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Syrien-Konflikt Die Angst einer Doktorandin vor Assad

Eine Syrerin in Berlin kann sich kaum auf ihre Promotion konzentrieren. Sie bangt um ihre Familie und um ihr Leben. Wie der Krieg ein Studium durchkreuzen kann.

© dpa Zerstörung in Syrien: Rund 2100 syrische Studenten in Deutschland bangen mit ihren Landsleuten.

Sie ist immer online. Auf Facebook, auf der Seite ihrer Heimatstadt, auf „The Syrian Revolution 2011“. Dort findet man Filme von zerstörten Häusern, weinenden Frauen, verletzten Kindern, Leichen und Männern, die Gewehre in den Händen halten. Menschen schreien, Maschinengewehre rattern, es sind Bomben und Schüsse zu hören.

Fatima Akad ist 30 Jahre alt. Sie heißt in Wirklichkeit anders, aber sie möchte nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Sie fürchtet, dass Assad ihrer Familie etwas antun könnte, weil sie gegen ihn ist. „Die Sorge ist berechtigt, denn der syrische Geheimdienst ist hier sehr aktiv“, bestätigt ein politischer Fachmann.

Nur vier Unis, viel zu wenig Studienplätze

Vor zwei Jahren, vor dem Krieg, ist Akad nach Berlin gekommen, um hier zu promovieren: „In Syrien ist nichts wie hier, hier ist alles viel besser“, sagt sie. „In Syrien können viele Professoren nicht mit Computern umgehen, sie haben nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Es gibt nur vier Universitäten und viel zu wenig Studienplätze. In meinen Vorlesungen saßen zwischen 1000 und 2000 Studenten, in den Seminaren rund 500. Es gibt keine Labore, niemand führt Experimente durch - es gilt nur, was die Bücher sagen. Obwohl die veraltet sind, dürfen die Professoren nur lehren, was darin steht, selbst wenn die Dozenten im Ausland anderes gelernt haben. Deshalb gehen alle guten Professoren ins Ausland.“

Akad ist Muslimin und hält sich streng an die Regeln des Korans. In ihrem Zimmer hängt ein Kalender, in dem auf die Minute genau die Gebetszeiten verzeichnet sind. Bevor sie jedoch morgens nach dem Aufstehen das erste Mal ihren Gebetsteppich ausrollt und in Richtung Mekka betet, fährt sie ihren Computer hoch. Nach dem Gebet geht sie sofort ins Internet.

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In Aleppo, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, und seiner ländlichen Umgebung, wo der Widerstand gegen Assad von Anfang an stark war, gehen die Kämpfe zwischen Angehörigen des Regimes und seinen Gegnern weiter. In der Stadt ist der Strom seit Wochen abgeschaltet, Lebensmittel und Medikamente sind knapp. Das berichtet Akads Familie. Die Schulen und Universitäten seien voll von Flüchtlingen. Dennoch habe Assad kürzlich Prüfungen angeordnet, zu denen aber kaum jemand erscheine, weil der Weg viel zu gefährlich sei.

Immer wenn Akad Bilder aus ihrer Heimatstadt erkennt, schaut sie sich die Toten und Verletzten genau an. Sie bangt um ihre Familie: ihre Eltern, ihre sieben Geschwister, ihre Nichten und Neffen, deren Fotos an den Wänden ihrer kleinen Wohnung hängen. Ihre Angehörigen gehören zum bürgerlichen Mittelstand, vor der Revolution hatten sie sich mit dem Regime arrangiert. Jetzt sehnen sie seinen Sturz herbei, damit der Krieg aufhört.

Ein Video nach dem anderen

Akad klickt ein Video nach dem anderen an. „Es ist schrecklich“, sagt sie, „täglich sterben ganze Familien.“ Sie sieht sich alle Videos an. „Assad sagt, die Bilder von den Verbrechen der Regierungstruppen im Internet seien alle gefälscht. Alles nur Photoshop!“ Sie lacht zynisch. Ob sie sich bei all dem noch auf ihre Doktorarbeit konzentrieren kann? „Momentan arbeite ich aber nur mit einer Hälfte meines Kopfes.“

Aufgrund der Sicherheitslage musste die deutsche Botschaft in Damaskus ihre Arbeit einstellen. Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat seine entsandten Kräfte aus den syrischen Hochschuleinrichtungen abgezogen.

Derzeit halten sich rund 2100 syrische Studierende in Deutschland auf. Etwa die Hälfte erhält ein Stipendium. Doch nicht bei allen kommt noch Geld an, seit die Finanztransfers zwischen Deutschland und Syrien eingeschränkt worden sind. Mehrere Auslandsämter deutscher Hochschulen haben den DAAD darüber informiert, dass ein Teil der syrischen Studierenden und Wissenschaftler nicht mehr auf finanzielle Mittel zurückgreifen kann. Die parteinahen politischen Stiftungen in Deutschland fördern insgesamt nur eine Handvoll syrischer Studenten. Akad lebt seit der Überweisungssperre von Erspartem. Ein paar Monate kann sie so noch überbrücken - für die Zeit danach hofft sie auf ein deutsches Stipendium.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.10.2012, 08:00 Uhr