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Studium und Lektüre Ohne Vorkenntnis

31.03.2008 ·  Kommt man an der Uni vor lauter Modulen wirklich nicht mehr zu den Werken? Der Absatz von Einführungsliteratur in alle möglichen Studiengebiete legt die Vermutung nahe. Doch das didaktisierte Studium bleibt ein leeres Versprechen.

Von Jürgen Kaube
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Dass die Jugend „nicht mehr liest“, die Studenten „nichts mehr kennen“, ist eine alte Beschwerde. Ihr Sinn mag in der mitlaufenden Unterstellung liegen, die Älteren läsen noch. Wobei jeder weiß, dass in den Wissenschaften allgemein viel mehr zitiert als gelesen wird. Als neulich ein deutscher Historiker die Klage darüber mit dem Hinweis beschied, zwischen Lesen und Nichtlesen gebe es ja noch die Zwischenform des wissenschaftlichen Zurkenntnisnehmens - und man könnte ergänzen: auch die des Durchgesehen- oder Malhineingeschauthabens -, war das jedenfalls eine ganz zutreffende Beschreibung.

Allerdings liegt im Hinweis auf das Alter der Beschwerde über Studenten, die zu wenig lesen, noch kein zureichender Grund, sie für unsachgemäß zu halten. Auch wenn es schon tausendmal gesagt wurde, könnte es ja heute stimmen. Will man näher prüfen, ob sich das Leseverhalten geändert hat, so bietet sich als ein Indiz unter vielen das zunehmende Wachstum des Marktes für Einführungen an. Genauer: Die Titelzahl auf diesem Markt hat im vergangenen Jahrzehnt stark zugenommen.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann kommt dem Absatz dieser Einführungen - in Autoren, Sachgebiete, Disziplinen - die Studienreform entgegen. Denn die sechs Semester bis zum Bachelor und der dichtbesetzte, auf studienbegleitende Prüfungen zuführende Stundenplan machen es dem unbekümmerten Leser schwer. Einführungen in so gut lesbare Autoren wie David Hume, Alexis de Tocqueville, Jürgen Habermas oder René Descartes in Händen, oder Bücher, die versprechen, auf 250 Seiten das „BA-Studium Soziologie“ in Einführungs- und Vertiefungsphase zu umreißen, scheinen darauf hinzuweisen, dass sich hier die Einführung beim studentischen Leser an die Stelle von Originaltexten schiebt. Vielerorts hört man, für die Lektüre der Werke selber sei keine Zeit mehr.

Als komme der Germanist um Schiller herum

Einen Zusammenhang zwischen der Studienreform und der Gattung des einführenden Lehrbuchs hat gerade ein Klappentext hergestellt. Auf dem Umschlag einer nach Basis- und Aufbaumodulen gegliederten Einführung in die "Weimarer Klassik" (Wilhelm Fink Verlag, München 2007), heißt es: Die Weimarer Klassik bleibe „der Fixstern der deutschen Literaturgeschichte. Im Zuge der Konzentration auf das Wesentliche, die in den neuen BA-Studiengängen gefordert ist, nimmt die Bedeutung dieses zentralen Themas der Germanistik noch zu. Volker C. Dörrs didaktisiertes und modularisiertes Lehrbuch führt sachkundig in die Literatur Goethes und Schillers ein. Vorkenntnisse ihrer Werke sind zum Verständnis des Bandes nicht erforderlich“.

Man könnte einwenden, dass die Werke vielleicht nicht zum Verständnis, aber doch zur Beurteilung der Sekundärliteratur erforderlich sind. Und ein wenig klingt diese Einladung zum Lehrbuch ja schon so - „nicht erforderlich“ -, als komme der Student dadurch überhaupt um Wallenstein und Iphigenie und Wilhelm Meister sowie um die „logischen Unklarheiten und argumentativen Schwierigkeiten“ (Volker C. Dörr) der Ästhetik Schillers herum. Auf jedes Kapitel folgt in diesem Sinne eine grau unterlegte Ultrakurzzusammenfassung (“Bei Goethe schließlich sind Kunst und Natur eng verschränkt. Die Kunst dient letztlich dazu, die Schönheit der Natur (die eine Form von Organisation ist) tiefer einzusehen - und dies auf eine Weise, die nicht auch durch begriffliche Sprache erreicht werden kann“).

Ganz, ganz wichtig - ganz, ganz leicht

Das "didaktisierte" Lehrbuch schafft wie die meisten Einführungen mindestens genau so viele argumentative Schwierigkeiten wie es beseitigt - man bitte doch nur einmal Drittsemester, den Satz zu erläutern, die Natur (oder ihre Schönheit?) sei „eine Form von Organisation“. Viel Vergnügen beim Korrigieren der Antworten! Genau so bemerkenswert wie die leider meist leere Versprechung „Vereinfachung durch Didaktik“ ist die Unterstellung des Klappentextes: dass ein ganzer Kreis von Studenten des Faches Germanistik existiert, der es als Pluspunkt wahrnimmt, wenn „der Fixstern der deutschen Literaturgeschichte“ ohne Vorkenntnisse aus erster Hand erschlossen werden kann. Es ist ganz, ganz wichtig, aber ihr bekommt es ganz, ganz leicht, so lautet die Reklame. Dabei handelt es sich bei jenen nicht zum Verständnis der Sekundärliteratur erforderlichen Werke nicht einmal um Schriften, die fantastisch schwer, unzugänglich, nur auf Latein greifbar, ellenlang oder furchtbar langweilig wären. Nichts, jedenfalls hier nichts gegen Volker C. Dörrs Aufbaumodul - altertüml.: Kapitel - über „Goethes Epik“, aber die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ erfrischen den Verstand mehr. Warum also im Studium eher ihn als sie lesen?

Bleibt zuletzt die Frage nach der Zeit. Kommt man vor lauter Modulen wirklich nicht mehr zu den Werken? Dann hat die Professorenschaft bei der Erstellung des Pflichtprogramms versagt. Oder hat vielmehr die Furcht vor den Werken zugenommen? Dann wäre Lesenlernen eine der ersten Aufgaben im Bachelorstudium.

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