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Tanzausbildung Mehr als Pirouetten drehen

 ·  Das Bein bis ans Ohr zu schwingen reicht nicht. Tänzer müssen im Studium auch Theorie lernen. So werden sie auf ein Leben als freischaffende Künstler vorbereitet.

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© dpa Eine Festanstellung wie hier beim Züricher Ballett bekommen nur wenige Tänzer.

Wer ein Tanzstudium beginnt, kann eines schon sehr gut: tanzen. Das wurde auch auf der Biennale Tanzausbildung deutlich, die kürzlich in Frankfurt stattfand. Studenten von acht deutschen Ausbildungsstätten waren eine Woche lang zusammengekommen, um über den derzeitigen Stand der Tanzausbildung in Deutschland zu informieren.

Gleichzeitig setzten sie sich mit dem Kulturerbe des Tanzes auseinander – in Workshops und Diskussionen, aber auch in Vorführungen vor einem größeren Publikum, in denen sie zeigten, wie gut sie sich bewegen können.

Der Beruf des Tänzers und seine Ausbildung haben sich gewandelt

“Wer Tänzer werden will, fängt schon früh an zu tanzen“, erklärt Ingo Diehl, Professor für Zeitgenössische Tanzpädagogik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Es sei normal, dass man schon vor dem Studium gut tanzen könne. Doch reiche es heute nicht mehr aus, „das Bein bis ans Ohr zu kriegen“. Der Beruf des Tänzers und damit auch das Tanzstudium hätten sich stark verändert.

Früher bekam ein Tänzer typischerweise ein Engagement an einem Stadttheater und tanzte längere Zeit unter einem Choreographen, der ihm ziemlich genaue Vorgaben machte. Heute gibt es wegen Mittelkürzungen weniger Stellen an Stadttheatern.

Viele Absolventen wählen deshalb den Weg in die freie Szene. „Sie machen eigene Produktionen, unterstützen sich gegenseitig und müssen um Aufmerksamkeit werben“, sagt Diehl. Sie müssen lernen, wie man Finanzpläne erstellt und sich vermarktet – Fähigkeiten, die auch im Studium vermittelt werden.

Theorie und Selbstreflexion

Hinzu kommt, dass es vor allem im zeitgenössischen Tanz üblich ist, dass der einzelne Tänzer an der Entwicklung eines Stückes mitwirkt. Wer sich in den künstlerischen Prozess einbringen wolle, müsse auch theoretisch reflektieren können, erläutert Diehl. „Dadurch bekommen die Tänzer auch in der Praxis einen Schub.“ Entsprechend gehe es mittlerweile im Tanzstudium viel um Theorie und Selbstreflexion.

Die Unterschiede zwischen klassischem und zeitgenössischem Tanz sind allerdings nach wie vor groß. Davon weiß Andrés García zu berichten. Der 21 Jahre alte Spanier begann mit sechs Jahren Ballett zu tanzen. Irgendwann habe er aber gemerkt, dass er etwas anderes brauche. „Ich wollte mich ausdrücken können.“

Heute absolviert er an der Frankfurter Hochschule ein Bachelor-Studium in zeitgenössischem Tanz. „Die Lehrer akzeptieren uns als Persönlichkeiten“, sagt García. „Ich lerne, wie man den Raum nicht nur als Tänzer, sondern auch als Person nutzt.“

Bachelor und Master sind auch im Tanzstudium angekommen

Im Ballett gehe es hingegen immer noch viel darum, wie hoch man das Bein bekomme und wie viele Pirouetten man schaffe, sagt Hana Goseling, die schon einen Bachelor-Abschluss in klassischem Tanz in der Tasche hat. Doch obwohl die 25 Jahre alte Frau gerne über sich und die Welt nachdenkt, könnte sie nicht zum zeitgenössischen Tanz wechseln.

„Ballett war meine erste Liebe, es ist in meinem Charakter“, sagt sie. Goseling hatte am Tanzkonservatorium in Den Haag schon ab dem Alter von zehn Jahren jeden Nachmittag drei Stunden Training. Später machte sie hier ihren Bachelor. So ist sie, wie viele professionelle Tänzer, in der Welt des Tanzes aufgewachsen. „Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen als zu tanzen“, sagt sie.

Auf die Bühne will sie aber nicht mehr. Dort stand sie nach dem Bachelor nur für kurze Zeit. Dann merkte sie, „dass ich etwas anderes finden musste“. „Ich bin ziemlich groß“, sagt die junge Frau. Auf der Bühne seien aber mittlere Größen gefragt. „Es ist für mich nicht so leicht, ein Engagement zu bekommen; zumal viele Frauen um einen Platz kämpfen.“

Goseling hat sich neu orientiert. Sie steckt mitten in einem Master-Studium für Tanzpädagogik an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Sie möchte Lehrerin an einer professionellen Ballettschule werden. Laien zu unterrichten würde ihr schwerer fallen. „Ich bin ein bisschen perfektionistisch“, gibt sie zu.

Dem Tanzstudium habe die Einführung des Bachelor-Master-System gutgetan, erklärt Tanzprofessor Diehl. Es sei nun breiter gefächert. Während das Bachelor-Studium für die Bühne ausbilde, bereite das Master-Studium auf verschiedene Tätigkeit für die Zeit danach vor - in Studiengängen zu Tanzwissenschaften, Tanzpädagogik, Choreografie oder Performance Studies. Schließlich müssen sich Tänzer überlegen, was sie machen wollen, wenn sie nicht mehr tanzen dürfen, können oder wollen. Diehl kennt zu viele, die Hartz IV beantragt haben.

Ausbildungsstätten
  • Hochschulen für klassischen Tanz: Staatliche Ballettschule Berlin, Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, Hochschule für Musik und Theater München, Palucca Hochschule für Tanz Dresden
  • Hochschulen für zeitgenössischen und klassischen Tanz: Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt
  • Berufsfachschulen: Ballettschule Hamburg Ballett, John Cranko Schule Stuttgart (ebenfalls Ballett)
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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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