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Teach First In der Problemschule auf neue Gedanken kommen

Zwei Jahre unterrichten Teilnehmer des Programms Teach First in sozialen Brennpunkten. Danach ist vieles anders. Die Erfahrung als Lehrer hilft in vielerlei Hinsicht.

© dpa Vergrößern Eine Harvard-Studie zeigt: Auch wer in Konzernen Karriere macht, profitiert von der Erfahrung als Lehrer.

Anian Staudigl hatte seinen Weg schon gemacht: BWL-Abschluss, berufsbegleitender Master in internationalem Management, während er bei einer IT-Beratung arbeitete. Die bot ihm einen hochdotierten Festvertrag an. Doch Staudigl lehnte ab, um Fellow bei Teach First zu werden. „Es war so ein Gefühl von ,jetzt oder nie‘“, sagt der 27-Jährige. Teach First Deutschland holt junge Menschen mit besten Berufsperspektiven an Problemschulen, damit sie dort neue Kurse anbieten und Projekte anstoßen. Staudigl ist die Entscheidung gegen den sicheren Beraterjob nicht leichtgefallen: „Ich habe sie schweren Herzens und mit Angst getroffen, aber es war die richtige.“ Teach First Deutschland rekrutiert seit 2009 Fellows. Diesen geben an den Schulen zwei Jahre lang Nachhilfekurse, helfen bei der Einrichtung eines Cafés und coachen Schüler.

„Es gibt so einen Aha-Effekt bei Teach First. Man kann hier mit seiner Arbeit sehr direkt etwas Relevantes bewirken, in einem kleinen Bereich“, erklärt Staudigl. Er arbeitet an einer Hauptschule in Gelsenkirchen. Das Geld, das er bei der IT-Beratung hätte verdienen können, reizt ihn nicht mehr. „Ich bin hier mit gesellschaftlichen Problemen konfrontiert worden, die noch nie Teil meiner Lebensrealität waren, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.“ Ein Schüler sei im Winter mit Flip Flops zum Unterricht gekommen, weil er keine anderen Schuhe hatte. Ein anderer, musikalisch hochbegabt, hat Eltern, die ihm keinen Musikunterricht bezahlen können, sein Talent liegt brach. Die Teach-First-Erfahrung prägt und verändert. „Meinen Berufsweg, meine politische Haltung, wie ich Solidarität betrachte und gesellschaftliche Probleme wahrnehme, sind heute andere als früher.“ Das Phänomen, das Staudigl beschreibt, ist Ziel des Programms: Die besten Absolventen weichen von den gewohnten Karrierewegen ab, lernen an Haupt- und Realschulen in Problemvierteln der Großstädte eine andere Welt kennen, die sie direkt mit den größten Lücken im Bildungssystem konfrontiert. Oft engagieren sie sich nach der Zeit an den Schulen weiter.

Viele Teilnehmer sind im Bereich Bildung geblieben

Das zeigt die Vorbildorganisation Teach for America. Von den 33.000 Teilnehmern sind viele im Bereich Bildung geblieben. Dafür müssen sie nicht im Klassenraum stehen. In den Verwaltungen von Schulbehörden, politischen Kampagnen zum Thema Bildung, der Leitung von Privatschulen setzen sie das Wissen ein, das sie im Schulalltag erworben haben. Das ergab 2011 eine Harvard-Studie, die auch zu dem Ergebnis kam, dass die Lehrer-Erfahrung denjenigen half, die Karriere in Konzernen machten. Sie glaubten öfter an das Leistungspotential von Bewerbern aus den unteren Gesellschaftsschichten und förderten diese stärker als ihre Kollegen.

Fiona Brunk kann das bestätigen. Die 32-Jährige mit einem Doktortitel in Mathematik war Teach First Fellow in Berlin, bevor sie zur Deutschen Post ging: „Ich habe gelernt, anders über Dinge nachzudenken und andere Entscheidungen zu treffen, als ich das wahrscheinlich früher getan hätte. Das fällt mir auch bei den anderen Fellows auf, die jetzt in Großunternehmen arbeiten.“ Brunk blieb nur ein Jahr beim Bonner Konzern, jetzt hat sie sich mit einem anderen Fellow selbständig gemacht: Sie wollen eine Schule gründen. Ihren Berufsweg hat die Teach-First-Erfahrung grundlegend verändert. Anfangs hatte sie sogar darüber nachgedacht, das Programm abzubrechen. „Vorher war ich an Erfolge gewöhnt, dort klappte auf einmal gar nichts mehr“, sagt Brunk, die es aber als wichtige Erfahrung bezeichnet, zu scheitern: „Ich bin bescheidener geworden.“

Sie sah, wie viel Potential in ihren Schülern steckt. „Wir haben unsere Prüfungsvorbereitungskurse auf Wunsch der Schüler auch am Wochenende angeboten.“ Sie war beeindruckt, wie viele von ihnen kamen und schon nach kurzer Zeit sehr selbständig gearbeitet haben. „Dann haben wir uns gefragt: Warum machen wir nicht eine ganze Schule so?“ Nun hat sie ihr ganz eigenes Schulprojekt begonnen. „Wir brauchen Spenden und wollen das Personal aufstocken.“ In zwei Jahren soll der Unterricht beginnen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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