzwischen bewusst - immerhin hat die Bologna-Reform auch eine „soziale Dimension“, zu der auch die Chancengleichheit gehören soll. Ein weiteres Ziel der Reform ist es, das „lebenslange Lernen“ zu fördern und Weiterqualifizierung auch für Berufstätige zu ermöglichen. Doch dem stehen nicht nur die an Deutschlands Hochschulen chronisch undurchlässigen Schranken für Studieninteressierte ohne Abitur im Weg. Es fehlen auch flexible Studienangebote für Berufstätige.
Alles noch Zukunftsmusik
Wie diese aussehen könnten, beschreibt Wilfried Müller, der Rektor der Universität Bremen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz: „Entweder man bietet am Wochenende ein Parallelprogramm an, also ein volles Studium von Freitagabend bis Sonntagabend. Oder aber es wird in den Alltag der Institutionen hinein ein paralleler Strang gelegt.“ Seiner Meinung nach hilft es wenig, wenn Berufstätige nur den formalen Status des Teilzeitstudenten erwerben können, sich dann aber aus den Vorlesungsverzeichnissen für Vollzeitstudenten das Passende raussuchen müssen. „Das funktioniert nicht. Sie brauchen ein gesondertes Programm.“ Und weil Berufstätige auch nicht regelmäßig an der Uni präsent sein können, muss Multimedia zum Einsatz kommen - zum Beispiel sollten Vorlesungen per Podcast abrufbar und ein regelmäßiger Chat mit dem Professor möglich sein.
Allerdings ist das alles noch Zukunftsmusik. Denn von den gut 11.000 Studiengängen in Deutschland erfüllen laut einer Studie der privaten Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM) derzeit nur zwei Prozent diese Kriterien. In Amerika, Australien und Großbritannien dagegen gehören solche Teilzeitangebote längst zum Standard. Dass hier Handlungsbedarf besteht, räumt Wilfried Müller ein. „Ganz klar, bei den Haushaltsberatungen müssen Sonderangebote für Berufstätige berücksichtigt werden.“ Die Hochschulen dürften für dieses Sonderangebot aber keine gesonderten Gebühren nehmen; deshalb sei angesichts ihrer angespannten Finanzlage nicht zu erwarten, dass sie sich dem Thema mit großer Freude widmeten. Begeistert von dieser Form des Teilzeitstudiums wären dagegen sicher die Studenten - und zwar nicht nur die berufstätigen, sondern auch alle anderen „Nicht-Normalstudierenden“.
Man lernt nie aus
- Berufstätigen hilft das Aufstiegsstipendium bei der Finanzierung einer Weiterbildungs-Auszeit. Mehr unter: www.aufstieg-durch-bildung.de
- Die Fernuni Hagen ist der Klassiker untder den Adressen für Teilzeitstudenten. Mehr unter: www.fernuni-hagen.de
- Als vorbildlich flexible Weiterbildung für Kaufleute gilt der internetgestützte Studiengang „Business Administration“ aus Oldenburg. Details im Netz unter: www.bba.uni-oldenburg.de