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Suhrkamp und Stanford Denken in großen Dimensionen

Seit Jahren vergeudet der Verlag seine Energien in internen Auseinandersetzungen, die dem Ansehen des Hauses stark geschadet haben. Die Nachricht, die alles ändern könnte: Die Universität Stanford erwägt den Einstieg bei Suhrkamp.

© AFP Vergrößern Schon gut sortiert: die Bibliothek der kalifornischen Stanford-Universität

Steht Suhrkamp endlich vor einem wirklichen Neuanfang? Seit Jahren vergeudet der Verlag seine Energien in internen Auseinandersetzungen, die das Ansehen des Hauses stark in Mitleidenschaft gezogen haben. Die Blicke der literarischen Welt, die sich nach Frankfurt richten, haben sich geändert: Die Faszination, die vom einstmals bedeutendsten Verlag der Bundesrepublik ausgeht, hat merklich nachgelassen. An ihre Stelle ist anderes getreten: Unverständnis und Überdruss, Kopfschütteln, auch Schadenfreude. Die Fluktuation im Verlag ist hoch: Nach der überraschenden Trennung von Geschäftsführer Rainer Weiss im Juli letzten Jahres haben auch die einflussreiche Werbeleiterin Anja Schutzbach sowie zwei Lektorinnen den Verlag verlassen. Bernd Stiegler, verantwortlich für das Wissenschaftsprogramm, wechselt dem Vernehmen nach demnächst an die Universität Konstanz. Möchte man eigentlich noch wissen, in welche fruchtlosen Auseinandersetzungen der Verlag sich verwickelt hat?

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In dieser Situation tut sich Suhrkamp schwer, die neuen verlegerischen Anstrengungen, die beiden im Aufbau befindlichen Großprojekte Verlag der Weltreligionen und Edition Unseld, ins rechte Licht zu setzen. Die Öffentlichkeit wartet ab, wie der Rechtsstreit mit dem langjährigen Gesellschafter Andreas Reinhart ausgeht (siehe auch: Suhrkamp Verlag leitet Schiedsgerichtsverfahren ein). Ulla Unseld-Berkewicz zweifelt an der Rechtmäßigkeit von Reinharts Verkauf seiner Anteile an die Hamburger Investoren Claus Grossner und Hans Barlach. Von den Mediationsrunden, die seit einiger Zeit vertragsgemäß zwischen den zerstrittenen Parteien stattfinden, dringt wenig nach außen. Dass sie zu einer Einigung führen werden, gilt als wenig wahrscheinlich. Dann käme es zum Rechtsstreit, der viele Jahre dauern könnte.

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Es geht um etwa ein Drittel der Suhrkamp-Anteile

So ist die Lage, und dies ist die Nachricht, die alles ändern könnte: Die Universität Stanford erwägt den Einstieg bei Suhrkamp. Steve Hinton, Dekan der School for Humanities and Sciences, und der Stanforder Komparatist und Suhrkamp-Autor Hans Ulrich Gumbrecht möchten das Verhältnis zwischen Forschung und Publikation neu definieren. Deshalb denkt man in Stanford nicht nur über eine inhaltliche Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Verlag nach, sondern auch über ein finanzielles Engagement der steinreichen Universität. Das Stanforder Stiftungsvermögen beträgt 14 Milliarden Dollar, der aktuelle Haushalt beläuft sich auf 3,5 Milliarden Dollar. Eine im Herbst begonnene Fünf-Jahres-Kampagne soll bis zu sechs Milliarden Dollar einbringen. Der Jahresumsatz des Suhrkamp Verlags wird auf knapp fünfzig Millionen Euro geschätzt.

Die Universität interessiert sich dem Vernehmen nach nicht nur für die Zusammenarbeit im Bereich des Verlags der Weltreligionen, sondern erwägt, etwa ein Drittel der Suhrkamp-Anteile zu erwerben? Aber welches Drittel könnte das sein? Einundfünfzig Prozent der Anteile hält die Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz über die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung. Wenn sie nur ein Prozent verkauft, verliert sie die Majorität und wäre nicht mehr Herrin im Haus. Zwanzig Prozent hält Joachim Unseld, weitere neunundzwanzig Prozent Andreas Reinhart. Beide wissen nichts von den Plänen der Stanford University, die Joachim Unseld begrüßt: „Ein Engagement einer derart angesehenen Institution zum jetzigen Zeitpunkt wäre sicherlich hochinteressant.“

So wäre der Konflikt mit Reinhart gelöst

Aber was sagt man im Verlag selbst dazu? Thomas Sparr, Pressesprecher und stellvertretender Verlagsleiter, war unlängst in Stanford. Er habe dort einen Vortrag gehalten, und, ja, es habe auch Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Verlag und Universität gegeben. Diese hätten sich aber allein auf der inhaltlichen Ebene bewegt. Die weiterreichenden Überlegungen, die die School for Humanities gemeinsam mit dem Stanforder Development Department, der Stabsstelle für Fundraising und Projektentwicklung, zurzeit anstellen, will Sparr nicht kennen: „Davon ist mir nichts bekannt.“ Es scheint, als könne Sparr, anders als Joachim Unseld, der Idee auch nicht viel abgewinnen.

Dabei kann man sich mit ein wenig Phantasie durchaus folgendes Szenario ausmalen: Stanford unterbreitet Andreas Reinhart ein großzügiges Angebot und übernimmt 29 Prozent von Suhrkamp. Reinhart, der eigenem Bekunden zufolge nichts mehr mit dem Verlag zu tun haben möchte, löst die Vereinbarung mit den Investoren Grossner und Barlach und kann das Kapitel Suhrkamp beenden. Ulla Unseld-Berkewicz hätte statt der schwer kalkulierbaren Herren Grossner und Barlach, die sie als Geschäftsführerin ablösen wollen, nun eine Institution von höchstem internationalem Ansehen als Mitgesellschafter. Der drohende langjährige Rechtsstreit wäre abgewendet und der Konflikt mit Reinhart auf finanziellem Weg gelöst - mit Geld, das, ein nettes Detail am Rande, nicht Suhrkamp aufbringen müsste.

Aus Stanford heißt es bedeutsam, man schätze den Suhrkamp Verlag auch wegen seiner traditionell guten Kontakte zu anderen wichtigen europäischen Verlagshäuser, etwa Einaudi und Gallimard. Amerikaner denken eben gern in großen Dimensionen. Für die deutsche Verlagslandschaft wäre der Einstieg der amerikanischen Elite-Universität bei Suhrkamp ein Novum, für Suhrkamp wäre es endlich ein Befreiungsschlag.

Quelle: F.A.Z. vom 28. April 2007

 
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Veröffentlicht: 28.04.2007, 12:06 Uhr